Meine Meinung. Thema: adipöse Neuwagen.

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Wohlstand macht fett. Auch Autos.

Es war einmal das Jahr 2030, im Wonnemonat Mai. Als Frau K. aus L. ihren Kleinwagen zwecks Shopping ins Parkhaus des Einkaufzentrums manövrieren wollte, bekundete sie Mühe. Das Passieren der Barriere beim Eingang passte noch. Den Wendel zum 2. Stockwerk brachte sie in Millimeterarbeit hinter sich. Beim Zielen in eine der wenigen Parklücken patzte sie aber: Blechschaden. Seufzend zückte sie ihr Handy, um über das mittels Scanning-App erfasste Kennzeichen an die Halteranschrift des beschädigten Nachbarautos zu gelangen.

Dabei hatte Frau K. aus L. extra noch beim Kauf auf die etwas grössere Limousine verzichtet. Weil die mit 2,15 m Breite noch schlechter zu parken war, als ihr Kleinwagen mit seinen 2 Metern – ohne Spiegelkamera, notabene. Diese kragte je Seite auch noch fünf Zentimeter aus. Frau K. aus L. begann sich Gedanken zu machen über das stetige Wachstum der Autos. Sie erinnerte sich knapp an ihre Kindheit, als ihr Pate sie mit seinem Mini Cooper zu Ausflügen mitnahm. Ein herziges Wägelchen war das, mit seinen gut drei Metern Länge (nicht Breite…). Aber damals, in den späten 1980er-Jahren, war die Welt noch bescheidener.

Was Frau K. ebenfalls nicht verstehen konnte war die Tatsache der nicht angepassten Parkhäuser. Sie schätzte eben noch den etwas patinierten Charme der Einkaufstempel der zweiten Generation, hochgezogen in den 1990er-Jahren. Die damals grosszügig verbauten Parkdecks reichen heutzutage nirgends mehr hin. Werfen wir einen Blick auf die Autowelt des Jahres 2030:

  • Mini Zweitürer, 4.50m x 2.10m
  • Golf, 4,80m x 2.15m in der Kurzversion
  • 911, 4,90m x 2,55m ohne Sportfahrwerk – mit 395er-Reifen
  • Range Rover, den gibt es noch auf Sonderwunsch, 5,70m x 2,80m x 2,90m. Bestellt wird er praktisch nur noch in solventen Golfstaaten.

Der Bericht zur Strassenlage 2030. Die durchschnittliche Vmax derzeit liegt relativ tief, weil die Autos auf Landstrassen nur langsam kreuzen können. Sonst würden sie sich die Spiegelkameras abrasieren. Dank elektronischen Fahrhilfen interessiert dies jedoch kaum jemanden, weil man nun seit einigen Jahren während der Fahrt arbeiten kann. Das Auto hat die (Selbst-)Fahrprüfung bestanden. Die eigentlichen „Selbstfahrer“ sind rar geworden und werden als rückständig belächelt. Wie Frau K. Welche doch immer noch stolz darauf war, damals bei der Fahrprüfung auf’s erste Mal seitwärts-rückwärts- parkieren gekonnt zu haben.

Zukunftsfantasie?

Leider nur teilweise. Vergleichen wir mal die Werte 1976, 1996 und 2016: wie stark sind diese prominenten Modelle gewachsen?

Modell 1976 1996 2016 Vergleich L/B
 Werte in cm
Mini 306 x 141 305 x 141 401 x 173 +25 / +32
VW Golf 378 x 161 402 x 169 426 x 180 +48 / +19
Porsche 911 429 x 165 424 x 173 449 x 189 +20 / +24
Range Rover 447 x 178 471 x 185 500 x 207 +53 / +29

Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht: macht es noch Spass, mit einer „Mittelklasselimousine“ durch den Stadtverkehr zu zirkeln? Wenn Sie nun ja sagen, bedenken Sie, dass dies vorwiegend dank ungezählten Helferlein auf dem Chip unter der Haube so locker geht. Schalten Sie das Zeug mal aus und gehen Sie rückwärts einparken. Na…? Damit nicht genug: wenn es geht, bewegen Sie mal eine Limousine aus den 1980ern. Freuen Sie sich über das reiche Platzangebot, die unerwartete Helligkeit im Wagen und die grosszügige Panoramasicht inkl. dem rechtzeitig erkannten Fussgänger beim Linksabbiegen. Trotz 50/ 20 cm weniger Länge/Breite fehlt ihnen nichts, nicht?

