Schuld sind immer die anderen – oder wie man wieder zu einem US-Klassiker kommt – Teil 2

Sie ist schön. Sehr schön. Und sie ist laut. Sehr laut. Die Rede ist von meiner ‘66er Chevelle SS396 in «aztec bronze» aus dem Hause Chevrolet.

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Mademoiselle Chevelle – from «Georgia on my mind» to «Grüezi Switzerland»!

Seit Mai dieses Jahres steht dieses automobile Kleinod in unserer Garage und ich freue mich jeden Tag über ein wenigstens flüchtiges Wiedersehen. Die Geschichte, welche zu diesem Umstand führt, begann vor einem Jahr (Teil 1). Meine Oldtimer-Gehversuche hatte ich hinter mir und mit einem Pontiac Firebird von 1976 und einem Volvo 145 von 1971 Erfahrungen gesammelt. So wusste ich auch, dass ich wieder einen «Amerikaner» wollte und selber schalten will ich nicht. Das Objekt der Begierde war die «A-body»-Serie von General Motors und hier genauer der Pontiac GTO bzw. die Chevrolet Chevelle. Ursprünglich priorisierte ich den Pontiac, je länger je lieber wurden mir die Design-Details der Chevys. Nach einigen Inspektionen und Enttäuschungen erstand ich – immer noch sozusagen via Fernbehandlung – obengenannte Chevelle. Ausser einiger Bilder, eines Kaufvertrags und einem beträchtlich niedrigeren Konto-Pegelstand hatte ich Ende Jahr nichts ausser freudiger Erwartung.

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Keine Alleinreisende. Hinter der Chevelle steht noch ein tagesaktueller Dodge Charger

Im Januar hatte die Warterei ein Ende und die erlösende Nachricht kam: Sie ist jetzt in der Schweiz. Zusammen mit einem Dodge Charger SRT hatte sich die Chevelle einen Container ab Baltimore geteilt. Das Entladen des Containers ging problemlos vonstatten und Newbie und Oldie rollten aus eigener Kraft aus dem Käfig. Madame zuerst, wie es sich gehört.

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Standesgemässer Abtransport aus dem Container-Port

Was redet der eigentlich die ganze Zeit von «ihr»? Nun ja, im Französischen ist das Auto, la voiture, weiblich. Und «Chevelle» in Ableitung von Chevrolet ist für mich eindeutig weiblich. Und echt, wenn man die Kurven anschaut – welche Zweifel gibt es da noch? Ich bin meiner Frau, die mich in diesem Projekt immer unterstützt und ermutigt hat, unendlich dankbar. Denn wer akzeptiert schon eine «Zweitfrau» (übrigens die Idee meiner «Erstfrau»)?

An einem sonnigen Januartag sah ich sie zum ersten Mal. Was für eine Schönheit, welche Linien! Zu diesem Zeitpunkt hatte Roli Birchler von der Indygarage in Boniswil (er organisierte den Kauf, denTransport und die Zulassung) bereits einen ersten Blick auf Karosserie und Mechanik geworfen. Ich war natürlich sehr gespannt auf sein Verdikt: Alles sogar noch besser als erwartet! Und voraussichtlich nur minimaler Aufwand für die Abnahme. Kein Rost, gute Bremsen, trockener Motor, ordentlicher Lack, gutes Intérieur. Der Magnet blieb an allen kritischen Stellen haften, also keine «bondo-queen». Der Blick unter den Wagen bzw. die Haube offenbarte Erfreuliches: Entgegen des Beschriebs des Verkäufers waren da immer noch der originale Motor und die originale Zweigang-Powerglide-Automatik! Ok, und was ist daran erfreulich, einen Gang weniger zu haben? Die (US)Oldtimer-Gemeinde hat verschiedene «spleens» und einer ist Originalität. Wenn bei einem Auto die Seriennummern von Karosserie, Motor, Getriebe und Hinterachse übereinstimmen, spricht man von «matching numbers». Das muss nicht, kann sich aber positiv im Wert des Autos niederschlagen. Und für den Fan ist es eben einfach attraktiv.

Das mit der Zweigang-Automatik muss man sich übrigens einmal vorstellen. Der erste Gang reicht bei sanfter Fahrweise bis 30-40km/h, dann wird geschaltet (beim forschen Beschleunigen oder bergab gehen auch 60+km/h). Und von da an geht’s dann bis Unendlich – und die Drehzahlen bzw. der Verbrauch sind entsprechend. Spielte damals halt keine Rolle, Ampelstarts und Viertelmeilenperformance waren die Kriterien für «muscle cars». Den Motor an sich kümmert das nicht gross – der Massenausgleich ist perfekt und besonders laut wird er auch nicht. Bei Fahrer und Passagieren stellt sich jedoch eine Art Phantomschmerz ein: Schalt endlich!

