350.000km Rost und kein Ende in Sicht

Wie soll ich anfangen? Um nicht lange um den heißen Brei herum zu reden. Es geht um Rost, an den Türen, an den Motorhauben, an den Heckklappen, an den Unterböden, an den Dächern, an den Federaufnahmen und eigentlich sonst überall, wo man es sich vorstellen kann. Es geht aber auch um großartigen Fahrkomfort, moderne Diesel-Motoren, Platz ohne Ende, Laufleistungen, die man diesem Mercedes nicht zugetraut hätte. Kurzum, es geht um ein Plädoyer für die Baureihe W210 von Mercedes-Benz.

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Mercedes-Benz E 220 CDI

Wer mit der Nomenklatur nichts anfangen kann, der wird sich sicher an den ersten Mercedes-Benz mit dem Vier-Augen Gesicht erinnern. Bereits zu Beginn der Produktion im Jahre 1995 hörte man die ersten Unkenrufe, dass der 124er, der letzte echte Mercedes gewesen war. Vermutlich die gleichen Unken haben diese Prophezeiungen bereits bei dessen Markteinführung 1984 behauptet und dem 123er nachgetrauert. Das Modell der oberen Mittelklasse von Mercedes hatte es schon immer einen schweren Stand, da es zum einen Stückzahlträger und damit Bargeld-Kuh (cash cow) war und zum anderen aber alle klassischen Mercedes-Tugenden in sich vereinen musste.

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… für rund 350.000km immer noch relativ gut in Schuss

Wie bin ich also bei dieser fast geächteten Baureihe gelandet? Immerhin bin ich zuvor doch über zehn Jahre einen 190er Baby-Benz gefahren. „Schuld“ ist der öffentlich Personennahverkehr im Großraum Stuttgart. Auch ohne Streiks war das Angebot für mich suboptimal, wie man es heute sagen würde. Also fiel die Entscheidung aufs Auto umzusteigen. Auch keine gute Idee in Stuttgart, wird sich mancher denken und hat dabei Recht. Glücklicherweise muss ich nicht durch die Innenstadt fahren – aber das soll nicht das Thema sein.

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Ist das Vier-Augen-Gesicht nicht einfach freundlich?

Bei einem angepeilten Budget von ca. 2.000€ und den Randbedingungen Diesel (sparsam) mit grüner Umweltplakette (lustiger Aufkleber in der Windschutzscheibe, der als Alibi für die Kommunen herhalten muss etwas für die Luftqualität getan zu haben) waren die Optionen nicht allzu reichlich. Nach mehreren erfolglosen Fahrzeugbesichtigungen früher A-Klassen habe ich dann trotz der Größe und dem angedachten Zweck als Pendlerfahrzeug Richtung C- und E-Klasse geschielt. Über die Gepflogenheiten im Gebrauchtwagenmarkt könnte ich nach ein paar weiteren Fahrzeugbesichtigungen ein Buch schreiben. Der Resignation nahe, da ich keineswegs das Budget hochschrauben wollte, ist mir dann tatsächlich ein E220CDI von 1999 in einer Nachbarstadt und ganz wichtig – von privat – aufgefallen. Entgegen der ursprünglichen Prämissen hatte der Wagen richtig viel Rost. Aber – und jetzt kommt der Teil, in dem man sich einen Gebrauchtwagen schönredet – der Innenraum war gepflegt, keine Hunde, Kamele oder andere Tiere wurde in dem Wagen transportiert, die Mechanik war gut in Schluss, alles funktionierte, es gab einen Satz brauchbarer Winterreifen dazu und der Wagen hatte eine abnehmbare Anhängerkupplung. Und sogar noch fast sechs Monate TÜV. Der Sommer konnte kommen.

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Leider fehlte beim Kauf noch die ’15er Vignette

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Diese milchigen Streuscheiben werden wohl den nächsten TÜV nicht mehr erleben.

Natürlich hätte es für die Fahrt zur Arbeit auch ein kleineres Auto getan aber das habe ich bei meiner Suche nicht gefunden. Über diesen Umweg kam ich zu einem S210 (S steht in der Mercedes Nomenklatur für Stationswagen, also Kombi) und die Baureihe die Chance dazu eine vorherrschende Meinung zu revidieren und ein ramponiertes Image aufzupolieren.

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Fast so groß, wie in einem Volvo. 😉