Was ich damit sagen will: diese Entwicklung hin zum Adipösen stinkt mir. Ist grösser/weiter/schneller nicht eine reichlich spätpubertäre Sichtweise? Paradox ist zudem, dass immer mehr Menschen in immer grösseren Autos immer mehr Raum benötigen. Und sich gleichzeitig aufregen, wenn der Raum eben knapper wird. Besonders in den Städten, speziell hier in der Schweiz.

Paradox finde ich ausserdem, dass Fahrspass sich heute hauptsächlich über Leistung definiert. So hat der durchschnittliche Neuwagen der Schweiz 2015 mittlerweile 158 PS. Durchschnitt!! Man merkt es im Verkehr, am Spur schneiden, den Vortritt rauben, in die kleinste Lücke rasen, am extrem gefährlichen Überholen. Das ESP wird die Schleuderpartie beim Wiedereinspuren schon richten. Geht’s noch?

Ich bin kein alter Sack und seit Kindsbeinen ein Autonarr. Technik fasziniert mich, Fortschritt auch. Aber mit ein Grund für meine wachsende Liebe zu Youngtimern ist die mittlerweile fehlende Faszination für diese adipösen und charakterarmen Neuwagen. Ach, ein neuer Golf? Was bietet dieser schon mehr, ausser zusätzlicher (unnötiger) Grösse, zwei neuen Blechfalten und noch kleineren Fenstern? Oh, welcher Audi fährt nun vorbei, der A4, A5, A6 oder A7? Keine Ahnung. Noch vor zehn Jahren hätte ich die fehlerfrei erkannt.  Heute zählt nur noch die so genannte Markenidentität. Darum sind auch die Logos auf dem Blech so überdimensioniert.

Mich dünkt im Moment praktisch die gesamte Autoindustrie uninspiriert und fantasielos, speziell die deutschen Premium-Marken mit ihrem PS- und Grössenwahn. Jede Marktlücke wird durch alle genutzt, wodurch sich das Profil des Herstellers verwässert. Ich als Kunde hätte gerne wieder mehr Praxisnutzen und weniger agressives, schlichteres Design, welches der Funktion folgt. Der ganze Elektronikkrempel in Fahrwerk und Bedienung weckt in mir je länger, je mehr die Sehnsucht nach dem Weglassen und dem Analogen. Elektronik ist halt günstiger als sorgfältig konstruierte Hardware. Schon mal die schlichte Schönheit ehemaliger Jaeger – Armaturen bewundert? Oder den Komfort einer (analogen) Hydropneumatik? Da steckte faszinierender Ingenieursgeist drin, der eine gewisse Ausstrahlung hatte.

Vielleicht braucht es am Markt neue Querdenker wie Tesla oder in Ansätzen Citroen, die in unterschiedlicher Ausprägung Autos anders denken. Die auf aktuelle Probleme eingehen und diese lösen. Der Eine in einer anderen Form des Antriebs inklusive Energiebereitstellung und progressiver Vernetzung, der Andere (zB. beim C4 Cactus) mit einer intelligenten Reduktion aufs Wesentliche. Intelligenz ist gefragt, nicht Protz. Das zeigen die jungen Leute bis 30, die mit einem veränderten Konsumverhalten als Kunden verloren zu gehen scheinen. Weil vielen der Besitz eines (neuen) Autos nicht mehr als erstrebenswert erscheint. Sie interagieren intelligent, sharen Fahrzeuge, nutzen den öffentlichen Verkehr, suchen sich die jeweils für sie günstigste Fortbewegungsart. Meine Neffen und Nichten, fünf an der Zahl, sind vielleicht nicht repräsentativ.  Sie leben sehr unterschiedlich. Und doch: keiner dieser Vertreter der Altersgruppe unter 30 besitzt ein Auto. Das schaute vor 20, 30 Jahren doch noch sehr anders aus.

Dinosaurier wurden seinerzeit bekanntlich zu gross für diese Welt. Wohin soll das Grössen- und Leistungswachstum beim Auto noch führen?  Wenn ich einen LKW fahren will, mache ich den Lappen dafür. Ein (Massen-) Auto möchte ich aber im Alltag noch problemlos parken und bewegen können. Ohne andere zu gefährden. Ich denke, die Grenzen dieser Entwickling sind langsam erreicht. Stop it!

