„Umweltfreundliche“ Wegwerfgesellschaft – Neunziger Jahre Limousine oder Neuwagen?

Zwei mehr oder weniger runde Kilometergeburtstage haben mich nachdenken lassen und eine berühmt-berüchtige plus/minus Liste erstellen lassen. Was spricht dafür, dem Zeitgeist nachzugeben und die zwei angejahrten Senioren zu entsorgen und dafür einen „tollen“ Neuwagen zu holen? Finanziell kommt der Unterhalt mit Parkplatz etc. von zwei alten Autos unterm Strich etwa gleich teuer wie einen Neuwagen zu leasen und unterhalten.

Audi A6 2.8 30V quattro 1996

Umwelt

Es ist nicht so, dass es keine Gründe für einen Neuwagen gibt. Auch wenn ich diese anders gelagert sehe, als die Medien uns Autofahrern dauernd vorschreiben wollen. Umweltfreundlicher wäre es keineswegs, die alten Kisten zu entsorgen und dafür einen Neuwagen zu kaufen. Zum Einen sind die Wagen aus den „90ern“ ehrlich. Sie lassen das hinten raus was sie dürfen, was bei neuen Diesel oder Direkteinspritzern nicht zwingend der Fall ist. Zweitens sind sie bereits produziert, ihr Unterhalt ist umweltfreundlicher als die Herstellung eines neuen Produktes. Dafür verbraucht eine neue Limousine in der selben Leistungsklasse geschätzt 1.5 Liter weniger (auch wenn die Hersteller noch weniger angeben, abgerechnet wird im Alltag an der Tankstelle). Im Teilbereich Umwelt ist unter dem Strich meines Erachtens nicht alles so glasklar pro Neuwagen wie es uns die (herstellerunterstützten) Fachmedien und Politiker weis machen wollen.

Mercedes 300E W124 1991

Sicherheit

„Ein neuer Wagen ist auf dem neusten Stand der Sicherheit, etwas Altes zu fahren ist verantwortungslos“. Haben Sie sich das auch schon anhören müssen? Klar, dem ersten Teilsatz kann und will ich nicht widersprechen. In Sachen Sicherheit sind die Ingenieure laufend dran, Verbesserungen zu erzielen. Die Autos der 80er und 90er Jahre wurden aber nicht von unbedarften Wochenendbastlern konstruiert. Sie sind allerdings, das muss man fairerweise zugeben, oft überfordert bei einer Kollision mit den heute inflationär vorhandenen SUVs. Es gibt aber auch Punkte, die in diesem Teilbereich für die alten Autos sprechen. Ihre Scheinwerfer blenden nicht den Gegenverkehr und lassen gar Fahrradfahrer völlig verschwinden in einem Lichtmeer. Dazu sind sie meist viel übersichtlicher und sind scheinbar nicht nur für die Nordschleife gebaut worden. In Sachen passiver Sicherheit haben die „Alten“ durchaus etwas zu bieten, wenn man nicht noch Autos aus den Sechzigern herbeizieht. Gute Reifen, Stossdämpfer und Bremsen setze ich auch beim alten Wagen voraus. Bei neuen Autos habe ich oft das Gefühl, dass sie nur fürs schnelle Vorwärtsfahren gebaut wurden. Das beherrschen sie sicher tadellos, aber ein Blick zur Seite oder nach hinten verwehren sie erfolgreich. Aber gerade diese Kontrollblicke sind innerorts unabdingbar und können nur beschränkt durch Assistenzsysteme abgedeckt (bzw. delegiert) werden. Dazu leistet ein erfolgreiches Abschotten des Fahrers einer rücksichtslosen Fahrweise nur noch mehr Vorschub nach meiner Meinung.

Fahrspass

Diesen Punkt lasse ich bewusst offen, das soll jeder Leser für sich beantworten. Es gibt sowohl Neuwagen die Spass machen, wie es auch Autos der 90er gibt, mit denen ich lieber nicht weit fahren möchte. Fakt ist aber, wer Autos mag, möchte auch Fahrspass. Ob ihm nun ein schnelles Auto, oder ein besonders Komfortables Spass macht, ist zum Glück bei jedem Fahrer verschieden. Die Autos der achtziger und neunziger Jahre bieten oft ein im Vergleich ungefiltertes Fahrerlebnis als es das heute noch zu kaufen gibt.

