Der V-Mann: Mercedes O303

 

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Er war DER Reisebus. In den Siebzigern und Achtzigern. Punkt.

Zum besseren Verständnis vorneweg: Klang oder Lärm?
Stunden könnten über die Differenz zwischen Klang und Lärm diskutiert werden. Über Vor- und Nachteile von Kapselung, Motorakustik, Elektrifizierung für Mensch und Umwelt. Aber das, was war, ist vorüber. Nämlich: von sich aus wohlklingende Motoren. Was heute meist künstlich erzeugt wird bei so genannten Traumwagen, löst bei mir keine Faszination mehr aus. Mir ist das zu Macho. Aber einen schönen, alten, grossen Diesel: mmmh. Das prägt sich ein. Woran liegt das? Zum Beispiel am V. Präziser gesagt, an der Anordnung der Brennräume im Motorblock. Sind diese nicht schön in Reihe, entstehen Massenkräfte, die sich als speziell unruhiges Klangmuster äussern.

Er hat’s, das V: der O303 von Mercedes. Ganz charakteristisch: „brabra brabra brabra ravroummm. Brabra brabra brabra.“ Hören Sie selbst:
V-Sound stehend

V-Sound 2 fahrend
Klangquelle waren die mit diesem Modell neu ins Bussortiment eingeführten Saugmotoren. Zuvor schon als LKW-Treiber debütierend, waren diese V6-, V8- und V10-Diesel eine passende Wahl für den O 303. Und charakterprägend. Ein souveräner Klang färbt auf das Image ab. Gerade im Vergleich zum schreiend tönenden Zeitgenossen Setra S100  mit seinen Henschelmotoren setzte sich der Daimler-Bus tonal deutlich ab.

Wurde sein Klang Teil des Erfolgs? Dieser Reisebus war dermassen erfolgreich, dass er mir in meiner Jugendzeit als Standard für einen „Car“ galt. Gefühlt hatte er im Minimum 50% Marktanteil in der Schweiz. Daneben war noch etwas Platz für SETRA und Schweizer Manufakturware. Aber sonst? Nix. bis heute gilt der 303 übrigens als meistverkaufter Bustyp überhaupt.

Die 190 (V6) bis 320 PS (V10) waren damals eine gängige Grösse. Mit einem Leistungsgewicht von ca. 50 kg/PS war der Daimler flott unterwegs. Nur: ein guter Kletterer war der Bus nicht generell. Ich erinnere mich an fleissige Schaltarbeit der Fahrer, wenn es steil wurde. Mangels passender Übersetzung des manuellen 6-Ganggetriebes hatten die OM-Sauger an Steigungen hoch zu drehen. Was natürlich bei Kennern den Klangreiz steigerte… Im Flachen dagegen rannte der Bus mühelos 120 km/h. Selber erlebt, vor Zeiten des Tempolimits, als es einmal Verspätungen aufzuholen galt. Aber zunächst mal alles von vorne:

Der Anfang
korsika
Rast auf einer Tagesfahrt an Korsikas Westküste. Der Bus wird neugierig von einer DS beschnüffelt.
Es handelt sich hier um die 1. Version des 303 mit Chromfront, Doppeltüren und geteilter Frontscheibe.

302
Der Vorgänger:  O 302, hier als nachgebauter Fanbus zur Fussball-WM 1974.

Daimler hatte in den Boomjahren 1950 und 1960 die richtige Nase für Kundenbedürfnisse der neuen Bustouristen. Mit dem Vorgänger-Typ O302 eilte man der Konkurrenz davon und legte 1974 mit dem neuen Modell 303 ein Brikett dazu. Der neue Bus sollte sicher, komfortabel, schnell und angenehm zu fahren sein. Luftfederung, eine gute Klimatisierung, ein breites Programm und neue Motoren sorgten für schnellen Erfolg. Dafür betrieb der Hersteller einen grossen Entwicklungsaufwand (s. Film, Link am Ende dieses Berichts). Modernes Layout und aussen wie innen sorgfältige Gestaltung machten ihn zum Dauerbrenner. Die Bauzeit dauerte schlussendlich sagenhafte 18 Jahre.  Trotz veralteter Starrachse vorn und Trommelbremsen bis zum Schluss, die dann doch bis zu 360 PS zu bändigen hatten. Ebenfalls neu waren die grossen, geriffelten Rückleuchten, deren Gestaltung der Bus von der S-Klasse W116 übernahm. Nebst dem Bus – Heck prägte dieses Leuchten-Layout das Erscheinungsbild aller Benzen bis tief in die 1990er. Nach und nach folgten Varianten zum Grundmuster dieses Busses. Hochdecker, abgespeckte Überlandbusse, Fahrgestelle mit Kundenaufbauten, Militärvehikel.

