Montage Schinznach – Die AMAG konnte einst mehr als nur Autos verkaufen – Teil 1

Die Schweiz war immer eine Autofahrernation aber nie eine Autonation. Die Nachbarländer Deutschland, Frankreich und Italien waren bereits vor dem zweiten Weltkrieg und umso mehr danach bis heute grosse Herstellernationen. Jede mit ihrem eigenen Charakter welcher erst heute mit der Globalisierung unnötigerweise verwässert wird. Die Schweiz war das Land der Autokäufer, ein bunt gemischter internationaler Haufen bildet seit je her die Strassenszene dieses Landes. Jeder Autofahrer wählt heute seinen Wagen ohne Hintergedanken auf eine heimische Industrie. Das war aber nicht immer so.

Selber produziert haben in der Schweiz nur wenige Firmen. Erwähnt werden muss sicher Peter Monteverdi, welcher im Raum Basel exklusive Autos auf der Basis amerikanischer Hersteller konstruierte. In Biel und in Schinznach hingegen existierte je ein Autowerk, welche grössere Stückzahlen auf die Strasse brachten. In Biel wurden von General Motors Opel und amerikanische GM-Modelle zusammengebaut. In Schinznach, um das es in diesem Beitrag geht, wurden Modelle des Chrysler-Konzerns (neben Studebaker, DeSoto und VW) gefertigt. Dazu gehören auch die Handelsmarken Dodge und Plymouth, besser bekannt ist der Überbegriff „MOPAR“. Der Grund für die Fertigung im eigenen Land ist typisch schweizerisch, aber dazu später mehr.

Strassenkreuzer „Made in Switzerland“: Plymouth Savoy

Die AMAG ist VW- und Porsche-Importeur der ersten Stunde, später kamen Audi, Seat und Skoda dazu. Noch vor Ende des zweiten Weltkrieges, gründete Walter Haefner am 03.01.1945 die „Neue Automobil und Motoren AG AMAG“ mit Sitz am Utoquai in Zürich. Schon kurze Zeit später wurde es dort zu eng. 1947 bot sich in Schinznach-Bad der Kauf eines Areals einer früheren Zementfabrik mit Fabrikationshallen an. Im gleichen Jahr erfolgte der Umbau und Schinznach-Bad wurde das Importzentrum für alle Fahrzeuge und ab 1949 Montagezentrum der AMAG.

In den 50er und 60er Jahren gab es Mittelklasseautos eben nicht von Porsche oder VW. Diese Art von Fahrzeugen suchte sich die AMAG daher in Amerika. Die USA genoss in der Schweiz generell einen sehr guten Ruf, ähnlich schwärmten die Schweizer über amerikanische Autos. Ein kleiner Firmeninhaber konnte sich besser im Ami als im Mercedes blicken lassen um seine Kundschaft nicht zu schockieren.

Szene vor der Produktionshalle im Jahre 1956

Ein Mercedes stand damals zu fest für Arroganz, Geld und den erst kurz zurückliegenden zweiten Weltkrieg. Chrysler bot vor allem mit den kleineren Modellen Valiant, Dart und Barracuda interessante Familienautos. Warum aber diese gleich in der Schweiz selbst zusammenbauen?

Zum einen war es ein zolltechnischer Grund, in Einzelteilen importierte und im Land zusammengebaute Autos konnten günstiger verkauft werden. Dieser Umstand und die miese Fertigungsqualität von den ersten Chryslern aus Holland brachten die AMAG zum Automobilhersteller. Nicht vergessen werden darf dabei, dass davor auch einige grosse „Amischlitten“ vom Schlage eines Plymouth Savoy oder Fury, DeSoto-Limousinen oder Studebaker gefertigt wurden.

Die AMAG bzw. deren Tochterunternehmen ASAG war aber kein reiner Zusammenbaubetrieb. Nein, Kühler, Teppiche, Scheiben und weitere Teile kamen aus Schweizer Produktion. Auf dem Kühler steht gross „Helvetia“, da geht dem Schweizer Patrioten das Herz auf. Selbst bei den Sitzen konnte man solche direkt von einem Schweizer Sattlerbetrieb ordern, je nach Jahr war auch eine Recarobestuhlung ab Werk im Angebot.