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15 Gedanken zu “Meine Meinung. Thema: adipöse Neuwagen.

  1. Also ich habe da durchaus eine etwas andere Sicht auf das Thema.
    Ich finde es eigentlich schon gut, das die Autos mit jeder
    Generation immer ein Stück größer werden. Denn zum einen steigt
    dadurch die passive Sicherheit (Crashsicherheit) aber auch die aktive
    Sicherheit (mehr Seiten-Airbags etc.). Und eine Größe und prachtvollere
    Krosse ist halt immer ein guter Kaufanreiz für einen neuen. War bei mir
    auch so, beim Umstieg vom W126 auf den W140 Mercedes, weil ich mir in
    meinem W126 neben dem damals neuen W140 immer so „Klein“ vorkam .. 

    Und zum anderen wird durch das Größenwachstum ja „Platz“ für neue
    kleinere Baureihen, bei VW z.B. weil ein Polo heute so groß ist, wie
    einst ein Golf, wurde Platz für den UP. Oder bei Mercedes, wo eine
    C-Klasse heute so groß ist wie einst eine E-Klasse, wurde Platz für
    die A-Klasse usw.

    Auch darf man nicht vergessen wo die relativ kleinen Größen
    der älteren (deutschen) Autos herkommen. Denn die Vorkriegsfahrzeuge
    waren ja teilweise noch deutlich größer als heutige moderne Autos,
    und auch die US-Cars der 50-70er Jahre waren meist ja noch größer
    als heutige Autos, und boten dabei oft sogar weniger Platz als moderne Autos.
    Ich bin jeden Falls immer wieder überrascht wie relativ wenig Platz in den
    US – „Straßenkreuzern“ der 50-70er Jahre so ist, gerade auch im Vergleich
    zu modernen Autos und vor allem in Relation zu den Außenabmessungen!

    Die kleinen Größen vieler europäischer Autos der 50-80er Jahre stammen
    im Kern halt noch aus der Nachkriegszeit, wo in Europa vor allem Klein-
    und Kleinstfahrzeuge gefragt waren, und die Autos dann erst im Laufe der
    Generationen immer etwas größer wurden, um dann bis heute eigentlich
    wieder auf „normale Größe“ zu wachsen, wobei auch die größten modernen
    Autos nie mehr die Abmessungen der größten Vorkriegsmodelle erreichten.
    Also ohne den 2. Weltkrieg hätte es vermutlich nie diese Zeit der relativ
    kleinen Fahrzeuge gegeben.

    Das viele moderne Autos durch die automobile Mode nach immer bulligereren
    Optiken, und immer aerodynamischereren Formen auch immer unübersichtlicher
    werden, ist dabei sicherlich ein etwas unschöner Trend, aber gerade in
    Sachen Optik und automobiler Mode war ja schon immer die Devise:
    Coole Optik geht vor gute Übersichtlichkeit. Und heute kommt natürlich
    noch dazu das durch die ganzen modernen Automatik-Parksysteme und PKW-
    Umfeld-Überwachungssysteme, eine reale gute Fahrzeug-Übersichtlichkeit
    auch nicht mehr ganz so wichtig ist wie früher. Das viele Parkplätze und
    Parkhäuser aber noch auch den 60/70er Jahren stammen, und damit für heutige
    Auto zu kleine Einstellflächen haben ist dabei auch noch wieder ein
    anders Problem.

    Wie relativ das mit der Fahrzeuggröße ist, sieht man immer sehr schön
    am Mercedes W140, der ja in den frühen 1990er Jahren wegen seiner
    angeblichen „Übergröße“ sehr gescholten wurden, zumindest und vor allem
    in Deutschland. Wie sehr relativ sowas immer ist, sieht man sehr schön,
    wenn man den „übergroßen“ W140 mal neben einen Benz oder ein US-Car aus
    den 60er Jahren, oder neben einen modernen SUV stellt … 

    MB W140 und Ford Mercury Monclair

    MB W140 und MB W111

    MB W140 und MB X166 (GL-Klasse)

