Zugsreise quer durch den Balkan 2002

Hier krame ich mal alte eigene Bilder hervor. Da kurz nach Ende der Lehrzeit eine Reise im gewünschten Orient-Express (James Bond) nicht finanzierbar war, beschlossen wir mit dem regulären Zug nach Belgrad und weiter bis Athen zu reisen.

066_Vor Nis

Die Mitreisenden sind regelmässigen Lesern bereits aus dem Beitrag „Moby, die Ostpreussentour“ bekannt; meine Mutter und mein reisefreudiger Onkel. Der 007-Film „Liebesgrüsse aus Moskau“ sowie meine Balkanleidenschaft hatten uns bewogen ebenfalls den Balkan per Zug zu erkunden. Eine Reise nach Istanbul startete damals aber mit dem genannten Orient Express bei ca. 7’000 SFr., jenseits meiner finanziellen Möglichkeiten als 19 Jähriger.  Abfahrt in Zürich Hauptbahnhof mit dem „Slibowitz-Express“ direkt nach Belgrad, Reisedauer gut 22 Stunden. Am Ende dieses Fotoberichts finden Sie den ausführlichen Reisebericht meiner Mutter, sozusagen der erste „Ghostwriter“ Beitrag auf meiner Seite 🙂 Vermutlich ist es auch für Aussenstehende spannend, wie unterschiedlich 2 Menschen denselben Urlaub erleben.

001_Marc und Rita im Zug

003_LiegewagenbettUnser Nachtlager, Liegewagen „Couchette“ Abteil mit 6 Sitzplätzen welche zu Liegenen umgebaut werden konnten. Unser Direkt-Wagen gehörte der JZ, der „Jugoslovenske Železnice“ (jugoslawische Eisenbahnen). 2002 war ein Jahr nach dem Kosovokrieg, aber noch vor der Abspaltung des Kosovos und Montenegros von Serbien. Heute heisst die Eisenbahn Železnice Srbije kurz ZS. Ausser uns war nur noch ein SFOR-Mitarbeiter an Bord welcher aber nur bis Zagreb reisen wollte. Das kam uns entgegen, da wir noch 2 zusätzliche Schalenkoffer dabei hatten. Gefüllt waren diese mit Fussballbekleidung welche falsch bedruckt wurden und so in der Schweiz nicht brauchbar waren. Ein ehemaliger Lehrer von mir vermittelte mir ein Besuchervisum für Jugoslawien. Dieses Visum bekam nur, wer eine amtlich beglaubigte Privateinladung eines Jugoslawen vorweisen konnte. Aufgrund von Falschangaben musste ich insgesamt 4 mal nach Zürich zum jugoslawischen Konsulat pilgern. Damals hatte ich noch sooo viel Zeit und Geduld 🙂

Die Nacht war zumindest bei mir im obersten Bett saumässig heiss, die Regulierung der Heizung war defekt. Die ehemaligen Wagen der DB waren damals auch schon 40 Jahre alt. Beim ersten Luftschnappen in Ex-Jugoslawien. In Jesenice (Slowenien) gleich nach dem Karawankentunnel stoppte der Zug für einige Minuten für die Grenzkontrolle und den Lokwechsel, Gelegenheit für kleine Erkundigungen:

004_Unser Wagen

Von Lokwäsche hält man auf dem Balkan nicht allzuviel.

005_Unsere Lok 006_Jesenice 007_Eine andere SZ-Lok

Und weiter gehts Richtung Ljubljana in den Morgen hinein. Nächster Halt, Lesce-Bled. An diesem Bahnhof telefonierte ich 1997 nach Hause. Meine Eltern wähnten mich, einen Schulfreund und meinen Onkel damals auf einer Velotour (Radtour) um den Bodensee. Da es damals im April anfing zu schneien und mein Onkel über einen Personenkraftwagen und viel Geduld mit uns Teenager verfügte, beschlossen wir an die Adria zu fahren. Unsere Eltern informierten wir erst auf der Rückweg, eben von Lesce aus. Ich muss mal suchen, wo die damaligen Photos sind… 😉

Unser Liegewagenschaffner begleitet uns zum Glück bis Belgrad, den er serviert einen sehr guten und starken türkischen Kaffee. Meistens trifft man ihn mit Kippe im Mund an, das Nichtrauchersymbol stört ihn nicht.

008_Lesce-Bled 009_Seenebel bei Lesce 010_Lesce

Meine Mutter im nebligen Ljubljana, nicht gerade erdrückend die Menschenmenge und die Anzahl der Züge in der morgendlichen Flutstunde. 🙂

011_Ljubljana

Süss, die Verbotstafel von Hand beschrieben.

012_Überschreiten der Gleise verboten 013_Zidani Most

In Sevnica, kurz vor der Grenze nach Kroatien. Damals war noch nix mit EU, jeder war mit jedem Spinnefeind. Gut die Serben und die Kroaten noch etwas mehr als die Kroaten und die Slowenen miteneinander. Aber eigentlich ein Wunder, dass der Zug durchgelassen wurde.

014_Sevnica

Wie sie sehen stehen immer Leute auf den Gleisen, das scheint zur Landestradition zu gehören.

015_Dobova

An der kroatischen Grenze

016_Savski Marof

In Zagreb hatte unser Zug fast eine Stunde Aufenthalt. Meine Mutter erklärte sich bereit auf das Gepäck aufzupassen. Onkelchen und ich erkundeten derweil in japanischer Manier die Stadt; in kürzester Zeit soviel aufnehmen was irgendwie sehenswert aussieht wie möglich und dann zu Hause in Ruhe betrachten.

017_Zagreb1 018_Zagreb2 019_Zagreb3

Soviel Youngtimer sieht man leider heutzutage nicht mehr auf dem Balkan.

