Amerikanische Muskelautos – Detroit

… oder was davon übrig geblieben ist. Mo-Town, Motor City oder welch klangvolle Namen verbindet man mit der Stadt, die als der Ursprung der automobilen Massenproduktion, des American Way of Drive und stadtgewordener Inbegriff für den Aufstieg und Fall einer ganzen Industrie steht?

Natürlich hat jeder ein Bild vor Augen. Menschen in Lumpen stehen vor brennenden Mülltonnen und brennenden Häusern, während der Bericht über einen weiteren Mord in der Metropole über die Newsticker im Frühstücksfernsehen rattert. Zu allem Übel kam dann 2009 noch diese furchtbare Weltwirtschaftskriese, die die Stadt und ihre drei prominentesten Kinder General Motors, Ford und Chrysler in den Ruin stürzte. Völlig überraschend gibt es sowohl die Stadt, wie auch die drei Automobilkonzerne heute noch.

Detroit ist nicht unbedingt als die erste Urlaubsadresse in Nordamerika bekannt. Und so verwunderte es mich auch wenig, dass ich mich auf dem Flug dorthin fast ausschließlich in bester Gesellschaft anderer Geschäftsreisender befand. „Ach, hat der es aber gut“, mag man angesichts einer Dienstreise in die USA denken. Wie es der Name aber sagt, war es ein dienstlicher Anlass und mir somit wenig Zeit gegeben mich auf die Spurensuche der Motorisierung Amerikas zu machen. Ergo, kein Besuch im Henry Ford Museum in Dearborn, auch nicht bei Chrysler in Auburn Hills oder gar in der Automotive Hall of Fame. Augenscheinlich gibt es für den automobilinteressierten Stadtbesucher dennoch einiges zu entdecken.

Ich habe persönlich nach der Ankunft entdecken dürfen, dass vor Übernahme des Mietwagens erst eine kleine Busfahrt erforderlich ist, da ausnahmslos keine der ortsansässigen Verleihfirmen einen Schalter im Flughafengebäude hat. So bestand wenigstens die Möglichkeit die ersten Meter oder Yards oder Meilen der Verkehrsinfrastruktur in Augenschein zu nehmen. Wie sich später herausstellen sollte, sind die Pendelbusse zwischen dem Flughafen und den Verleihstationen die einzigen Angebote, bei denen man vorsichtig von öffentlichem Personennahverkehr sprechen könnte.

Der Mietwagen. Ein Kia. In Detroit? Wirklich? Ein Kia? Ernsthaft? Ein Kia Rio also. „Ok, es sind nur fünf Tage“, sage ich mir. Immerhin ist er mit knappen 200 mls auf dem Zähler fast brandneu. Vielleicht wäre ein älterer Mietwagen doch besser gewesen. Der hätte nicht so erbärmlich nach Klebstoff und billigem Plastik gestunken. Hatte ich erwähnt, dass der Wagen in der prallen Sonne geparkt war und auch das Öffnen der vier Türen nur eine milde Besserung brachte. Ich glaube ja immer noch, dass die Kopfschmerzen der ersten Tage etwas mit den Ausdünstungen zu tun hatten. Egal. Es fährt. Es bleibt aber ein Kia. Kanal 61 im Sirius Radio brachte dann wenigstens etwas Amerika aus den Lautsprechern ins Auto. Automatik versteht sich von selbst. Aber wer um alles in der Welt kommt auf die Idee keine Cruise Control zu verbauen? Kia scheinbar schon. Also Radio an und los.

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Ein bischen Wild West aus dem Radio: XM Sirius Radio Kanal 61

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Immerhin neu war der KIA, das war es dann aber auch schon

Auf den paar Meilen ins Hotel wurde mir schnell klar was schnee- und salzreiche Winter in Kombination mit den geringsten Ausgaben für den Erhalt der Straßeninfrastruktur (gilt für ganz Michigan) anrichten können. Von Schlaglöchern, in denen Kleinwagen verschwinden können, hat jeder schon einmal gehört. Solche, die aber ganze Trucks verschlucken, gibt es wahrlich nicht oft. Wer darauf steht findet sie in Michigan auf ausnahmslos jeder Straße, von der kleinen Backroad bis zur Interstate. Und wer glaubte, die meisten Pannenfahrzeuge mit zerfetzten Pneus in Südeuropa gesehen zu haben, wird ebenfalls eines besseren belehrt. Neben dem eigentlichen Straßenzustand gibt es eine weitere Komponente, die der Instandhaltung, die für viel Freude bei den Straßenbenutzern sorgt. Wer kommt schon auf die Idee mit Bitumen verfüllte Schlaglöcher oder Risse festzuklopfen. Zwei, drei Schippen der heißen Massen vom fahrenden Truck aus in Richtung der Schadstelle geworfen und gut ist es. Schließlich fahren ja genug Fahrzeuge darüber und sorgen für eine ausreichende Verdichtung…