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    • Hallo Sebastian

      Danke für die eindrücklichen Vergleichsbilder. Als Besitzer eines 75er Pontiac Firebirds kenne ich die „Platzverschwendung“ der Amis. Ein 2-Meter-Mann kann damit fast nicht fahren, der Kofferraum ist ein Witz und die hinteren Plätze bieten soviel Platz wie ein Porsche 924 und das alles auf 5 Meter Länge.
      Aaaber, das Design kam dafür (meines Erachtens) nicht zu kurz! 🙂 Da sehe ich heute grosse Autos ohne jegliche Eleganz.
      Betreffend optimaler Raumausnutzung stehen für mich ganz klar die Mercedes, Opel und Audi der 70er und Anfangs 80er Jahre.
      Die Fahrzeuge sind zwar wie Du schreibst um eine Klasse gewachsen, aber wenn man das Platzangebot inkl. Stauraum vergleicht, muss man heute noch Golf I mit dem neuesten Golf vergleichen. Der Polo bietet einfach gefühlt weniger Platz, Kofferraum Golf I 350l, neuer Polo 280l… 🙂

      I

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      • Stimmt schon, das Verhältnis von Außenabmessungen zu Innenraumgröße war
        bei den europäischen Autos der 1980er schon sehr beachtlich! Der Golf I ist da ein
        gutes Beispiel, keine Frage. Man darf dabei aber auch nicht vergessen, wie relativ
        unsicher (nach heutigen Maßstäben) der Golf I im Crashverhalten war, da ist ein
        aktueller Polo halt um Welten besser. „Durfe“ ich leider mal selber erleben beim
        Crash meines 70er-Jahre Ford Taunus gegen einen MB W201 … 😦 Ich lag fast ein halbes Jahr im Krankenhaus, und der 201-Fahrer hatte nur einen verstauchten Fuß …


        Und nach heutigen Maßstäben ist ja selbst der MB W201 „unsicher“. Eine so viel crashsicherere Karosserie braucht halt leider auch viel mehr Bauraum für die Karosseriecrashstrukturen, Versteifungen etc., plus die ganzen Airbag-Systeme,
        man muss sich nur mal die Türstärken bei modernen Autos im Vergleich zu Autos der 1970er/80er Jahre ansehen. Das geht natürlich alles zu Lasten des Größenverhältnisses der Außenabmessungen zu den Innenraummaßen.

        Und das ist eben nicht nur bei Golf I vs. Polo V so, sondern auch bei vielen anderen.

        Aber auch Innenraum ist da durchaus relativ, wenn ich mir überlegen, dass man in
        einer E-Klasse (W210 von 1995) genau so viel Platz hat, wie in einer älteren
        kurzen S-Klasse (W126 von 1979), und das obwohl der W210 20cm kürzer
        ist wie ein kurzer W126.

        Und keine Frage, schick sind die US-Cars der 1960/70er Jahre schon, das man da
        aber mit 2 Metern (und 3 Zentner 😀 ) nicht drin sitzen kann ist aber wirklich so, und in
        anbetracht der Außenabmessungen schon sehr erstaunlich …

        … vor allem wenn man das mit einem fast 1m kürzeren Mercedes W220 …

        … oder noch extremer, wenn man das mit einem modernen Kleinstwagen vergleicht …

        Und so schick die großen Autos der 1960er/70er Jahre ja oft auch wirklich waren,
        das es heute nur noch große Autos ohne jegliche Eleganz gibt, kann sich so auch
        nicht ganz unterschreiben, die aktuelle S-Klasse z.B. (X222 bis zu 5,5m) oder das
        aktuelle S-Klasse-Cabrio (A217 5m) finde ich schon sehr elegant …

        … genau wie z.B. das Bentley Brooklands Coupé (2007-2011 5,40m) z.B.

        Aber auch der aktuelle Maserati Quattroporte VI (5,25m) ist ein sehr elegantes
        aktuelles großes Auto, wie ich finde …

        Also ich denke, jede Zeit hat da ihre sehr schönen und wenig schönen Fahrzeuge … 🙂

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      • Hallo Sebastian

        Deine Unfallbilder sehen ja schlimm aus! Da war der 201er wirklich stabiler. Ich mag zwar Ente, R4 und Käfer sehr, aber da hätte ich auch etwas Angst. Beim Ami/Benz/Audi von früher hat man zumindest ziemlich Blech…