020_Käfer in Zagreb 021_Statue in Zagreb

Ein balkanesischer Bahnhof welcher etwas auf sich hält, beherbergt eine Dampflok. Die Wichtigkeit des Bahnhofes kann man im weiteren unterscheiden, wenn man den Verfallsgrad dieses genannten Dampfrosses betrachtet.

022_Lokomotive in Zagreb 023_Unterwegs ZG-BG1

Ennet der jugoslawischen Grenze in Šid, wo die Lebensdauer der Bahnanlagen nochmals deutlich ausgereizter scheint. Die Zollkontrolle ist zwar so wie man es sich im Osten vorstellt, mit Käppis geschmückte, bös guckende Grenzbeamte. Aber schlussendlich lässt man uns problemlos passieren, wirklich böse war man dann doch nicht.

024_Unterwegs ZG-BG2 025_Unterwegs ZG-BG3

Bahnhof Belgrad

026_Bahnhof in BGWir werden bereits erwartet und können die Koffer an die richtigen Empfänger übergeben. Wir gehen erstmal in unser Hotel, ein einfaches aber sauberes Haus in Bahnhofsnähe.

Erwähnenswert ist der Balkan-Beat der hämmernd durch den 70er Jahre Frühstückssaal dröhnt. Irgendwie surreal, aber so habe ich die ganze Stadt in Erinnerung.

Hier folgen einige Eindrücke von Belgrad, man beachte, wir schreiben das Jahr 2002. Heute kann vieles anders sein. Wer aber den Film „Taxi Belgrad“ sah, glaubt nicht wirklich daran 🙂

Ich war wohl schon damals scharf auf Youngtimer. 😉

 

 

027_Strasse in BG

Das hier ist ein Fiat Seicento Nachbau von Zastava, im Jahr zuvor wurde die Zastavafabrik Nahe Belgrad leider in Schutt und Asche gelegt. Eine von vielen friedensfördernden Massnahmen unserer amerikanischen Freunde. Good job uncle Sam!

028_Zastava

Eindrücke von der Donau, ganz so trist ist Belgrad nicht. Man berücksichtige den Einfluss des Wetters.

029_Hafen BG1

030_Alter Kahn

Zusammenfluss von Sava und Donau

031_Zusammenfluss von Donau und Save

Mal eine andere Art zu wohnen!

032_Hausboot

Die Stadtfestung Kalemegdan

033_Kalemegdan1 034_Kirche1 035_Kirche2 036_Aussicht

037_Zusammenfluss von Donau und Save 038_Altes Kriegsmaterial 039_Burg 041_Kneza Mihalia

Belgrad gibts auch in sonnig 🙂

042_Skadarska 043_Bemalte Fassade in der Skadarska 044_Fassade2 045_Marktstand 046_Kirche 047_Haus in BG

Das Parlament, ob Slobodan hier oft verkehrte?

048_Parlament

Nochmals ein Beitrag fürs kreative Wohnen:

049_Wohnwagenhausboot

Armensiedlung direkt an der Donau.

050_Zigeuner

Nachts hörte meine Mutter einen lauten Knall. Anscheinend war es eine Gasexplosion in diesem Geschäft.

051_Gasexplosion

Bahnhof Beograd am frühen morgen, heute geht es weiter nach Skopje. Da alle Zugswagen mit „Trieste“ angeschrieben sind, man uns aber versichert, der Zug fahre bis Skopje, steigen wir ein.

052_BG by night

Bis Niš kommen wir, dann wird der Zug umherrangiert. Kaum verlässt der Zug Niš, kommt der Kondukteuer und fragt uns, ob wir nach Sofia wollten. Ähm nein, Bulgarien ist leider nicht auf dem Programm. Ja, aber der Zug fahre nach Bulgarija. Schlussendlich begriffen wir, in Belgrad waren die Hälfte der Wagen nach Skopje vorgesehen, die andere Hälfte für Sofia. Die Anschrift war nach guter jugoslawischer Art, entweder Du weisst es, oder Du hast Pech 😀

053_Bahnhofstafel Nis

053_Schnappschuss Marc 055_Marc + Rita im Zug

Nach Niš durchfährt der Zug eine schöne Winnetou-Schlucht. Wir steigen beim ersten Halt aus, Bela Palanka, ein Bergkaff. Der nächste Gegenzug komme in gut 2 Stunden zurück nach Niš sagte uns der freundliche Schaffner. Wir beschliessen die unfreiwillige Gelegenheit zu packen und das Örtchen zu erkunden. Jemand bleibt jeweils beim Gepäck am Bahnhof, die anderen 2 ziehen los.

056_Zug nach Sofia

Bahnhofsgebäude

057_Bahnhof Bela Palanka 058_Hauptstrasse in B.Palanka

059_Kirche B. Palanka

Man sollte ja keine morbiden Sprüche machen, aber der lokale Leichenwagen gefiel uns doch zu gut 😀

060_Leichenwagen hinten

Man beachte vorallem die Kühlerfigur! Kirchenvertreter hätten bei uns ihre helle Freude, die Schmier (Polente) hingegen etwas weniger. Ob der bedauernswerte Zeitgenosse im Ladeabteil einen „GS“ Opel benötigt, ich dachte man hat dann mehr Zeit? 😉

061_Leichenwagen vorne

Zwischenzeitlich war mein Onkel am „Hüten“ am Bahnhof. Meine Mutter und ich waren mit den Ausweisen auf Tour. Selbstverständlich fallen solche fremden Wessifötzel in so einem guten alten jugoslawischen Dorf auf wie bunte Hunde. Die Milicija war bereits am Bahnhof und befragte meinen Onkel was er hier mache und sowieso und überhaupt. Natürlich hatte man ein kleines sprachliches Problem bei diesem Gespräch. Hilfreich kam ein älterer Herr zur Seite, welcher früher im Pott gearbeitet hat und für uns freundlicherweise übersetzte. Es klärte sich alles auf. Aber damals waren wir eben auf dem falschen Weg, wir gaben im Visum an, YU in Richtung Mazedonien und nicht Bulgarien verlassen zu wollen.