Das gelang meinem Diesel bislang ganz gut. Nebenbei bemerkt ist das mein erster Mercedes Diesel. Zumindest in Deutschland fragt man sich ob es überhaupt noch etwas anderes gibt? Bleiben wir doch gleich bei dem Motor. Mit dem OM611 wagte Mercedes-Benz den Schritt nach Jahren der Lethargie endlich einen Direkteinspritzer mit Turboaufladung anzubieten. Den rumpeligen OM602 mit 2,9l Hubraum aus fünf Zylindern aus dem Sprinter lassen wir mal außen vor. Auch wenn dieser Motor ebenfalls im 210er angeboten wurde. Im Gegensatz zu diesem verfügt der OM611 über ein Common-Rail Einspritzsystem. Obwohl es das System der ersten Generation ist, gelang es damit den Kraftstoffverbrauch drastisch zu reduzieren, bei gleichzeitig deutlich gesteigertem Drehmoment im Hauptfahrbereich. Was hier so trocken klingt sind Realverbräuche um 6l / 100km und ein kraftvoller Durchzug ab rund 1.800 1/min und das obwohl nur ein Wastegateturbolader verbaut wurde. Erst einige Jahre später kamen die Vierzylinder-Diesel in den Genuss von Turboladern mit variabler Geometrie, die das altbekannte Turboloch nahezu eliminierten. Der OM611 kennt dieses Loch auch noch gut. Allerdings ist der Antritt nach Überwindung des Lochs nicht ganz so brutal, wie es VW TDI Fahrer kennen. In einschlägigen Internet-Foren werden immer wieder Schauergeschichten über die Defektanfälligkeit der frühen CDIs geschrieben. Mit etwas technischem Verständnis verlieren die typischen Schwachstellen, wie undichte Kraftstoffhochdruckpumpen, defekte Unterdruckpumpen oder schwächelnde Injektoren ihren Schrecken. Selbst ohne Diagnose Computer gelingt es noch Defekte aufzuspüren und Reparaturen selbst durchzuführen. Damit sind gleich zwei Vorurteile ausgeräumt. Ja, auch CDIs lassen sich noch zu Hause reparieren und auch über die Dauerhaltbarkeit der Motoren muss man sich keine allzu großen Sorgen machen. Sonst hätte ich wohl kaum einen Wagen mit fast 350.000km auf dem Zähler gekauft.

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Ohne Motorabdeckung zeigt sich der OM611 in seiner ganzen Pracht

Zwangsläufig fühlt man sich in einer spartanisch ausgestatteten E-Klasse – die Werbung versuchte mit dem Begriff „Classic“ keine Scham aufkommen zu lassen – auch ohne MB-Tex Kunstleder wie in einem Taxi. Das muss keineswegs negativ aufgefasst werden. In den ersten beiden Sitzreihen bietet der 210er fürstlichen Sitzkomfort auch ohne zehnfach verstellbaren Luftkissen und aktiver Sitzklimatisierung. Für das Taxi-Gefühl, der langjährige Mercedes-Fahrer würde vielleicht den Begriff Wohnfühlambiente verwenden, sorgen die klar gezeichneten Instrumente, die Echtholzverkleidungen, eine intuitiv bedienbare Mittelkonsole und das Gefühl der Geborgenheit. Wenn man im Auto sitzt, sieht man den Rost ja nicht. Gerade die Anzeigen für Geschwindigkeit, Drehzahl oder Tankinhalt, könnten auf den ersten Blick auch aus den 80ern stammen. Lediglich die Öldruckanzeige fehlt. Und dann ist der 210er auch noch ungemein praktisch. Noch nicht dem Diktat des schönen Aussehens unterworfen, durfte die Heckklappe auch noch eine solche sein und nicht nur ein verlängertes Dach, wie es heute bei vielen dieser Lifestyle-Kombis zu sehen ist.

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Alle Instrumente sitzen am richtigen Platz. Nur die Anzeige für den Öldruck fehlt.

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Passendes Radioprogramm

Ach ja, der Rost. Im Mercedes-Jargon verharmlosend Rohbaubeanstandung genannt. Wer sich als Neuwagenbesitzer mit dem Thema auseinandersetzen durfte, hatte schnell einen Groll auf den Hersteller, da er sich mit dem feinen Unterschied zwischen Durchrostung und Anrostung beschäftigen musste. Vieles wurde trotzdem in den ersten Jahren großzügig über Kulanz und Ähnliches abgewickelt. Blöd nur, dass die Reparaturen selten von langer Dauer waren und manchmal bereits nach einem salzreichen Winter wieder die kleinen braunen Pusteln aufgetaucht sind. Entgegen der landläufigen Meinung, dass „der Daimler“ wieder bloss was sparen wollte und minderwertige Lacke einsetzte, war die Hauptursache für die immer wiederkehrende Plage ein neues Stanzverfahren in der Rohbaufertigung, das ungeschickterweise an manchen Stellen schnell zu einem Durchscheuern der Lackierung bis aufs blanke Blech sorgte.

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Rost 1

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Rost 2 – Hier wurde schon einmal „nachgearbeitet“.

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Rost 3

Es ist traurig aber leider wahr. Die Baureihe 210 und auch die fast gleichzeitig produzierte C-Klasse 202 sind für mich so etwas, wie die verlorene Generation. Tolle und langlebige Antriebe treffen auf eine katastrophale Karosserie. Da bleibt nur der Trost für kleines Geld wirklich gute Autos zu bekommen, die wohl niemals einen wirklichen Sammlerstatus erreichen werden. Dies soll nicht als Aufruf missverstanden werden schnell noch ein paar halbwegs rostfreie Exemplare wegzustellen. Das hat bestimmt schon jemand mit seinem AMG E50 getan. Für die Nachwelt reicht das.

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Welch eine Sensation! 5-Gang Handschaltgetriebe serienmäßig!

2 Gedanken zu “350.000km Rost und kein Ende in Sicht

  1. Habe gleichen PKW. Turnus mäßig gepflegt. Bei nicht „Gebrauch in der Garage“. Keinen Rost. Baujahr 2002.
    Aus gesundheitlichen Gründen abzugeben. Kilometerstand 230.851

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