Vorne links, hinten rechts – und überhaupt? Wichtige Fragen rund um den BMW Dreier GT – von heftychris

Hiermit darf ich Ihnen frisch zu Ostern den ersten Gastbeitrag von Ghostwriter heftychris vorstellen. Ich möchte heftychris herzlich willkommen heissen im sich langsam aufbauenden Kreis der Geisterschreiber. Ich hoffe, wir werden noch einiges von ihm lesen.

Herzlichen Dank @heftychris für diesen Beitrag!

 

Gastbeitrag von heftychris

Keine Sorge, der Autor ist nicht ein einer New-Age-Findungsphase sondern glücklicher Besitzer eines F34 (nein, mit der Ferrari-Legende hat der wenig zu tun). Besser bekannt ist er als BMW 3er Gran Turismo oder GT. Bei der Einführung des 5er Gran Turismo, welcher eigentlich ein verkappter 7er ist und denselben Radstand aufweist, erntete BMW viel Spott und Schelte. Über Design lässt sich ja ewig diskutieren aber uns gefiel seinerzeit das Konzept. Etwas höher sitzen, langer Radstand, guter Kofferraum. Damals priorisierten wir Bodenfreiheit und noch etwas mehr Kofferraum höher als die Beinfreiheit auf dem Rücksitz und entschieden uns für den X5 (E70). In der Zwischenzeit schuf und besetzte BMW mit dem 3er GT eine weitere Marktnische. Die Fachpresse kümmerte sich ausgiebig um den Neuling und die Voten fielen deutlich, sagen wir mal, wohlwollender aus als noch beim 5er (seither ist aber auf der Berichtsseite Funkstille).

Ein entzückender Rücken – Der Spoiler fährt bei 100Km/h automatisch aus

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Das ist auch recht so, denn das Heck ist deutlich niedriger und der Abtrieb wird von einem ausfahrbaren Spoiler besorgt statt einer fest installierten Ausbuchtung. Motoren, 8-Gang-ZF-Automat, Materialanmutung, Armaturen-Ergonomie, alles wie gehabt und in Butter.

Derivatives Instrument – für einmal nicht ein Finanzprodukt

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Die Raumfülle wurde gelobt, die etwas höhere Sitzposition, zumal für „ältere“ Fahrer und so weiter. Dass der lange Radstand seines zum Fahrkomfort tut und man auf der Rückbank mehr als standesgemäss sitzt wurde notiert – wir kommen darauf zurück. Und dann kam es, das dicke Aber mit Grossbuchstaben: Die Fahrdynamik! Das ist ja gar kein Dreier! Der ist ja viel zu hoch und zu schwer und überhaupt. Geht gar nicht, sagte sich der Dreier-Purist (der ja schon an allerhand Anderem zu kauen hat: 328i mit vier Zylindern, M3 mit sechs).

Hübsches Gesicht mit grösserer Niere

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Und wann kommt der jetzt zur Sache? Gemach, kommt noch. Generell habe ich ein Herz für (automobile) Aussenseiter – ich fahre Saab (Cabrio 2004 & Sedan 1987), habe einen 145er Volvo (1972) wo alle nur Buckel und Amazonen wollen und fuhr einen Pontiac Firebird von 1976 (so einen mit Null Kompression und Null PS der aber über einen ohrenbetörendem Klang verfügte, aber das ist eine andere Geschichte). Ich habe mich auch 1999 nicht gescheut, einen 530d Touring zu kaufen. Diesel in der oberen Mittelklasse – das geht nie und dieses Commonrailzeugs macht es auch nicht besser. Ok, der Rest ist Geschichte. Dem 5er Touring folgten insgesamt vier X5, eine 530d Limousine und zwei 330xd Touring. Also, wer so weit gelesen hat, erkennt den Cruiser, den Drehmomentsurfer und Geradeausfahrer im Ghostwriter. Kurven und Drehzahlen sind nicht mein Ding, das überlasse ich gerne anderen. Mit dem Firebird habe ich mir übrigens absichtlich Strecken mit möglichst vielen Ampeln und Fussgängerstreifen ausgesucht – der Sound und das Strahlen der Passanten beim (gemütlichen) Anfahren waren den Durst wert.

Ok, zur Sache. Der X5 musste nach fast 3 Jahren weg – wir hatten ein Montagsexemplar erwischt. Die armlange Mängelliste wurde sukzessive abgearbeitet und die Freundlichen halfen wo sie konnten. Ein fieses Ruckeln im Lastwechselbereich brachten sie aber auch nach zig Versuchen nicht weg – man wusste nicht einmal, ob es an der Automatik, dem Motor oder allenfalls an beidem lag. Früher hätte man das als Magerrupfen qualifiziert. Dem Kundendienstleister sei ein dickes Kränzchen gewunden – BMW hätte sonst auf den „Stand der Technik“ verwiesen aber der Mann liess nicht locker. Nach zähen Verhandlungen bekam ich ein ordentliches Angebot und wir standen vor der Wahl des Nachfolgers. Der neue X5 war noch grösser geworden und gefiel uns nicht. Der 5er ist auch recht gross und ein Update steht an und so fanden wir an jedem Modell etwas auszusetzen. Blieben noch der uns bekannte 3er Touring und der GT. Am Touring gefallen uns die kleine Niere und die stark gewölbte Haube nicht (Pferdekenner nennen das Ramsnase) und mit 1.95m Körpergrösse und lädierten Knien passt mir der sportliche Einstieg nicht so. Jeder Zentimeter Bodenfreiheit ist übrigens willkommen, denn unser Ferienhaus in Schweden ist nur über schlechte Waldstrassen zu erreichen.