Wie geplant fuhren wir mit dem Zug nach gut 2 Stunden wieder zurück nach Niš.

062 Schlucht der Nisava1 063_Schlucht der Nisava2 064_Schlucht der Nisava3 065_Bahnhof zwischen B. Palanka - Nis

066_Vor Nis

Die Diesellok hatte einen herrlichen Sound, der Männern ein Lächeln ins Gesicht zaubert. In Niš hatten wir Zeit für ein frühes Abendessen. Da die Serviererin im Bahnhofbuffet nur serbisch sprach, nahm sie meine Mutter kurzerhand in die Küche mit. Sie durfte im Tiefkühler aussuchen was wir essen wollten. Es kostete fast gar nichts, aber die Freundlichkeit blieb mir bis heute in Erinnerung.

067_Pferdewagen in Nis 068_Polizeiauto

Bei Einfahrt des Zuges Beograd – Niš – Skopje liefen alle Fahrgäste (maximal 20 Nasen) vor dem einfahrenden Zug übers Gleis. Es gab zwar eine Unterführung, aber die schien wohl uncool zu sein. Da wir anpassungsfähige vorübergehende Migranten waren, machten wir es gleich wie die Einheimischen. Man will ja nicht negativ auffallen.

069_Bahnhof Nis

Fast unglaublich, dass hier vor einem Jahr ganz in der Nähe im Kosovo noch Krieg war.

070_Sonnenuntergang in Südserbien

Aufgrund unseres Malheurs kamen wir recht spät in Skopje an, der ehemals futuristisch und jetzt eher etwas abgerockte Bahnhof war menschenleer, abgesehen von den Menschen die hier lebten…

Ein leidlich deutsch sprechender Taxifahrer wartete alleine mit seinem Lada am Bahnhof. Den Kofferraum konnte er nur mit einem Schraubenzieher öffnen, da das Schloss bereits fehlte. Auch sonst war der Wagen im „used look“. Aber der Herr kannte eine Pension, welche „ghostet nix 300 DM wie Holiday Inn“. Er brachte uns zu einer sympathischen Pension welche von einer ehemaligen Französischprofessorin betrieben wurde. Das gab den Vorteil, dass man sich en français gut unterhalten konnte. Sie besorgte uns auch einen Mietwagen für einen mehrtägigen Ausflug nach Ohrid.

071_Benz 072_Skopje Nummer

Unsere Pension:

073_Hotel Kapistec 074_Peugeot 075_Zastava

Unser Mietwagen, ein 3 zylindriger Corsa, für alle schön als Mietwagen zu erkennen 😉

131_Corsa

Durch das wilde Balkangebirge… bei einer Tankstelle hatten wir noch ein Retroerlebnis; Tito lachte über der Tür von einem schönen alten Photo 🙂

076_Unterwegs nach Ohrid1 077_Unterwegs nach Ohrid2 078_Unterwegs nach Ohrid3 079_Marc im Auto

Ohrid am Ohridsee. Sehr gepflegter und charmanter Ort mit einem sauberen See und schöner Umgebung. Wer gerne Fische isst, ist hier am richtigen Ort!

080_Ohrid1
081_Ohrider Steg 082_Altsadt1 083_Altstadt2 084_Kirche 085_Kirche2

Auch wenn man es nicht glaubt, aber in Mazedonien kann man sehr fein essen!

086_Znacht1 087_Znacht2  092_Nacht 095_Ohrid mit Marc

Hier ein Ausflug am See entlang bis zur albanischen Grenze. Damals durfte man mit dem Mietwagen nicht rüberfahren.

096_Südlich Ohrid 099_Südlich Ohrid 100_Südlich Ohrid 101_Strasse südlich Ohrid 102_Kuh 103_Strasse südlich Ohrid 104_Kirche vor Albanien 105_Sv. Naum 106_Sv. Naum 107_Sv. Naum

109_Brücke bei Sv. Naum 110_Wald bei Sv. Naum

Dieser freundliche Herr nahm uns auf eine Bootstour mit. Mir blieb in Erinnerung wie er uns erklärte, wir Wessis seien alle selber schuld, dass wir die Verbrecher und Tagediebe des Balkans aufnähmen. 🙂

111_Unser Kapitän

112_Sv. Naum 113_Sv. Naum 114_Sv. Naum

Solch saubere Seen findet man in der südlichen EU selten 😉

117_Sv. Naum 118_Sv. Naum 120_Sv. Naum

Hier war dann wirklich Endstation für uns.

122_Verbotstafel

125_Bäume

Volkssport aller Völker auf dem Balkan, Verkehrstafelschiessen.

127_Tafel 128_Picknick 129_Sicht zum Ohridsee 130_Sicht zum Ohridsee 133_Gebüsch 135_Galicica 137_Käfer in der Altstadt 138_Altstadt 3 139_Ohrider Kirche

Sie sehen, ich war mächtig beeindruckt von dieser alten Stadt Ohrid. Vergleichbar ist die friedliche Ruhe gepaart mit dem Charme des Ortes vielleicht noch mit Cetinje in Montenegro. (ausser in den Sommerferien)

140_Altstadt 141_Blick zum See 145_Der heilige Johann 146_Blick zum See 147_Der heilige Johann

Zu guter letzt stelle ich Ihnen hier noch unseren Fremdenführer vor, welcher uns rund um die Kirche treu begleitete. (ob er was sah kann ich nicht beurteilen)

149_Unser Hund

Das Auto ist zurückgegeben und es geht weiter nach Griechenland. In Thessaloniki müssen wir umsteigen nach Athen.