Facelift
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Facelift – Modell als Hochdecker, Anfang der 1990er in Davos. Platz für’s Gepäck? O ja, reichlich…

Zum Facelift im Jahr 1982 entfiel der Chrom im Erscheinungsbild. Zugleich hatten die Saugermotoren ausgesaugt und wichen aufgeladenen Triebwerken. Der Innenraum passte sich neuen Bedürfnissen an, schrille 1970er-Farben wichen gedämpfteren, Falttüren grösseren Aussenschwenktoren. ABS und eine verstärkte Karosseriestruktur flossen in die Serie ein.

Das Fahrerlebnis.
Zwei Sachen faszinierten mich: nebst dem Motorenklang die unglaublich softe Federung. Quasi ein Citroën in gross. Sanft, mit einem leichten Anfahrzittern, bewegte er sich los. Unebenheiten rührten ihn, liessen ihn schaukeln und wiegen bei langsamer Fahrt. Höheres Tempo ist machbar, die Fahrstabilität heutiger Busse konnte er nicht.

Er war ein Alleskönner: kleiner Ausflug ins Grüne, Passüberquerung als Postauto in den Alpen, Zubringerbus für Kreuzfahrer, Linienbus an Korsikas Westküste: alles selbst erlebt – und genossen. Durch die oben ins Dach fliessenden Scheiben entsteht ein sehr luftiges Raumgefühl. In knallbunt Teppich-beschlagenen Konsolen über den Sitzen verbaute Lüfter hechelten halb-kühle Luft hinab: Klimaanlagen waren bei frühen Modellen noch nicht üblich.

Einsatz als Postbus in der Schweiz
Postauto Schweiz kam auch nicht am 303 vorbei. Nebst den zahlreichen Varianten in Länge, Ausstattung und Bauart waren auch an Schweizer Verhältnisse angepasste Sonderversionen unterwegs. Diese beschränkten sich auf die bergtaugliche Breite von 2,3 Metern und wurden teilweise von den Schweizer Carossiers Lauber, Tüscher und Frech-Hoch aufgebaut. Gerne gesehen auch die Vetter-Modelle, welche Postauto Schweiz im Einsatz hatte.

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Vetter-O 303. Foto: Markus Doyon

Ein besonderes Stück waren die von Frech-Hoch (FHS, ehemalige Schweizer Karosseriebaufirma) aufgebauten, nur 3m hohen 303 für die Linie nach Martina – Samnaun. Das Foto zeigt, warum diese knappe Höhe nötig war. Die 1991 gebauten Mercedes haben  vor einigen Jahren noch eine aufwendige Revision durch den Busbauer HESS genossen, weil sich zuerst kein geeigneter Ersatz abzeichnete . Bis vor drei Jahren war immer noch einer dieser zwei Busse im Einsatz. Mittlerweile sind auch sie Geschichte.

Fotos: Jonas Schaufelberger

Am Ende: ab in den Osten und Süden
Mittlerweile sind sie hierzulande selten geworden, teils durch zeittypische Rosterei bei frühen Modellen, hauptsächlich aber durch den Vertrieb ins Ausland. Den typischen V-Dieselklang hört man nur noch selten bei einzelnen Lastern. Als Ohrwurm ist er mir aber erhalten geblieben. Vorsicht, Suchtgefahr!

Herstellerfilm zum O 303

Alter Test der Omnibusrevue

2 Gedanken zu “Der V-Mann: Mercedes O303

  1. Der Bericht bringt schöne Kindheitserinnerungen zurück. Ich kann mich an nur einen einzigen Schulausflug erinnern, der mit einem Neoplan bestritten wurde. Sonst „durften“ wir immer Mercedes fahren. 🙂 Ich erinnere mich noch gerne an die Luftausströmer im Stile von Belüftungsdüsen wie im Flugzeug. Das war schon etwas Besonderes. Auch die Panorama-Seitenscheiben habe ich als Fahrgast sehr genossen.

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