        Persönlich stimme ich Dir in den meisten Punkten zu, aber so eine richtige, wie soll ich sagen, dauerhafte Eleganz eines ewig gebauten W116/W126 erreicht die heutige S-Klasse nicht. 3-4 Jahre Bauzeit maximal, in 10 Jahren siehst Du keine mehr hier 😉

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  2. Da ist in der Tat was dran, und ich kann Deine Meinung nachvollziehen. Die daraus resultierenden Nachteile im Alltagsverkehr stellen ein Problem dar. Ein Parkhaus von 1975 hier in Basel weist Parkfelder mit den Massen von rund 4.4 m x 2.0 m auf. Vor 40 Jahren war das für viele Autos noch ausreichend – heute muss man beim Aussteigen idealerweise Akrobat sein.

    Auch nach meinem gestrigen Besuch am Auto-Salon in Genf wurde mir wieder einmal mehr klar: Die Autos werden zwar tendenziell grösser, wobei sie deswegen innen nicht zwingend mehr Platz bieten. Nebst den gewachsenen Aussendimensionen ist auch der Trend zu immer grösseren Felgen erkennbar. Unter 17 Zoll geht eigentlich nichts mehr, d.h. selbst ein Kleinwagen trägt heute solche. Zum Vergleich: Vor rund 25 Jahren wurden Autos der oberen Mittelklasse nicht selten noch mit 14 Zoll-Felgen ausgestattet. Aus meiner Sicht ist das in erster Linie nur eine Frage der Ästhetik, da sich der Aspekt der Sicherheit in Form von ‚besserem Handling‘ und ‚kürzerem Bremsweg‘ (dazu können noch grössere Bremsscheiben montiert werden) alleine durch das erhöhte Risiko von Aquaplaning wieder zum einem Grossteil kompensiert wird.
    Stellt man sie gegenüber, gehen einst stattliche Autos der oberen Mittelklasse neben 2016er Autos der Kompaktklasse unter. Liest man einige Berichte über dieses Phänomen, heisst es, die Hersteller rechtfertigen diesen Zuwachs an Masse durch ihre zahlreichen eingebauten Sicherheitsfeatures, u.a. Fussgängerschutz. Nur skurril, dass man bei älteren Autos oftmals noch den Boden zwischen Motor und Kühlergrill erkennen konnte, wenn man einen Blick in den Motorraum warf, während heute selbst nach Entfernen der Plastikabdeckungen, ein bis auf den letzten Kubikzentimeter vollgepackter Motorraum zum Vorschein kommt. Da müsste man doch darauf schliessen, dass durch diese kompakte Bauweise die Autos erst recht kompakter gebaut werden könnten. Dem ist aber nicht so.

    Ob nun die Grösse des Autos zwingend auf den Wohlstand zurückzuführen ist, ist subjektiv. Meiner Meinung nach nutzen aber so manche Fahrer mancher übergrossen Autos, nennen wir sie mal „Proleten“, das aus, um sich im Strassenverkehr wie in völliger Narrenfreiheit aufzuführen. Von dem her gesehen, gibt es sicherlich noch eine Spezies Mensch, die das Auto als Statussymbol, oder Erweiterung ihres Selbst sehr ernst nehmen – leider eben manchmal wie in besagtem Fall im negativen Sinne. Das Auto als Statement von sich selbst kommt meiner Meinung nach in der Regel nur bei Fahrern eines älteren Autos zur Geltung ;).

    Manchmal frage ich mich, ob dieses seit 20 Jahren anhaltende Phänomen des SUV-Booms eigentlich wirklich noch existiert. Auch gestern musste ich mir die Fragen stellen: Gibt es hierzulande wirklich keinen Bedarf für konventionelle Autos wie Kombis und Stufenhecklimousinen? Ist es wirklich der Markt, der bestimmt, was gefragt ist und produziert werden sollte? Oder sind es eventuell nicht die Hersteller, die bestimmen, was der Kunde „gut zu finden hat“ und kaufen soll?
    Wer heutzutage ein erschwingliches Familienauto als Neuwagen sucht, der hat die Wahl zwischen zahlreichen SUVs und zu Familientransportern umgebaute Lieferwagen à la Doblò und Caddy. Kombis wie der Skoda Octavia und Hyundai i40 bilden da die seltene Ausnahme, verkaufen sich aber dennoch gut.