156_Thessaloniki

…und stranden in Katerini wo man uns aus dem Zug wirft. Die arroganten Griechen akzeptieren keine Fahrkarte welche in Mazedonien (einer der diversen Erzfeinde der Griechen) ausgestellt wurde.

Mit einem neuen Ticket reisen wir dann weiter nach Athen.

157_Katerini

Der Empfang in Athen war sehr herzlich, die Taxichauffeure waren sich zu fein, Touristen ins nur 2-3km entfernte Hotel mitzunehmen. Erst nach längerem Warten hat ein Taxifahrer Mitleid und nahm uns mit 🙂 Nichts destotrotz, die Stadt ist auf jeden Fall sehenswert, bietet viele Antiquariate und schöne Tavernen. Nur mit der Arroganz spielen sie mit den Parisern in einer Liga. Vielleicht ist das heute etwas besser, der Fall nach dem Hochmut kam ja dann relativ rasch.

162_Bücherladen 164_Strasse 168_Turm der Winde 169_Kirche 172_Kulisse 175_Von der Akropolis 184_Akropolis 193_Clochard

Die Stadt mit ihren vielen Ruinen aus der Zeit als Griechenland der Nabel der Welt war ist interessant. Mir war es dann ab dem 2. Tag genug mit dem Steinhaufenbesichtigen. Aber man findet in den Parks auch andere Zeitgenossen 🙂

197_Schildkröte 216_Strasse in Piräus 226_Kirche im Hochhaus 234_Olympiastadion 238_Ente

Dieser leicht aufbrausende Herr wollte unbedingt verhindern, dass wir seine antiquarischen Verkaufsartikel photographieren. Da dies Devotionalien aus einer dünkleren Zeitepoche waren, aus denen Griechenland heute Profit schlagen möchte, kann ich das gar nicht verstehen 🙂

262_Erschreckter Händler

Hier folgt wie versprochen der lesenswerte Reisebericht meiner Mutter, er ist ausführlicher als meine Bildbeschreibungen.

Viel Spass beim Lesen!

Balkan mit dem Zug 2002

 

Schon vor längerer Zeit hat Marc den Wunsch geäussert, mit mir mit dem Zug nach Istanbul zu reisen. Sein Vorbild war der legendäre Orientexpress. Scheinbar fährt er nach längerem Unterbruch wieder, liegt aber preislich jenseits unserer Möglichkeiten, kostet doch eine „einfache“ (dafür aber sehr luxuriöse) Fahrt so um die 7 000 Franken.

Marc hat die Idee, man könnte doch meinen jüngsten Bruder Ivo fragen, ob er Lust hätte, mitzukommen. Spontan entschliesst sich Ivo, an der Abenteuerreise mitzumachen. Marc arbeitet verschiedene Routen aus. Prinzipiell bestehen 2 Möglichkeiten, entweder via Wien, Budapest, Rumänien und Bulgarien nach Istanbul oder über Jugoslawien und Bulgarien. Marc könnte sich auch eine Rundreise in Bulgarien vorstellen, allenfalls ab Sofia mit einem Mietwagen in das gebirgige Hinterland. Das Gebiet wäre vermutlich sehr schön, die Jahreszeit aber nicht unbedingt geeignet. Die Zugverbindungen von Bulgarien nach Istanbul sind nicht durchgehend.

Schliesslich taucht die Idee auf, als Reiseziel Athen und nicht Istanbul zu wählen. Ivo und ich sind von Anfang an begeistert, denn wir haben beide die berühmte Stadt noch nicht gesehen. Marc hat weder Istanbul noch Athen je bereist, also macht es für ihn keinen Unterschied. Der Reiseweg ist auch relativ schnell klar. Wir werden via Belgrad und Skopje reisen. Marc sucht die internationalen Zugverbindungen heraus. Wir möchten in Belgrad in einem Hotel übernachten und uns die Stadt ansehen. Anfangs haben wir von einer Woche gesprochen. Mit den verschiedenen Vorschlägen und Wünschen vor allem von Marc wird die Zeit immer knapper. Er möchte gerne von Skopje aus entweder mit dem Bus oder mit einem Mietwagen nach Ohrid an der albanischen Grenze. Er hat einen älteren   Zeitungsartikel aufbewahrt, wonach das Städtchen Ohrid und der See sehr sehenswert sein müssten. So setzen wir noch 2-3 Tage für den Ausflug ein, etwa 3 Tage für die Besichtigung von Athen und kommen nun auf 10 Tage.

Marc bestellt für sich die Gratisbillete für die Länder Oesterreich, Slowenien, Kroatien, Jugoslawien, Mazedonien und Griechenland. Er macht auch sofort die Reservation im Nachtzug ab Zürich. Nun stellt sich die Frage, ob wir für ein Land ein Visum benötigen. Das einzige Fragezeichen bleibt bei Jugoslawien. Marc versucht sich zu informieren, erhält aber von jeder Stelle eine andere Auskunft. Er nimmt sich die Zeit, 3x bei der jugoslawischen Botschaft vorzusprechen, ohne dass er die benötigten Visa erhält. Schliesslich würde er an liebsten aufgeben und fühlt sich schikaniert. Silvio Moretto, sein ehemaliger Itallehrer, mit dem wir schon vor längerer Zeit von unserem Vorhaben gesprochen haben und der uns gerne Kleider für seine Verwandten mitgeben möchte, ist schliesslich unsere Rettung. Seine Mutter stammt aus Jugoslawien. Sie kann für uns durch Beziehungen je eine persönliche Einladung besorgen. Noch wissen wir nicht, ob die Information, die Marc bei seinem letzten Besuch bei der jugoslawischen Botschaft erhielt, überhaupt richtig ist. Marc lässt sich überreden, noch einen allerletzten Versuch zu wagen. Er fährt am Montag vor der Abreise am frühen Morgen vor der Arbeit nach Zürich-Enge mit unseren Pässen, den ausgefüllten Visaanträgen und den amtlich (mit Stempeln) aussehenden Einladungen zur Botschaft.