Gut nutzbarer Kofferraum mit viel Platz

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Also haben wir uns den GT einmal näher angeschaut. Das ist ungefähr so, wie wenn man einen zu kalten Rotwein degustiert (verkostet, für die richtig Deutsch sprechenden) und die Flüssigkeit erst ein paarmal im Mund hin und her bewegen muss bis die erste Irritation weg ist. Dann kann man sich mit dem Objekt der Begierde auseinandersetzen. Internetbilder taugen nicht viel und die meisten der wenigen frei lebenden Exemplare sind weiss, was zwar die Linien gut zur Geltung bringt, aber wir wollen einen schwarzen (pardon, das heisst heute, politisch korrekt, dunkel pigmentiert). Ok, unverzagt eine Probefahrt arrangiert (335d) und… „you had me at hello“ wie der Angelsachse sagt. Nach wenigen Metern war die Entscheidung gefallen, so einer muss es sein. Und da steht er nun, triple black, 330d GT xdrive mit dem üblichen, unverzichtbaren Pi Pa Po.

Klar, die physikalisch Beschlagenen unter uns wissen, dass ein Wagen mit höherem Schwerpunkt, längerem Radstand und daher relativ schmalerem Tritt, andere Kurvenvoraussetzungen hat als eben eine Dreier Limousine oder ein Touring. Vielleicht war dies ja, abgesehen vom möglicherweise polarisierenden Design, das einzige Haar in der Suppe für die Tester vor zwei Jahren? Wie auch immer, die Testberichte liessen Fahrverhalten à la Grand Cherokee 1996 erwarten. Cooles Auto aber mit Ähnlichkeit zum Passgang eines Kamels. Überhaupt liegt die Latte für jemanden, der von einem X5 kommt, ganz woanders. Im ganz normalen Alltagswahnsinn verhält sich der GT wie jeder andere Dreier (ok, vom M3 vielleicht mal abgesehen, hab ich noch nie gefahren). Die 18 Zoll-Räder haben keinen negativen Einfluss auf den Fahrkomfort und mit den Pirellis ist er sehr leise, mindestens auf guten Strassen. Raue Beläge dürften sich deutlicher bemerkbar machen, zumal mit Winterrädern. Der Wagen liegt satt auf der Strasse, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und auch das oft zitierte Nachzittern bei Unebenheiten (wegen der rahmenlosen Türen?) bleibt aus. Die elektrische Lenkung ist ganz zu Anfang etwas gewöhnungsbedürftig aber sehr exakt und insgesamt sehr angenehm. Kurven nimmt der GT, wenn sie richtig angefahren werden und man nicht korrigieren muss, mit stoischer Ruhe und man spürt, dass da noch deutlich mehr ginge. Der Aufbau neigt sich nicht besonders und wankt auch nicht. Die Sportsitze, welche ausnahmsweise mal nicht kneifen, sind top und eine gute Wahl. Auch das Sport-Lederlenkrad III ist willkommen.

Zum Thema Ergonomie brauche ich keine Worte zu verlieren. Alles bestens und die Materialien fühlen sich satt an. Der neue Dreh-Controller mit Schrifterkennung – wer braucht das schon, dachte ich anfangs, ist aber richtig nützlich im Navi – ist der satteste seit dem metallenen im E91. Wo Dreier draufsteht, ist auch Dreier drin, da macht der Gran Turismo keine Ausnahme. Ein Detail ist mir allerdings direkt aufgefallen.

Wo Dreier draufsteht, ist auch Dreier drin

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Neben dem hochauflösenden Tachodisplay (Schildererkennung ist ein Muss) und dem Zentraldisplay fällt das Anzeigenfeld der Heizung auf: Die grob gepixelten Zahlen in rot erinnern an den 5er von 1999 und die Monochrome-PC-Bildschirme von 1991! Da muss BMW entweder auf dem Retrotrip sein oder man hat noch einige hunderttausend dieser Einheiten! Stört aber nicht weiter und die Anlage tut ihren Dienst vorbildlich.

Retro im Heizungsdisplay – auf diese Pixel kann man zählen

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Nun also zur eigentlichen Kernfrage, vorne links oder hinten rechts. Die Antwort fällt eindeutig und klar aus: Ja! Ist nämlich Jacke wie Hose, macht beides Spass. Wenn die Person am Lenker aber nicht gerade im weichspülenden eco-pro Modus unterwegs ist und alles noch etwas sanfter von Statten geht ist man froh, wenn ebendiese Person einen sanften Gasfuss hat.

Freiheit für die Beine! Die Fahrersitzstellung ist für einen 1.95m Fahrer

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Der Antritt des Dreiliters ist nämlich richtig heftig und obschon die Achtgang Automatik kaum spürbar schaltet, nickt man unfreiwillig mit. Der Motor ist übrigens wie immer ein Traum und hier darf er bei etwas kräftiger gedrücktem Pedal richtig tief bollern. Dieses Wohlgeräusch kann man auch erhören, wenn man mit Tempo Hundert dahingleitet. Fahrer und Wagen sind dann scheinbar mit sich und der Welt zufrieden. Die Langstreckennagelprobe steht für den neuen Freund des Hauses noch aus, die neunhundertsechzig Kilometer von zu Hause nach Kiel zur Stena Line nach Schweden. Update folgt.

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