Alltagsnutzen

Neben all dem erwähnten Spass, der Sicherheit und dem Umweltgedanken muss das Auto in erster Linie dem Besitzer nützlich sein. Dazu zählt unter anderem der Stauraum, aber auch eine leichte und übersichtliche Bedienung. Heutzutage sind umklappbare Rücksitzlehnen Alltag, das war früher nicht selbstverständlich und schmälert in diesem Bereich den Nutzen der alten Autos. Allerdings sind die Kofferräume von damals meist nicht kleiner, oft bieten die alten Kombis sogar mehr Platz als ihre Enkel. Es gibt neue Kombis, bei denen passt ein Kinderbuggy nur quer rein wenn man die Sitze nicht umlegt… Servolenkungen hingegen sind in den Limousinen ab Mitte der Achtziger meistens vorhanden.

Fazit

Es soll ein Jeder kaufen und fahren was er möchte.

Dieser Artikel möchte nur einige tendenziöse Artikel der sog. Fachpresse hinterfragen. Der alte Wagen muss nicht immer die schlechte Wahl sein. Er erfordert einzig etwas mehr Kontakte als ein Neuwagen. Man muss eine gute Werkstatt zur Hand haben. Dafür ärgert sich der Altwagenfahrer nicht mit einem Hersteller über Kulanzvereinbarungen oder Rückrufe. Das ältere Fahrzeug ist in der Regel ausgereift, seine Schwächen bekannt und modellspezialisierte Internetforen bieten sich als hilfreiche Informationsquellen an. Dazu ist der Auftritt in einem gepflegten Youngtimer viel individueller als es in einem Neuwagen trotz böser Felgen etc. je möglich ist.

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9 Gedanken zu “„Umweltfreundliche“ Wegwerfgesellschaft – Neunziger Jahre Limousine oder Neuwagen?

  1. Ich gebe dem Autor in jedem seiner Worte Recht. Ein toller Beitrag. Schön auch zu sehen, dass Nachhaltigkeit und Werterhalt in der Szene immer öfter diskutiert werden. Nur wie bekommt man nun die breite Masse der bequemen Rundum-Sorglos Menschen der Marke „Ich lease alle 3 Jahre eine neue Karre und nach mir die Sintflut“ an den Tisch?

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    • Danke Rayman 🙂
      Das ist eine gute Frage. Diese Neuwagengruppe labbert leider oft lieber etwas über Umweltschutz als ihn effektiv zu leben.

      PS: sehr spannende Seite hast Du, werde sie mir gerne am kommenden Wochenende in Ruhe anschauen!

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  2. Was die Emissionen angeht, so kann man mit einem Benziner mit Saugrohreinspritzung und geregeltem Katalysator (Stand der Technik also frühe 80er Jahre) eigentlich nix falsch machen. Kein Feinstaub, so gut wie keine Stickoxide. Das Abgas jedes Frühneunzigerbenziners ist um Welten sauberer als das der allermeisten aktuellen Diesel… auch wenn nur Euro1 statt Euro5+ in den Papieren steht.

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    • Aber genau das wollen unsere Politiker nicht hören oder sie verstehen es einfach nicht! Wie kann ein 20 Jahre ales Auto sauberere Abgase als ein moderner Verbrenner ausstoßen?

      Es mag sein, dass die Wirtschaft in den letzten Jahren ganz froh über jede weitere Verschärfung von Grenzwerten durch die Politik war. So konnte man jahrelang guten Gewissens neue Kraftfahrzeuge unters Volk bringen. Doch mit den ganze Diskussionen und Enthüllungen um Dieselgate und Co. schein mir eine gewisse Kopflosigkeit eingekehrt zu sein. Gerade der Diesel ist jetzt ganz besonders ins Fadenkreuz geraten. Wir werden noch sehen wohin wir alle als Gesellschaft uns bewegen wollen.