Wir wissen nicht, was auf den Einladungen steht, denn wir können die Schrift nicht lesen. Jedenfalls klappt die Sache, in unseren Pässen kleben die Visa.

Silvio bringt einen grossen, defekten Koffer und eine Tasche ins Geschäft. Er hat von einem Bekannten ausrangierte Fussballkleider des FC Winterthur bekommen, die wir nun mitnehmen können. In Belgrad werden uns Verwandte am Bahnhof erwarten, damit wir mit dem Gepäck nicht herumreisen müssen.

 

Samstag, 13. April

 

Am Abend koche ich für uns und Ivo, der mit Marc von Effretikon kommt. Ivo stellt mit Schrecken fest, dass er zum ersten Mal in einer Reisegruppe am meisten Gepäck dabei hat. Marc und ich haben uns so gut wie möglich eingeschränkt. Ein zusätzlicher Rucksack mit Proviant darf allerdings nicht fehlen. Wir wissen nicht, wann wir wieder etwas zu Essen bekommen. Bei Regenwetter bringt uns Albi zusammen mit Roger nach Winterthur auf den Bahnhof und fährt mit uns nach Zürich. Er möchte unseren Liegewagen besichtigen. Wir sind fast eine halbe Stunde vor der Abfahrt bei „unserem“ Zug. Es sind jugoslawische Liegewagen, vermutlich aus den 60er-Jahren. Wir haben eigentlich auch nichts anderes erwartet. Es steigen nur wenige Personen in den Zug. Ein älterer Zugbegleiter aus Jugoslawien ist für uns zuständig. Natürlich hoffen wir, dass wir in unserem 6er-Abteil alleine bleiben. Den grossen Koffer, den ich mit einem breiten Kofferband gesichert habe, lassen wir im Gang.

Albi und Roger verabschieden sich, nachdem sie nochmals betont haben, dass sie froh sind, zu Hause bleiben zu können. Kurz vor der Abfahrt kommt ein französisch sprechender Herr mit einer Reservation im gleichen Abteil. Er arbeitet in Kroatien und klagt, dass er sich nicht mehr verpflegen und auch keine Lebensmittel kaufen konnte. Unser Proviant reicht auch für ihn. Der Schaffner erkundigt sich, ob wir alle zusammen gehören. Er bietet dem Westschweizer ein freies Abteil an. So haben wir unsere Ruhe und auch genügend Platz für das Gepäck.

Pünktlich fahren wir ab. In unserem Abteil wird sehr gut geheizt. Marc versucht, die Temperatur einzustellen, der Hebel lässt sich von kalt nach warm und umgekehrt verschieben, die Temperaturen bleiben gleich. Er bringt dem hungrigen Mann im anderen Abteil einen kleinen „Znacht“. Wir machen auf den Polstern einen kurzen Jass, noch sind wir nicht müde genug, auch sind die Betten nicht gemacht. Der Schaffner kümmert sich um die Bettwäsche und die Kissen. Er bittet uns, die Türe nicht nur von innen zu verschliessen, sondern mit einem Bändel mit Haken zu verbarrikadieren, da bei der Durchfahrt in Oesterreich hin und wieder Diebstähle vorkommen sollen. Wir nehmen uns den Rat zu Herzen und versuchen den Bändel zu befestigen. Marc wählt die Liege ganz oben, Ivo und ich werden uns auf den untersten Liegen einbetten. Glücklicherweise ist es warm, denn wir haben ausser einem dünnen, kleinen Leintuch nichts, womit wir uns zudecken können. Kaum haben wir uns nach dem Grenzübergang nach Oesterreich eingebettet, kommt mir in den Sinn, dass der grosse Koffer noch im Gang steht. Den müssen wir doch auch noch in Sicherheit bringen, sonst macht die Sache ja keinen Sinn. Nachtruhe ist um 2315.

Während der Nacht bleiben wir immer wieder stehen, werden an andere Züge gehängt oder weitere Wagen an unseren Zug, jedenfalls erleben wir häufige Rangierbewegungen. Beim Arlberg, das wird mir aber erst am anderen Morgen durch eine Bemerkung von Marc bewusst, merke ich deutlich in den Ohren die Höhenunterschiede.

 

Sonntag, 14. April

 

Um 0630 steht Marc freiwillig auf, da er die Wärme im obersten Stock nicht mehr aushält. Für Ivo und mich macht das Aufstehen auch keine Mühe. Immerhin können wir sagen, dass wir immer wieder gedöst haben und eigentlich nicht müde sind. Das Wetter ist besser, jedenfalls regnet es nicht mehr. Um 0700 „weckt“ uns unser Schaffner mit Stockschlägen an die Türe. In Kürze werden wir die Grenze nach Slowenien passieren. Wir fragen ihn, ob er uns Kaffee servieren könne. Er bringt uns 3 türkische Kaffees, die einfach wunderbar schmecken. Zum Kaffee geniessen wir feine Buschesinis, die wir mitgenommen haben. Sogar Marc trinkt den Kaffee und das will etwas heissen, Ivo und ich bestellen gleich Nachfüllung. Ab Jesenice wird sogar ein Speisewagen an den Zug gehängt. Wir können uns für das Mittagessen immer noch überlegen, statt zu picknicken eine Mahlzeit im Speisewagen einzunehmen.