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Baustelle auf Amerikanisch: Für die Gegenrichtung ist ein Geländefahrzeug von großem Vorteil

Wenn man mit offenen Augen (was man natürlich am Steuer immer machen sollte) und etwas automobilem Interesse am Straßenverkehr teilnimmt, fallen zwei Dinge wirklich auf. Als Freund alter Kraftfahrzeuge, hält man stets Ausschau nach Fahrzeugen, die vielleicht aus der Masse hervorstechen. Aber nahezu Fehlanzeige. Auf die Ausnahmen werde ich noch kommen. Kaum ein Fahrzeug ist älter als 10, vielleicht 15 Jahre. Die ortsbekannten amerikanischen Hersteller sind außerordentlich bemüht ihren Mitarbeitern und deren Familien und Freunden und jedem, der sonst ein Auto gebrauchen könnte, ein solches preisgünstig anzubieten. Das hat Wirkung. Asiatische oder Europäische Marken sind daher ganz klar unterdurchschnittlich vertreten. Der amerikanische Autokäufer fährt am Liebsten das was er kennt und vielleicht sogar selbst zusammengeschraubt hat. Da habe ich mit meinem Kia ja richtig Glück gehabt…

Bereits nach kurzer Zeit ist mir etwas anderes, zuerst unterbewusst, dann ganz klar aufgefallen. Mangels Alternativen zur automobilen Fortbewegung gibt es ein geradezu irrsinnig ausgebautes Straßennetz. Selbst kleinere Städte sind mit vierspurigen Straßen verbunden. Unter acht Spuren läuft nichts auf den Freeways. Keineswegs führt dies automatisch für einen staufreien Verkehr. Aber außerhalb der Rushhour kommt man überraschend schnell von A nach B. Sicher ist das nicht das Idealbild für Verkehrsplaner aber bei der Programmierung der Ampelschaltungen gibt es kaum etwas zu verbessern. Oder was soll man davon halten fast fünf Meilen innerstädtisch von grüner Ampel zu grüner Ampel zu fahren? Vorbildlich!

Und wer hat eigentlich behauptet, dass die Highway Cops in den Staaten nur darauf aus sind Geschwindigkeitsverstöße zu ahnden. Ein Beispiel. Auf dem Freeways gelten 70 mph für Pkws, 60 für Trucks, ich fahre ca. 75 und werde von einem LKW mit fast 80 überholt. Hinter uns befindet sich ein Staate Trooper. Was passiert? Nichts! Und so wird dann doch zügig aber nicht wirklich aggressiv gefahren. Das rechts überholen ist wirklich angenehm und sorgt für einen kontinuierlichen Verkehrsfluss. Ok, ok, drei oder mehr Fahrspuren in eine Richtung machen die Sache recht einfach. Einzig der Blick in den Rückspiegel muss etwas aufmerksamer erfolgen als in der alten Welt. Denn es kann gut sein, dass ein bunter Farbtupfer, in der Regel ein aktueller Mustang oder Camaro, durch die Lücken springt und den Staate Trooper einen guten Mann sein lässt. Bei all dem amerikanischen Einheitsbrei sind das wirklich die Fahrzeuge, die auffallen und die ich in einer Stadt, wie Motor City erwartet habe.

Das sind dann auch tatsächlich die Fahrzeuge, die man in einer solch autoaffinen Stadt erwartet. Man kann von großem Glück sprechen, dass die aktuellen Generationen Camaro, Mustang und Challenger wird das Repräsentieren, was man sich in der alten Welt unter dem Begriff Detroit Iron vorstellt. Gut, den 2,3l Vierzylinder Ecoboost Mustang lassen wir jetzt einmal unter den Tisch fallen. Aber was ist mit den ganzen alten Autos? Als ich am dritten Tag meines Aufenthaltes immer noch kein klassisches Super Car (der Begriff beschreibt die ursprüngliche Idee eines Muscle Cars mit dickem Motor und ohne viel Ausstattung) gesehen hatte, begann ich schon zu zweifeln. Aber sind wir mal ehrlich. Wie viele klassische Mercedes oder Porsche sieht man denn tagtäglich im Berufsverkehr. Genau! Auch deren Zahl ist überschaubar gering. Umso mehr war ich dann doch erfreut am Straßenrand einen 70er ‘Cuda zu sehen. Leider war ich mit der Kamera nicht schnell genug… Aber am Freitagnachmittag hatten die Besitzer ein Einsehen mit mir und brachten doch noch einige wirklich sehenswerte Vertreter amerikanischer Automobilkultur auf die Straße. Es ist zu ahnen, auch hier war die Kamera nicht schnell genug griffbereit. Es gibt aber ein Gegenmittel: Woodward Dream Cruise ist das Stichwort. Am 15. August 2015 ist es das nächste Mal so weit. Das ist die Gelegenheit auf seine Kosten zu kommen.