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Die 360HP sind etwas hochgestapelt – aber 325HP sind auch ausreichend. Verchromter Ventildeckel und Luftfilter waren übrigens Standard

Und dann das erste Anlassen. Acht Zylinder, dreihundertsechsundneunzig Kubikzoll Hubraum (6.5 Liter), zweieinviertelzöllige Rohre mit zwei Flowmaster Super 40-Töpfen. Hammersound! So richtig fischkuttermässig und mit kleinen Rauchkringeln abwechselnd links und rechts aus den Endrohren. Zwei erwachsene Männer in der Garage mit seligem Grinsen im Gesicht. Die Vor-Ölkrisen-Motoren durften noch mit hoher Kompression arbeiten und hatten keine Katalysatoren. Und so schüttelt ein Big-Block auch einige hundert muntere Pferdestärken aus dem Ärmel und stemmt die Kraft ziemlich ungestüm auf Kurbelwelle und Getriebe. Da muss zwar viel Stahl bewegt werden – Leichtbau in Motor und Getriebe waren noch Fremdworte – aber da kommt schon ordentlich etwas bei den Rädern an.

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Blick auf den „drivetrain“ (Motor, Gebriebe, Differential) und die Sound-Combo

Es wurde Mai bis wir die Chevelle endlich übernehmen durften. Während Monaten konnte niemand das benötigte Ersatzteil der Vorderradaufhängung liefern. Die Lagerbuchse in einem der Querlenker war komplett verbraucht und er hatte sogar begonnen, den Querlenker selbst zu beschädigen. Nicht untypisch – schwere Front, grosse Räder.

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Der buchstäbliche Zahn der Zeit! Kleine Ursache, grosse Wirkung. Der Ersatz-Querlenker war monatelang nicht lieferbar

Daneben wurden die vorderen Federbeine ausgetauscht und der Tacho fachmännisch von Meilen auf Kilometer umgebaut. Bei dieser Gelegenheit kam auch der gesamte Armaturenträger raus – und mit ihm viel Staub.

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Ein paar Schrauben an strategischen Stellen gelöst, gewusst wo und wie ziehen und drücken und raus ist der Armaturenträger!

Die Überführungsfahrt verlief problemlos und ich freundete mich sofort mit «ihr» an. Der Sound ist göttlich und die Federung erfreulich verbindlich. Dass man beim Lenken eher unverbindlich einen Hinweis gibt, in welche Richtung man möchte, wusste ich schon vom Pontiac und den vielen Kilometern im Kaiser CJ5 als Soldat.

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Minimalistisches Design und Minimalistische Instrumentierung. Das Lenkrad lässt sich mit dem kleinen Finger drehen!

Die Instrumentierung ist minimalistisch im Design und spartanisch in der Ausstattung. Tacho, ein paar Lämpchen, Tankuhr. Letztere muss man gut im Auge behalten. Denn erstens ist der Inhalt übersichtlich, zweitens reagiert die Nadel sehr nervös auf Steigungen. Und drittens hat das Triebwerk ordentlichen Durst. Das Originalradio ist noch da, es schweigt aber beharrlich. Ist mir auch wurscht, die Musik kommt eh von hinten. Und das ist mehr als die halbe Miete. Wer US-Autos mag, sucht in der Regel auch den legendären V8-Sound. Anfänger öffnen immer erst die Haube, um diesen Sound zu finden – systembedingt hört man da ausser dem Kühlventilator nicht viel… Wer hören will, muss hinter das Auto, denn der Auspuff offenbart die Musik! Die Prüfer auf dem Amt mussten nach eigener Aussage beide Augen (oder Ohren?) zudrücken, um dem Konzert im vorliegenden Fall ihr Plazet zu geben. Der Grenzwert wurde bei grosszügiger Auslegung eingehalten. Street-legal, nennt sich das.

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Die Sicherheitsausstattung: Ebenfalls minimalistische. Beckengurte und basta

Ebenfalls street-legal und eindeutig grenzwertig ist die Sicherheitsausstattung. Sicherheitsgurte auf vier Plätzen und das war’s. Beckengurte, nota bene. Keine Nackenstützen. Aber zwei Aussenspiegel! Man pflegt in so einem Gefährt ohnehin einen sehr gemütlichen Fahrstil und ist gerne Gentleman und überlässt anderen den Vortritt (man könnte ja!) und die eigene Verwundbarkeit verstärkt diese defensive Tendenz!