Die Gegend ist sehr interessant, der Nebel hängt über den Flussläufen und kleinen Seen. In der Ferne leuchten Schneeberge. Teilweise fahren wir durch schöne, wilde Schluchten. Wir sehen kaum Dörfer, aber sobald wir an einem kleinen Bahnhof halten, schnappt Marc schnell die Kamera von Ivo und fotografiert die Stationen. Albi telefoniert zwei Mal und erkundigt sich, wo wir sind. Das Wetter wird immer besser, die Gegend flacher, die Natur hat hier schon sehr viel mehr Fortschritte gemacht. Die Bäume stehen in voller Blütenpracht und das Grün in verschiedenen Schattierungen ist sehr satt. Teilweise haben wir auf kleinen Stationen längere Aufenthalte. Die Zeit vertreiben wir mit einem Jass, der sich entweder „Coiffeur“ oder „quoi faire“ nennt. Ivo ist Profi, da er dieses Spiel mit Kollegen jede Woche spielt. Sobald der Zug aber langsamer wird, nimmt Marc die Kamera und verewigt wieder einen Bahnhof. Ivo beruhigt ihn, Speicherplatz habe er bestimmt genügend auf den Sticks.

Marc und Ivo spazieren zum Speisewagen, um das Angebot zu prüfen. Sie kommen aber nicht gerade begeistert zurück mit der Auskunft, dass man wählen könne zwischen Wienerschnitzeln, Pariserschnitzeln und Schnitzel nature. Die Luft im Speisewagen sei überdies von den vielen Rauchern zum „Abschneiden“. Das macht uns keine Mühe, denn unser Notvorrat ist noch gross genug. Um 1100 erreichen wir Zagreb. Marc weiss, dass wir einen längeren Aufenthalt haben und sucht zusammen mit Ivo auf dem Bahnhofareal ein frühes Mittagessen. Der nächste längere Halt ist erst in Lauf des Nachmittags. Marc besichtigt mit Ivo „auf die Schnelle“ die gepflegte Stadt. Ich hüte unser Gepäck und unser Abteil, in der Hoffnung, dass wir weiterhin allein im Abteil reisen können. Wir haben festgestellt, dass niemand Nichtraucherschilder beachtet. Ein junger Mann versucht, mir eine Goldkette „echt und sehr billig“ anzudrehen.

Meine Mitreisenden bringen frische Schinkensandwich. Der Zug ist schwach besetzt, wir bleiben allein. Nachdem wir unser Mittagessen und den angefangenen Jass beendet haben, legt sich Marc auf die Sitzbank und schläft tatsächlich einige Zeit. Wieder frisch, beginnen wir, seine englischen IATA-Blätter zu lesen und zu besprechen. So kommt er mit seinen Aufgaben nicht in Stress und jetzt haben wir ja genügend Zeit.

Der Zug fährt uns durch Slavonija in Kroatien. Immer wieder beobachten wir Häuser mit Einschusslöchern. Die Landschaft ist eben, viele Felder liegen zwischen einzelnen weit verstreuten Dörfern.

Kurz vor der Grenze zwischen Kroatien und Jugoslawien stehen wir etwa eine Viertelstunde im Niemandsland. Marc ist nervös und stellt sich vor, dass wir im Notfall, d. h. falls unsere Visa nicht gültig wären, einfach den Schienen entlang wieder zurückmarschieren und irgendwo ein Auto mieten würden. Mit unserem voluminösen und nicht sehr transportfreundlichen Gepäck wären wir wohl längere Zeit unterwegs. Wir fahren dann aber wirklich über die Grenze, und werden nochmals abgestellt. Immer wieder werden durch Hammerschläge die Bremsen geprüft. Nachträglich behauptet Marc, er habe uns nur etwas „sticheln“ wollen, er sei gar nicht nervös gewesen!

Zwei jugoslawische Zollbeamte kontrollieren und stempeln ohne Problem unsere Pässe. Unser netter Zugbegleiter schlurft mit Hausschuhen und einer Zigarette mit Halter den Gang entlang. Nach kurzer Zeit erscheinen weitere Beamte, die sich das Gepäck ansehen. Vor unserem überdimensionierten Koffer bleiben sie stehen und fordern uns auf, ihn zu öffnen. Glücklicherweise habe ich ihn zu Hause probehalber schon einmal geöffnet und kenne die oberste Schicht Kleider. Ich kann mir nicht vorstellen, was die Zollbeamtin denkt beim Anblick von vielen gleichaussehenden, glänzenden Sportkleidern. Jedenfalls kann ich den Koffer gleich wieder verschliessen, wir sind akzeptiert! Marc hat eine spezielle Erklärung, er vermutet, dass sie nicht genügend Englisch spricht, um uns nach dem speziellen Gepäck zu fragen. Die ganze Prozedur dauert nochmals über eine halbe Stunde.

Nach kurzer Zeit erreichen wir Novi Beograd. Ich habe unserem Zugbegleiter vorher für die gute Betreuung eine kleine Note zugesteckt. Er ist hocherfreut und verspricht mir, mich zu informieren, wenn wir in Beograd eintreffen. Auf keinen Fall müssten wir in Novi Beograd aussteigen. Die Stadt bietet mit den trostlosen Wohnblöcken vielen Menschen ein Zuhause. Entlang der Schienen breitet sich ein Elendsquartier aus. Zelte, Kartonbauten, Wellblechhütten und unglaubliche Abfallberge sind Umgebung für die meist dunkelhäutigen Bewohner. Wir vermuten, dass es sich um Zigeuner handeln könnte.

