Glückszahl 924. Oder: mein erstes Jahr mit einem Youngtimer

Wie fühlt sich der Besitz eines alten Autos an? Ist Glück erFAHRbar? Hält eine Jugendschwärmerei der Zeit stand? Passt dieser Zustand zu mir?

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Vor Jahresfrist hatte ich gerade eine Phase schwerer Rückenprobleme überwunden. Ein Leben ohne Schmerz schien wieder denkbar. Gleichzeitig schwebte der Gedanke über mir, die Hälfte der hier nutzbaren Zeit schon hinter mir zu haben. Was natürlich Wünsche auf der persönlichen „Bucket-List“ dringlicher werden lässt. Einer dieser Wünsche war der nach einem alten Kahn.

Kinderträume wahrer Traumwagen schieden finanziell von vornherein aus. Sie schienen mir nicht mit der aktuellen persönlichen Realität (mittleres Einkommen, Familie, sparsam verfügbare Freizeit) vereinbar. Freunde wie der Chefredakteur dieses Blogs belieferten mich zuverlässig mit Netz-Funden „vernünftigen“ Blechs. Bevor ich mich aber an einen CX wage oder ein Verhältnis mit einer anderen alternden Diva eingehe, lag deutsche Wertarbeit ein Stück näher. Eigentlich schwebte mir schon lange ein gut gereiftes, erstes BMW Dreier-Cabrio vor. Deren Preise sind aktuell leider nicht mehr so handlich. So kam es zur Glückszahl 924.

Passend zu eigenen Träumereien hatte ein sympathischer Händler im Kanton Thurgau eine Handvoll meiner begehrten Coupés im Stall. Eines mit wunderbar tiefblauem Anstrich und Targadach schien bezahlbar und eine Probefahrt zu lohnen. Doch es kam anders. Das tiefblaue Wunder war schon etwas angenagt, hatte aber einen alpinweissen Bruder. Das wurde meiner.

Das erste Jahr ist um, der Porsche noch da und fahrbereit. Zeit, um etwas Rückschau zu halten.

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Erstens: er fährt. Und wie! Das heisst, man muss sich dazu erst einmal etwas zurück versetzen. In der Zeit. Etwa 35 Jahre. Damals lag der Leistungsschnitt der Motoren auf unseren Strassen ungefähr bei zarten 75 PS. Klar, einzelnes Oberklassenblech hatte grosse 6- oder 8-töpfige Kraftwerke unter der Haube. Die breite Masse jedoch bewegte einen Kadett oder Fiat 124 mit 40 bis 75 PS. Der Porsche hat aber 125 davon. Einfach, dass man das zeitgemäss einordnen kann. Das war damals immerhin die Hälfte eines 911 Turbo. Also: er läuft wirklich, was wie man hört nicht für alle 924 gilt. Zieht gut durch, kleine Berge erklimmen ist im dritten ein Genuss. Das Fahrwerk poltert zwar etwas, hält aber zielgenau die Linie. Glückszahl 924 hierzu? Ja! Sogar zu Viert. Uebrigens regnet es meist, während meiner Ausfahrten…

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Hinten im Familiensportwagen.

Zweitens: es gibt zu tun. Wir sprechen hier nicht von einem Top-Zustand. Eher vom Dreier mit Potential hin zu einem Zweier. Thema Innenraum, der einem alternden Hund ähnelt: leicht ergraut um die Nase, das Fell nicht mehr so glänzend und steter Mundgeruch, die Augen sind aber wach. Hmm… Etwas Patina passt, schiefe, verblichene oder gar fehlende Teile weniger. Und stinken (nach Benzin….) geht gar nicht. Glückszahl 924 hierzu? Jjjjjein. Da muss noch etwas gehen.

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Kranz mit etwas Patina.

Also habe ich nach der Übernahme einmal Inventar gemacht: alle Ladenhüter und abgelaufene Verfalldaten notiert. Ziel: das (Mängel-)Sortiment kennen lernen und verbessern. Apropos lernen: punkto Autotechnik bin ich ein Theoretiker. Ich habe immer Angst, beim Anfassen etwas kaputt zu machen. Vorsicht ist also geboten. Daher überlege ich zuerst gründlich, bevor ich an den Schrauben drehe. Bei komplexeren Sachen muss der Profi ran. Beispielsweise dieser hier .