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Also aufgepasst: Alles aufbewahren!

Sehr charmant und ebenfalls selten war, dass der originale Kaufvertrag, das Betriebshandbuch und das sogenannte «protect-o-plate» noch vorhanden waren. Das Ding entspricht in etwa dem Plastikkärtchen, welches man beim Kauf eines modernen Autos bekommt. Es enthält nebst Name und Adresse des Käufers auch verschiedene Informationen über Farbe, Modell, Alter und Motorisierung des Autos. Leider ist über die Historie dieses Autos wenig bekannt, ausser dass die Erstbesitzer in Georgia wohnten und der Chevy um die Jahrtausend-wende restauriert und in eine Sammlung gestellt wurde. Danach kam sie auf die eine oder andere Auktion und landete in Florida.

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Protect-o-plate: Kein profanes Kundendienst-Kärtchen sondern Kult-Objekt mit wichtigen Informationen

Besagtes Handbuch hat mich übrigens etwas Neues über Automatikgetriebe gelehrt. Weiss doch jeder, dass man eine Automatik weder anschieben noch -schleppen kann. Denkste! Da ist tatsächlich ausführlich beschrieben, wie man die Powerglide-Automatik anschieben kann.

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Wer hätte das gedacht: Automatikgetriebe können sehr wohl angeschoben werden!

Design ist immer subjektiv und die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Die Chevelle der Jahrgänge 1966 und 1967 gehört meines Erachtens zu den schönsten Modellen der sechziger Jahre.

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Strebebogen bzw. flying buttress auf gotisch…

Sie hat zwar formell die Anerkennung als Design-Ikone nicht erhalten, ein Element ist aber legendär. Nämlich die Dachverlängerung ausgeformt als «flying buttress». Flying what? Architektur-Interessierte kennen das von gotischen Kathedralen. Statischer Druck wurde über einen gespannten Bogen auf die darunterliegende grössere Masse übertragen. Es eröffneten sich gestalterische Möglichkeiten bei beherrschbarem Aufwand. Bei den A-bodies wurde in Anlehnung an diese Prinzip die hintere Dachlinie weitergezogen. Beim BMW 6er-Cabrio aus der Neuzeit nannte man diese Verlängerung Finnen. Statisch könnte man eine gewisse Relevanz für das Manöver orten. Denn für das Auge ist der Verzicht der Designer auf eine B-Säule ein wahrer Genuss.

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…und amerikanisch

Das heisst, die Scheiben in den Türen haben keinen Rahmen und mit heruntergekurbelten Seitenfenstern entsteht der Eindruck eines schwebenden Daches. Die beinahe zugfreie Belüftung gibt es umsonst dazu.

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Pillarless = keine B-Säule

Die eingangs erwähnte Debatte um Originalität beschränkt sich übrigens nicht auf US-Autos. Ich kann mir aber vorstellen, dass sie hier besonders fruchtbar ist. Das kommt daher, dass sich die Hersteller bei der Fertigung gewisse Freiheiten ausnahmen, daher ist die Deutungshoheit umkämpft. Während zum Beispiel in Werk A die Motorräume in Farbe X ausgesprüht wurden, verzichtete man Werk B darauf. Oder man nietete an unterschiedlichen Stellen. Ein lustiges Detail für die automobilen Nerds ist zum Beispiel die Heckblende der ’66er Super Sports-Chevelles. Ist die «original» nun schwarz mattiert oder in Wagenfarbe?

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Welche ist original: Schwarze Heckblende…

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… oder in Wagenfarbe? Die Antwort: Beide!

In den einschlägigen Foren wurde leidenschaftlich darüber debattiert, bis sich Leute zu Wort meldeten, welche seinerzeit für GM arbeiteten. Die Story war, dass die frühen Exemplare des Jahrgangs Blenden in Wagenfarbe bekamen, man später auf unlackiert umstellte, da man der grossen Nachfrage wegen nicht ausreichend lackierte Teile bekam. Se non è vero, è ben trovato.