    Für das Jahr 2035 sehe ich eher ein apokalyptisches Szenario im Stil von ‚Die Klapperschlange‘, ‚Mad Max‘ und dergleichen – ein Zeitalter, in dem nur noch die älteren Autos fahren, weil in den anderen die Tablets ihren Geist schon längst aufgegeben haben…war nur Spass! 😉

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    • Sehr gut! Danke für diesen ausführlichen Kommentar. Vor knapp zwei Jahren stand ich genau vor dem Problem, dass es keinen kompakten Kombi (< 4,5m) mehr gab, der meine Bedürfnisse deckte. Die Verkäufer reagierten wie immer: es gäbe keinen Bedarf…. Ergo bin ich also kein Kunde mehr. Ich hätte ja Bedarf gehabt.

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    • 🙂 Dein Kommentar wär fast ein weitere Meinungsartikel 🙂 danke!
      Du hast recht, normale Familienautos sind selten geworden. Früher reichte uns ein Audi 90.. Ich verstehe aber solche Leute immer wie mehr, die diese umgebauten Lieferwagen kaufen. Man kriegt relativ viel Auto für wenig Geld. Es sieht zwar sch** aus, aber sie sind übersichtlich und relativ sparsam. Aber die SUV-Familien sind schon sehr zahlreich. Die Gründe hierfür sucht man am Besten im psychologischen Bereich. Teils nur mit Frontantrieb, teils mit Behelfsallrad fragt man sich, wohin diese Leute den damit fahren wollen… Fernreisen Richtung Osteuropa/Afrika würde man wen (was bei dieser Kundschaft fraglich ist) sicher nur mit Flieger und Mietauto vor Ort unternehmen…
      Den Wunsch nach Allrad kann ich verstehen, aber den gibts auch in normalen Limousinen…

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  3. Wirklich schön geschrieben der Artikel. Und er regt zum Nachdenken an. Mir ist dabei spontan eine Aufstellung der Mercedes „Mittelklasselimousinen“ eingefallen:

    http://www.w202-freunde.de/die-evolution-der-groesse-ein-vergleich-der-abmessungen/

    Leider ist es tatsächlich so, dass das Größenwachstum als Fortschritt wahrgenommen wird. Schließlich bekommt man jetzt mehr fürs Geld. Und wer will denn dabei hinten anstehen? 😉

    Leider erwähnt die Aufführung nicht die mit dem Wachstum verbundene Gewichtszunahme. Erst in jüngster Vergangenheit haben die Hersteller erkannt, dass ihre Autos schlicht und ergreifend zu fett geworden sind. Bis auf den W205 sind in der Aufstellung alle Fahrzeuge schwerer als ihre Vorgänger geworden. Bleibt zu hoffen, dass die Dimensionen auch wieder schrumpfen werden.

    Ein anderer Effekt ist, dass früher stattliche Autos, wie zum Beispiel eine 126er S-Klasse heute kaum größer als ein A4 sind und ihre imposante Größe neben einem fetten Neuwagen kaum mehr zur Geltung kommt.

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    • Danke. Das mit dem Gewicht ist eine weitere Sache. Ich halte den Herstellern zu gut, dass dies vor allem auf die immer höheren Komfort- und Leistungsansprüche zurück geht.

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    • Da hast Du absolut recht. Wie spidom erging es mir oft im 123er, das Ding ist echt richtig schmal und niedrig und wieselflink im Vergleich zu diesen neuen elektronisch in der Spur gehaltenen Dickschiffen. Auch der noch etwas grössere Audi 100/A6 ist heute bestenfalls noch Mittelmass. Dafür passt man in Engstellen durch wo andere Neuwagenfahrer keine Lücke mehr sehen, bzw. ihr Schiff vielleicht nicht breiter aber sicher unübersichtlicher ist. 🙂

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  4. Es gibt aber auch lobenswerte Ausnahmen. Benannt sei hier die 4. Generation des MX-5. OK, etwas breiter, aber auch niedriger, und sogar kürzer als die 1989 vorgestellte erste Generation. Und kaum schwerer geworden als diese! Nur wenn man mit dem zwischen all den modernen Grossen unterwegs ist, dann merkt man das man einem nebenan stehenden Golf kaum mehr über die Haube sehen kann. Somit wartet man dann halt bis der Linksabbieger weg ist obwohl man längst hätte fahren können, wenn man etwas sehen würde.

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