Gestatten, MobyDick mein Name (Teil 1)

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Ich bin das 6404. gebaute T-Modell von Mercedes und gehöre zur Reihe „123“. Das T steht für Transport und Touristik. Meine Erbauer (zumindest diejenigen in der Vermarktungsabteilung) stellten sich vor, dass ich nur von gut situierten bürgerlichen Familien mit 2 Kindern gekauft werde. Das war durchaus mehrheitlich auch richtig, allerdings geriet meine Spezies in zweiter Hand gerne an Maler, Gastarbeiter etc. welche meine wahren Qualitäten erst richtig entdeckten. Ich bin nämlich stabil und wertig gebaut und hielt länger als der Durchschnitt, habe viel Ladefläche zu bieten und bin relativ einfach in Schuss zu halten. Allerdings bekamen wir Rost, viel Rost. Man sagt, es liegt in der Familie, auch die Artgenossen ohne übergrosses Gepäckabteil und die Mangeltürerfraktion (Coupé) litten darunter. Letztere allerdings deutlich weniger, die Käuferschaft verbrachte den Winter oft im salzfreien Süden oder wagte sich im Norden von O bis O (Oktober bis Ostern) nicht auf die Strasse.

Nun gut, lange Rede kurzer Sinn, es gibt von uns nicht mehr viele. Am ehesten findet man noch Limousinen oder eben dauergepflegte Coupés. Zur Ehrrettung der ganzen Familie Stern muss man sagen, dass wir oft nach 300’000 oder noch viel mehr Kilometer unseren letzten Gang zur Ruhestätte angetreten haben. Und auch dies oft noch aus eigener Kraft, da unsere Technik noch gut gewesen wäre für eine weitere halbe Million. Nur sahen die MFK oder der TüV zuviele Gewichtserleichterungen im Form von Rost. Glücklicherweise investierten viele meiner Vorbesitzer in uns, schliesslich sind wir von der Familie Stern. Andere Gattungen hat man schmerzfreier zu Grabe getragen. Wieder Andere fanden den Weg nach Afrika, später Russland und Osteuropa. Hier sehen die prüfenden Beamten etwas schlecht oder es gibt sie gar nicht. (what a wonderful world) Und erst hier beweisen wir, dass wir durchaus auch für eine Million Kilometer gut sind, mit der ersten Maschine und sehr sparsamer Pflege. Beweisphotos solcher im Alter ausgewanderten Verwandten wird es demnächst unter „Ferienfotos“ zu sehen geben.

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Nun aber genug Familiengeschichten und noch kurz zu mir selbst:

Gemäss Pass heisse ich Mercedes-Benz 240TD, toll nicht? Wie es sich für ein von Ingenieuren geplantes und durchdachtes Auto gehört, habe ich weder einen wohlklingenden Namen wie frühere italienische Macchinas noch einen bescheuerten Namen wie heutige Marketingkarren sondern eine klare Zuordnung in Familie und Gattung: 240D steht für meinen Motor, einen 4 Zylinder Diesel in Reihenbauweise, selbstverständlich längs verbaut. Das T steht wie ich oben schon ausführte für unter anderem Touristik. Aber nicht wie man annehmen könnte für Turbo. Nein ich komme ohne Turbo aus.

Diesel mit Turbo überlasse ich gehetzten Vertretern, dauerzuspäten Eltern mit Blick auf ihr Portemonnaie und alle anderen welche mit ihrem Heizölferrari ein Abonnement auf die linke Spur gelöst haben, aber kein Geld für einen richtigen Sportmotor ausgeben möchten/können. Oft auch verbunden mit automatischer Lichthupe bei zu geringem Abstand zum Vordermann.

Entschuldigen Sie, ich bin etwas abgeschweift und habe mich in Rage geredet. Die oben beschriebenen Dieselschnellfahrer haben leider oft herzlich wenig Verständnis, wenn ich etwas langsamer Geschwindigkeit aufbaue. Vielleicht schwingt auch etwas Neid mit, ich bin selbst nämlich ein Saugdiesel mit strammen 72PS auf ungefähr 1500kg Leergewicht. Ja, man hörts schon am Klang des Wortes „Saugdiesel“, ich lasse mir Zeit mit Luft saugen und damit auch mit der Beschleunigung. Böse Zungen nennen mich Wanderdüne, behaupten, man bräuchte eine Sanduhr oder gar einen Kalender um meine Beschleunigung messen zu können. Banausen, dabei habe ich noch einen schwächeren Bruder, den 200D. Der leistet je nach Geburtsjahr zwischen 55 und 60PS. Dagegen attestiert man mir schon etwas Drehfreude 🙂 Grosser Vorteil meiner Maschine ist ihre Zuverlässigkeit und ihre relative Sparsamkeit von ca. 7.6l/100km. Zu meinem jetzigen Besitzer kam ich 2011 mit 296’000km nach 10 jähriger Standzeit. Ich darf mit Fug und Recht behaupten, ich habe ihn nie im Stich gelassen. Klar, da und dort war ich etwas undicht, aber ich kam immer ans Ziel. IMMER. Das macht mir nicht jeder Neuwagen vor.

Zum T wie Transport sei nur gesagt, dass ich eine ebene grosse Ladefläche habe, mein Heck hebe ich bei Beladung dank meiner Niveauregulierung und weitere Lasten nehme ich gerne aufs Dach oder an meinen Agrarhacken. Ja dazu stehe ich, schliesslich war meine Familie mal Bauers Liebling.

Es gibt noch einige Geschichten über mich, zum Beispiel meine Restaurierung oder meine Reise durch Ostpreussen. Diese folgen nach und nach.

Ich glaube, ich muss nun nicht mehr erläutern, warum man mich MobyDick nennt.

 

Da habe ich einen Enkel getroffen, der ist sooo schnell mit seinen 177 Diesel-PS!

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Ja, 160km/h reicht, die römischen Zahlen kennzeichnen die Maximaldrehzahl pro Gang. Und nochmals ja, die Karre hat nur 4 Gänge 🙂

2 Gedanken zu “Gestatten, MobyDick mein Name (Teil 1)

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