Man fährt in so einem Auto buchstäblich nie allein – die Vergangenheit fährt mit. Was wurde aus den Bestellern, Mr. & Mrs. Collett aus Forest Park, Georgia? Man weiss es nicht. Spannend bei Oldies im weitgehenden Originalzustand ist die Suche nach verlorenen Dingen. Das kann unappetitlich sein (Kaugummis und so), aber auch lukrativ (Geldscheine etc.). Fündig wurde ich bisher nur im eingeschränkten Masse, wobei ich noch nicht in die hintersten Winkel vorgedrungen bin.

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Rodent alarm: Stopfung aus der Rücksitzbank im Unterboden… Das Behelfsnest war nicht mehr bewohnt

Bei einem leicht zugänglichen Teil des Rahmens lugten Faserreste aus einem Drainage-Loch. Klar, dass man daran zieht und schaut, was folgt. Ein kleines Häufchen Stopfmaterial, mutmasslich von der Rückbank. Wie um himmels Willen kam das dorthin? Die Vermutung ist, dass es sich Mäuse dort bequem gemacht hatten.

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Fast wie Weihnachten – Spur der damaligen Zivilisation

Der Kofferraum offenbart ein charmantes Erinnerungsstück an einen Vorbesitzer. Die Fahrzeugkategorie lief übrigens unter der Bezeichnung «mid-sized». Unsere Vorstellungen zu dem Begriff weichen etwas von der Damaligen ab. Fünf Meter Wagenlänge und ein Gepäckabteil für den halben Hausrat. Hallo? Wie auch immer, zwischen dem Kofferraumboden und der Innenseite der Kotflügel ist auf beiden Seiten ein Spalt. Da kann schon einmal etwas runterfallen. Und abgesehen von massig Laub und Gras, pulte ich einen kleines Etikett mit «Merry Christmas» hervor. Danach kamen nur noch Kies und Staub, welche ich mittels Staubsauger und Druckluft ans Tageslicht brachte.

Jeder Oldtimerkauf ist ein Wagnis und dies ist besonders für amerikanische muscle-cars aus den Sechzigern wahr. Sie waren günstig, potent und zahlreich. Dennoch gibt es heute kaum noch unberührte Exemplare. Viele sehen aus drei Metern Distanz sehr schön aus, der zweite Blick entblösst dann Haarsträubendes. Dass die Preise für gut erhaltene Amerikaner im allgemeinen Oldtimer-Boom stiegen, macht die Sache nicht besser. Schlechte Substanz wird aufgehübscht und der blauäugige Käufer bezahlt die Zeche. Die gute Vorbereitung und der Beizug von Fachleuten hat sich in meinem Fall gelohnt, ebenso eine realistische Einschätzung der Kosten. Ich hatte Glück, mit Roli Birchler (www.indygarage.ch) einen kompetenten und hilfsbereiten Partner gefunden zu haben. Wie bei früheren Gelegenheiten halfen standen mir auch Robin und Raphi (www.klassikerwerkstatt.ch) mit Rat und Tat zur Seite.

Nach den ersten Monaten und einigen hundert Kilometern kennt die Begeisterung keine Grenzen und die lächelnden Gesichter und hochgereckten Daumen lassen sich fast nicht zählen. Die Kombination aus Farbe (sieht in echt noch besser aus als auf jedem Foto) und fliessender Form begeistern Jung und Alt, dazu dieser göttliche Sound. Wie immer bei einem Oldtimer gibt es das eine oder andere Projekt, aber so wie sie jetzt dasteht, ist diese Chevelle ohne Einschränkung ein wahrgewordener Traum!

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Dynamisch aus jeder Perspektive

 

8 Gedanken zu “Schuld sind immer die anderen – oder wie man wieder zu einem US-Klassiker kommt – Teil 2

  1. Pingback: Schuld sind immer die anderen – oder wie man wieder zu einem US-Klassiker kommt | autosleben

  2. Anschieben… Das ist ja wohl eher theoretisch gemeint. Auf 25-30 mph ohne Anschleppen. Da fehlt der Hinweis, den erst mal auf einen Berg zu schieben 🙂 Klingt wie eine Anleitung für den Darwin Award.

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    • Man suche sich eine Sprinterstaffel – es findet sich bestimmt immer leicht eine – und lasse sie schieben 🤗. So kommt man bestimmt fix auf die 40km/h 😁. Ich werde demnächst einen Selbstversuch mit anrollen durchführen und berichten 🤠

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    • Alle Zweifler mögen forthin schweigen: Selbsttest erfolgreich durchgeführt. Bei 25mph ging nichts, der zweite Versuch bei 30mph war von Erfolg gekrönt! Aber aufgepasst, ist dann halt erstmal nix mit Servo beim rollen…

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