Die „Hochzeit“ Chassis mit Antrieb und Karosserie werden bei einem Plymouth zusammengebaut

Die Rostvorsorge war deutlich besser als bei den amerikanischen Modellen. Ebenso sind die für Elektrikprobleme berüchtigten „Mopar“ ab Schweizer Produktion besser verarbeitet. Der Valiant und der Dart waren die Limousinen im Angebot, das Sportcoupé hiess Barracuda. Im Valiant bildete der 2.8 Liter „Slant Six“ mit 115 SAE-PS lange Jahre die Basismotorisierung, gefolgt vom 3.7l Slant Six mit 145 SAE-PS. Wer mehr Leistungshunger hatte, konnte ab 1967 einen 4.5l V8 mit einem 2 Barrel-Vergaser bestellen, dieser brachte 190 SAE-PS. Die Sechszylinder wurden nur mit 1 Barrelvergaser angeboten. Später kam der bekannte Standard-V8 von Mopar mit 5.2l in den Valiant und Dart. Der Barracuda wurde nur mit 8 Brennräumen feil geboten.

„MONTAGE SUISSE – Mehrwert durch Schweizer Montage“ war der Werbespruch. Und wenn man die Bauzeit vom amerikanischen und dem Schweizer Fliessband vergleicht, mag da was dran sein: Die Amis investierten 6 Arbeitsstunden in den Bau eines Valiants, die AMAG hingegen 148!

Und hier erfolgt der Zusammenbau eines Karmann Ghias

Die Produktionshalle mit den Anschlussgleisen in Schinznach im Kanton Aargau

In den Produktionsjahren von 1949 bis 1972 verliessen 29’227 Fahrzeuge das Werk in Schinznach, darunter 456 Studebaker, 1’098 Karmann-Ghia, 13’860 Valiant und 4’440 Dart. Geänderte Zollvorschriften, die neue Marke Audi, welche mit dem Audi 100 ebenfalls eine Limousine aber mit sparsameren Motoren anbot und die fehlende Innovation der Amerikaner Anfang der 70er Jahre führten zu einer sinkenden Nachfrage. 1972 endete die Produktion. Die AMAG blieb noch einige Jahre Chrysler-Importeur in der Schweiz.

Im zweiten Teil wird ein Fahrzeug aus dieser Produktion näher vorgestellt.

Dieser Beitrag entstand mit freundlicher Unterstützung der Valiant Owners Directory, der J.H. Keller AG und von Herrn Dino Graf von der AMAG Presseabteilung. Bildrechte bei der AMAG AG.

10 Gedanken zu “Montage Schinznach – Die AMAG konnte einst mehr als nur Autos verkaufen – Teil 1

  1. Wahnsinn, wie sich die Lohnkosten Schweoz/USA auseinanderbewegt haben. 148 Std. vs. 6 Std., bessere Konservierung etc. (=mehr Material) und trotzdem billiger. Oder waren die Zolltarife so exorbitant, dass es nur daran lag?

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    • Meines Wissens war die Belastung durch die Importzölle tatsächlich genug hoch, dass sich das rechnete. Wobei ich mir sicher bin, dass die Schweizer Kundschaft auch bereit war, für die gute Verarbeitung mehr zu bezahlen.

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      • Mein Vater sagte mir mal, es kamen Kunden aus Deutschland, wo in GM Biel und AMAG Schinznach Autos kauften, weil die Schweizer Autos eben die viel bessere Qualität boten!

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  2. Der Grund für die erhebliche „Mehrarbeit“ beim Zusammenbau von Fahrzeugen in der Schweiz mag auch darin begründet sein, daß amerikanische Wagen zu der Zeit serienmäßig fast ohne Korrosionsschutz und teilweise auch ohne Heizung verkauft wurden, was je nach Bundesstaat der USA durchaus sinnvoll war. Jedoch konnte man alles dies und noch vieles mehr Sonderausstattung kostenpflichtig dazubestellen. Ich bin mir aber sicher, daß keines der Schinznach montierten Fahrzeuge ohne Korrosionsschutzbehandlung und Heizung die Montagehalle verließ.

    Siehe Bildersuche zu „Car Sales Invoices 1965“.

    Noch in den 90er Jahren gab es vergleichbar bei verantwortungsbewußten Händlern von preiswerten Marken, die Wert auf eine dauerhaft gute Kundenbeziehung legten ähnliche Nacharbeiten und Verbesserungen an den Neufahrzeugen im Rahmen der Übergabeinspektion vor der Auslieferung an die Neuwagenkäufer.

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    • Da bin ich absolut einverstanden mit Dir. Die Wagen wurden explizit auf die Schweizer Bedürfnisse zusammengebaut. Sei es betreffend Rostschutz oder auch betreffend besserer Kühlung auf Alpenstrassen. Heizung ist und war in Mitteleuropa eh fast Pflicht. Ich denke, darum hat man auch mehrheitlich nur die „kleinen“ Mopars gefertigt, da diese auf den Schweizer Passstrassen problemlos zu fahren sind.

      Die von Dir genannten Nacharbeiten finden meines Wissens immer noch bei den Lada Niva statt.

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