Beim Hauptbahnhof Belgrad sammeln wir unser umfangreiches Gepäck. Unser Schaffner hilft, die Gepäckstücke die steilen Ausstiege hinunterzutragen. Er bedankt sich nochmals sehr. Wir haben die Anweisung von Silvio, den Ausgang in Fahrtrichtung des Zuges zu wählen, da dort seine Verwandten auf uns warten werden. Eigentlich glauben wir nicht so recht daran, dass es klappt und überlegen uns schon, was wir wohl mit dem Gepäck machen würden. Unsere Bedenken sind unnötig, denn im Durchgang werden wir von drei älteren Personen herzlich begrüsst. Die beiden Frauen sprechen sehr gut deutsch, der Herr englisch. Nachdem wir die obligatorischen Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht haben, übergeben wir dankbar unseren Ballast. Ich frage die „Anführerin“, ob sie uns ein Hotel in der Nähe empfehlen könne. Nach kurzer Besprechung einigen sie sich auf das Hotel Astoria, das nur 100 Meter vom Bahnhof entfernt sei und zeigen uns die Richtung. Bevor wie uns in die Stadt wagen, kaufen wir trotz Marc`s Protest einen touristischen Stadtplan in deutscher Sprache. Marc hätte lieber eine richtige Strassenkarte. Wenn wir aber nicht einmal die Sehenswürdigkeiten erkennen, da wir die Sprache und auch die Buchstaben nicht kennen, bringt uns der ungenauere Stadtplan weiter.

Das Wetter ist jetzt relativ gut. Allerdings muss es bis vor kurzem stark geregnet haben, denn die Strasse ist voller Pfützen. Wir machen uns auf in die angegebene Richtung, versuchen den vielen Löchern mit Schmutzwasser auszuweichen und erreichen nach einigen 100 Metern die Zufahrt zum Busbahnhof. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns durchzufragen nach dem „nahen“ Hotel Astoria. Ich versuche es bei einem Kiosk. Leider sprechen die beiden Frauen nur die Landessprache, die wiederum ich nicht beherrsche. Irgendwie verstehen sie aber das Wort Astoria und weisen uns in eine andere Richtung.

Nach 2 weiteren Auskünften finden wir das Hotel, das wirklich nur wenige Meter vom Bahnhof entfernt liegt, allerdings nicht in der angegebenen Richtung.

Es macht von aussen keinen schlechten Eindruck, ruhige Lage würde sicher nicht zutreffen! Wir treten ein und schreiten auf dem roten Läufer einige Stufen hoch zur Rezeption und erkundigen uns nach einem freien Zimmer für 3 Personen. Gemäss Prospekt befinden wir uns in einem Dreisternhotel. Der nette Herr am Empfang bietet uns ein Dreibettzimmer für 2 Nächte inklusiv Frühstück für 161 Euro an. Mutig steigen wir in den uralten Gitterlift mit einer zusätzlichen Metalltüre, die sich etwas verzögert, aber blitzschnell schliesst. Glücklicherweise haben wir genügend Abstand von der Türe, andernfalls könnte man sich vermutlich schmerzhaft einklemmen.

Das Zimmer ist recht gross. Die drei Betten sind je in einer Ecke platziert. Ivo schiebt den Rahmen meines Bettes wieder in die richtige Lage, sonst wäre vielleicht das Erwachen in der Nacht etwas unsanft. Wir packen nur gerade das allernötigste aus, verzichten sogar auf eine Dusche und frische Kleider. Mit dem neuerworbenen Stadtplan ziehen wir los. Teilweise sind die Strassen und Gassen sehr schmal. Die meist alten Autos stinken. Hauptsächlich verkehren hier Zastavas, Golf 1, Audi 100 und Mercedes, beide aus den 70er-Jahren.

Die Strassen und Häuser werden immer gepflegter, je näher wir dem historischen Zentrum kommen. Die Altstadt liegt auf einem Hügel. Noch haben wir gar keine Schäden des massiven Angriffs der Nato auf Belgrad gesehen. In den kleinen Läden scheint man auch alles lebensnotwendige zu bekommen. Wir decken uns auf dem Weg zuerst mit Mineralwasser ein, das wir im Rucksack transportieren. Unser einziges Ziel ist es, ganz einfach ein feines Restaurant zu finden. Noch entdecken wir die Sehenswürdigkeiten rein zufällig. So ganz einfach ist unser Ziel gar nicht zu erreichen. Beim Aufstieg finden wir kein anmächeliges Lokal. Auf der Anhöhe jedoch stehen wir plötzlich vor dem berühmten, altehrwürdigen Hotel Mockba. Für das noble Restaurant sind wir vielleicht etwas „underdressed“. Vis à vis jedoch trauen wir uns in das Restaurant des Hotels Balkan. Schon bei der Türe werden wir sehr freundlich durch einen englisch sprechenden Kellner begrüsst und in den altmodischen Speisesaal gebeten. Auf der Speisekarte können wir sogar die Menüauswahl in deutsch studieren. Da wir uns nun seit gestern Abend von Snacks ernährt haben, freuen wir uns auf einen Salat und ein Stück Fleisch. Ivo und ich bestellen zur Vorspeise einen Tomatensalat, Marc serbischen Käse. Zur Hauptspeise für Ivo und mich Filet Mignon mit Pommes Frites, für Marc Cevapcici. Kaum haben wir bestellt, telefoniert Albi, um sich zu erkundigen. Er ist ebenfalls sehr erstaunt, dass das Leben hier nach unserer bisherigen Beobachtung recht normal verläuft.