      Unsere Regierungen haben sich im Paris Protokoll gemeinsam dem Klimaschutz verpflichtet. Ob das mit dem Schwenk hin zum Otto realisiert werden kann, halte ich für fraglich. Und bis wir alle elektrisch aus regenrativen Quellen (!) fahren, wird auch noch etwas Zeit vergehen. Die Zeiten in denen der Diesel als CO2 Heilsbringer gefeiert wurde, liegen noch gar nicht so lange zurück. Ein bisschen mehr Kontinuität und Planungssicherheit für den Bürger ist angeraten.

      Wenigstens beim Thema Feinstaub und NOx scheinen die Autohersteller etwas gelernt zu haben und schicken ihre Direkteinspritz-Benziner vermehrt mit geeigneter Abgasnachbehandlung auf die Straße. Sonst gerät auch der Otto ganz schnell in Verruf und dann fahren wir alle bald nur noch Fahrrad.

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      • Das ist leider das Problem. Unsere „geschätzten“ Politiker hören entweder 100% auf die Autoindustrie oder sie suchen für alle Probleme den Schuldigen, der sich am wenigsten wehrt je nach politischer Ausrichtung. Beide nennen ihre Politik dann umweltfreundlich und geben sich einen gutmenschlichen grünen Anstrich. Nützen tut es keinem Bürger, nur sind diese Bürger noch zu faul oder zu dumm, sich entsprechend zu wehren. Deutschland ist hier mal wieder „führend“. Aber auch einige Schweizer Politiker wie die Leuthard sonnen sich im steuergeldbezahlten Tesla und tun so, als würden sie die Welt retten. Wir brauchen dringend mehr bodenständige Politiker, solche die bis jetzt arbeiten mussten für ihr Geld.

        Zurück zu Deiner Antwort: ja die Hersteller sind bis zu einem gewissen Grad selber schuld, da ist mein Mitleid begrenzt. Ob dieses Klimaabkommen viel nützt halte ich eh für fraglich. Solange man nur spürbar beim Autofahrer ansetzt und nicht beim Vielflieger, Kreuzfahrer etc. etc. kann ich die Sache nicht wirklich ernst nehmen und unterstützen.

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    • Du sagst es, leider haben die alten Autos keine Lobby. Denn damit verdient kein Multi seine Kohle.
      Nur kleine Werkstätten geführt von Leuten wie Du und ich verdienen sich damit ihre Brötchen. Diese aber sind in der Politik nicht vertreten. Dafür wären sie wohl auch zu ehrlich und zu menschlich.

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  3. Hast du wieder einmal das heisse Eisen angefasst 🙂
    Die Gralshüter in Sachen (ideologischem) Umweltschutz würden dir antworten, dass die Frage falsch gestellt sei. Für sie gibt es nämlich weder das eine noch das andere. Genau, Individualverkehr ist des Teufels und du fährst mit dem öffentlichen Verkehr.
    Wenn man einmal alle Propaganda (auch die der Hersteller) weglässt, spricht meines Erachtens sehr viel für „alte“ Autos. Alle deine Punkte sind valabel. Letztlich bleibt der persönliche Entscheid. Wir leisten uns den Luxus, einen grossen Fuhrpark zu haben. Zwei „neue“ Autos für den bequemen Alltag, einen „halb-alten“ (Cabrio, Jahrgang 2004) auf dem Altenteil und einen Spass-Kombi Jahrgang 1971. Und da das noch nicht reicht, einen mit Jahrgang 1987 fürs Ferienhaus. Für lange Autobahnfahrten ziehe ich den 2015er vor, in der Stadt und Überland ist es mir egal.

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    • Hoi Heftychris
      Ja, ich liebe das Anfassen von Tabus. 🙂 In unserer moralistischen Gesellschaft tut man das nicht, das freut den Rebellen in mir.
      Ihr macht das absolut richtig vorallem insofern auch, dass ihr anderen Leuten ihr Glück lässt. Da ihr an beiden „Leben“ teilnehmt, sprich alte und neue Autos habt, könnt ihr auch beide Seiten verstehen.

      Ich habe einfach Mühe damit, wenn die Wirtschaft zusammen mit linksgrünen Medien uns etwas vorschreiben möchten, sprich neue Autos zu kaufen.

      bis gli emal 🙂

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