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Meeting some friends: FEUERVOGEL. Der Pontiac ist knapp zehn Jahre älter…

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…und MOBY. Das wäre die typische Doppelgarage der frühen 1980er des gehobenen Mittelstandes.

Was hat sich denn so getan, ausser rund 2800 verputzten Erstjahr-Kennenlern-Kilometern?

  • Abgefallenen Innenspiegel neu verklebt
  • Neuer abschliessbarer Tankdeckel
  • Defekten Türgriff rechts aussen ersetzt
  • Heckwischer-Motorgehäuse entrostet und neu lackiert
  • Zerbröselten Sonnenblendenclip ersetzt (aus dem 3D-Drucker)
  • Innenbeleuchtung und Instrumentenbeleuchtung wieder gangbar gemacht
  • Hängendes Gaspedal (Bruch) provisorisch geflickt

Als nächstes muss der Geruch weg. Damit die Sinnestäuschung beim offen fahren – Auge sieht Blumenwiese, Nase riecht Benzin – verschwindet. Wir schaffen das. Wie, werde ich hier wieder berichten. Damit wieder Freude herrscht… Und ausserdem:

  • Den Fahrersitz wieder umklappbar machen.
  • Den Porsche – Schriftzug am Heck ergattern und verkleben.

Damit das Dringeste einmal genannt wurde.

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Erste Familien-Ausfahrt mit Picknick im Aargauer Jura.

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Der Schlusswagen bei der Frühlingsausfahrt 2016 der Youngtimer-Connection.

Drittens: Thema Jugendschwärmerei. So, versetzen Sie sich mal kurz in die Lage eines Siebenjährigen. Dieser dreht so mit seinem rücktrittbremsenden Velo (auf gut deutsch: Fahrrad) seine Runden. Beobachtet. Weil er von seinem Grossvater etwas Benzin im Blut vererbt bekam, kennt er alle verkehrenden Autos. Oft sichtet er den Parkplatz der „Migros“ (Kaufladen…dort, wo sich regelmässig auch ein Anliefer-Magirus die Rampe hoch gequält hat…. Haben sie den luftgekühlten V8 noch im Ohr?). Er findet damalige Autos ohne Kopfstützen und ohne Rückfahrscheinwerfer doof und veraltet. Aber plötzlich leuchten zwei der letzteren auf, ein Motor startet, eine unbekannte Form setzt zurück. Aus dem Auspuff ertönt ein sattes Brummen, begleitet vom leisen „ffffff“ der Einspritzung. Das sieht ja sehr modern aus. Ein Schriftzug spannt sich unter den Lichtern von links nach rechts: P o r s c h e , liest der Siebenjährige. 924, erfährt er später. Einer der ersten war’s. Damals, 1976.

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Zwei Gegenstände mit Geschichte: Besuch beim ehemaligen Mittelwellen-Sendeturm „Beromünster“.

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Noch fehlt das Porsche-Label unter den Lichtern.

Lange her! Ganz losgelassen hat er mich seither nie. Diese zeitlose Form… Sie verdeckt, wie alt er sich mittlerweile anfühlt. Lauter kleine Freuden werden geweckt, wenn ich mich mit ihm befasse: der selten gewordene Show-Effekt der ausklappenden Scheinwerfer, die Uhrensammlung, streng deutsch gestaltet, der Ton, in dem der Audi-Motor so bassig klingen darf. Das dumpfe Tresorgeräusch der ins Schloss fallenden Kofferraumklappe. Wer ein altes Auto bewegt, vermerkt stark den Verlust an Charakter bei heutigem Blech.

Glückszahl 924?

Ja, etwas Herzklopfen ist…

 

 

3 Gedanken zu “Glückszahl 924. Oder: mein erstes Jahr mit einem Youngtimer

  1. Pingback: Kurzbericht Tanksanierung Porsche 924 | autosleben

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