Das ist leider nicht der 70er ‚Cuda, den ich erspähen konnte

Verschwiegen habe ich bisher die langweiligen und kaputten, angefahrenen und verkratzen, sowie die seltenen und exotischen Fahrzeuge, die sich dann doch fotografieren ließen. Oder wer rechnet auf dem Parkplatz einer Mall mit einem überraschend gut erhaltenen Renault Alliance (besser bekannt als R9 oder R11). Verrostete Mercedes kennt man von zu Hause und Autos ohne Stoßstangen sieht man in Detroit an jeder Straßenecke.

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Kennen wir von zu hause: Rost an den Türunterkannten und auch sonst überall

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Auch mit ABS Schriftzug auf den Felgen konnte dieser Pontiac die eine oder andere Kollision nicht verhinern

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Ohne die Raute im Kühlergrill hätte man den Renault kaum erkannt

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Klebeband und fertig

Darauf erstmal einen Drink:

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6 Gedanken zu “Amerikanische Muskelautos – Detroit

  1. Ich war ja leider (Familienbedingt) seit den 90ern nicht mehr in den Staaten. Damals buchte man den Mietwagen hier und zwar in einer Klasse, die man auch fahren wollte (keine Kleinwagen oder ähnliches Gerümpel, das kleinste war ein Geo Metro, baugleich mit dem Suzuki Swift. Sowas würd ich ja nicht mal hier fahren!). Wenn man Fullsize buchte, kriegte man auch Fullsize. Die einzige Frage, die man mir dann drüben am Alamo-Schalter stellte war, ob ich nicht lieber einen Lexus fahren würde. Ich entgegnete, wenn ich schon in Amerika bin, möchte ich auch gerne einen Amerikaner fahren und nahm dann die Schlüssel meines Oldsmobile entgegen… 😉

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  2. Genau richtig. Die meisten Bilder sind auf dem Parkplatz der Great Lakes Crossing Mall entstanden. Wobei sich eigentlich der Parkplatz jeder größeren Mall eignet um solche oder ähnliche Bilder zu schießen.

    Bezüglich dem Mietwagen haben mich die Kollegen dann auch gleich informiert, wie man es „richtig“ macht und siehe da. Einer hat in der gleichen gebuchten Klasse sogar einen Mustang anstatt eines Kias bekommen. Da waren wir alle schon etwas neidisch.

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  3. Aha, die Fotos entstanden wohl aufm Parkplatz vom Great Lakes Crossing… 🙂 Erwähnenswert wäre auch noch, dass der Opel Sintra, bzw. logischerweise die diversen GM Vergleichsmodelle da immernoch erstaunlich oft im Straßenverkehr anzutreffen ist, meistens in geradezu erbärmlichen Erhaltungszuständen. Übrigens: Wenn man bei den amerikanischen Autovermietungen nett fragt, bekommt man übrigens in der Regel auch ein amerikanisches Auto, und wenn man ganz nett fragt auch n „free upgrade“ auf die Kategorie.

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    • Grüezi Dominik
      Die Aussage muss wohl unser geschätzter Gastautor 2010341a bestätigen. Ich selbst war leider noch nie in Detroit, nur mein Pontiac war anscheinend 1 Jahr in Michigan zugelassen.
      Ich war aber letztes Jahr zwischen Maine und N.Y. State unterwegs. Mein Herz ging mir auf, was sich da noch alles an altem Blech über die Strassen quält! 🙂

      Weisst Du wie der Sintra in USA heisst? Unter welcher Marke lief der dort?

      Das mit dem Mietwagen hatte ich auch gehofft. Aber downtown Edmonton (Alberta) war bei Hertz nur ein Japser (Mazda CX-9) zukriegen. Der asiatische Angestellte hatte auch wenig Herz für meine uramerikanischen Gefühle.
      Es müsste auch im Mietwagenbereich einen „patriot act“ geben, welcher strammen Amis bzw. Amifans einen US-amerikanisches Mietauto zuspricht.

      Der Kollege Bush wäre hier wohl empfänglicher gewesen als der „Gutmensch“ Obama 😀

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