Das Essen ist sehr gut, der Kellner überaus aufmerksam. Eine Weile sind wir die einzigen Gäste. Ein Mann, der nach uns bestellt, ist lange vor uns schon wieder fertig. An einen weiteren Tisch setzen sich nach einer Weile zwei Italiener. Marc ist in Diskussionsstimmung. Ivo amüsiert sich über unsere Art, mit den Themen umzugehen. Er behauptet, wir hätten eine gute Streitkultur, wobei wir beide unser Gespräch in keiner Weise als Streit verstehen.

Für das Essen und Getränke (Wein, Bier, Wasser, Kaffee) präsentiert der Kellner uns am Schluss eine Rechnung über 30 Euros, das sind knapp 45 Franken. Nach dem feinen und etwas üppigen Essen tut uns der Spaziergang zum Hotel zurück sehr gut. Um ca. 2230 ist Nachtruhe. Ruhe ist allerdings übertrieben, denn wir wohnen in einem „lebhaften“ Quartier. Mitten in der Nacht erschrecke ich durch einen starken Knall und fast gleichzeitiges Sirenengeheule. Kurz danach aber lauter ertönen die Sirenen von Rettungsfahrzeugen, die ganz in der Nähe verstummen.

 

Montag, 15. April

 

Aufstehen ca. 0700. Ivo steht als erster auf. Ich geniesse den kurzen Aufenthalt unter der Dusche. Marc ist noch etwas müde, denn durch die warme Nacht im Zug hat er ein Schlafmanko. Seit gestern Abend benützen wir den Lift nicht mehr. Der Speisesaal ist im Untergeschoss, üppig und altmodisch eingerichtet. Der Kaffee schmeckt jedoch sehr gut. Für jede Person bringt der Kellner 2 hartgekochte Eier, frische Brötchen, westeuropäische Butter und Konfitüre.

Zuerst versuchen wir auf dem Bahnhof abzuklären, ob wir für die Weiterreise im Zug Plätze reservieren können. „No reservation“ lautet die kurze Antwort der Dame am Schalter. Wir haben uns für heute viel vorgenommen. Zuerst möchten wir uns den Zusammenfluss der Sava mit der Donau ansehen. Gemäss Karte gibt es einen Veloweg direkt am Fluss. Wir versuchen via Busbahnhof den Weg flussabwärts zu erreichen. Kaum sind wir um die Hausecke gebogen, sehen wir direkt neben dem Laden, in dem wir uns gestern nach dem Hotel erkundigt haben, ein Haus, das in einem schlimmen Zustand ist. Durch eine Gasexplosion ist es fast vollständig zerstört. Nun kann ich mir einen Reim darauf machen, was der Grund für den lauten Knall in der Nacht war. Ivo und Marc allerdings sind nicht einmal aufgewacht. Bei den Sirenen, die fast sofort losgegangen sind, muss es sich um Autoalarmanlagen gehandelt haben, die mit diesen Tönen gemäss Ivo bei uns verboten sind.

Noch immer müssen wir den zahlreichen Pfützen ausweichen, der Himmel ist bedeckt, aber glücklicherweise regnet es nicht. Ueber die Bahngeleise erreichen wir den schön ausgebauten Veloweg, der direkt am Fluss entlang führt, zuerst am Hafen vorbei, in dem zahlreiche Transportschiffe vor sich hin rosten. Ich würde mich kaum mit einem der Schiffe auf das Wasser wagen! Direkt beim Zusammenfluss von Donau und Sava liegt eine von dichten Pflanzen bewachsene, unbewohnte Insel mit einem Badeplatz donauaufwärts. Der Veloweg führt um die Halbinsel, auf der die Belgrader Festung Kalemegdan und die Altstadt liegen. Wie überqueren die breite Strasse, die der Bahnlinie entlang führt und erreichen ein grosses Sportareal, auf dem fleissig Fussball trainiert wird. Noch trägt der 1. FC Belgrad (unsere Vermutung) nicht die Kleider, die wir gestern mitgebracht haben!

Der Weg zur Burg ist relativ steil und führt immer wieder an kleinen Kapellen vorbei, in denen von Besuchern Kerzen gekauft und angezündet werden. Die Gotteshäuser der griechisch orthodoxen Glaubensrichtung sind reich geschmückt und für uns sehr attraktiv anzusehen.

Teilweise sind in der Festung Sportplätze integriert. Die Anlage ist gepflegt und ist trotz der zentralen Lage sehr ruhig. Verschiedene Baustile der Festung zeigen, dass Belgrad im Verlauf seiner unruhigen Geschichte mehrmals zerstört, Gebäude renoviert und weitere dazugebaut wurden. Das Wetter hat sich jetzt ganz zur schönen Seite gewendet, die Sonne wärmt angenehm.

Die Lage der Festung ermöglicht uns eine Sicht auf drei Seiten, unten die beiden Flüsse, die Insel und etwas weiter entfernt die Hochhäuser von Novi Beograd, die aus Distanz gar nicht so hässlich wirken. Es ist jetzt 1100, wir sind schon einige Zeit unterwegs und recht zügig gelaufen. Marc schlägt eine Bänklipause vor. Es sitzt sich sehr angenehm an der wärmenden Sonne. Viele ältere Personen spazieren in der Anlage, geniessen wie wir die Ruhe und die frische Luft. Anschliessend wählen wir den Ausgang zur Altstadt, wo wir direkt die breite Fussgängerstrasse Kneza Mihalia mit vielen Geschäften erreichen, die aber durch das unattraktive Sortiment nicht zum Einkaufen verleiten. Die alten Gebäude allerdings sind sehr schön herausgeputzt.

Ivo fotografiert (oder versucht zumindest) hübsche Kinder, die auf einer Decke am Strassenrand sitzen. Es stellt sich dann heraus, dass er damit in eine Falle tritt, denn auf der gegenüberliegenden Strassenseite sitzt und bettelt die ganze Sippschaft! Ivo jedenfalls muss sich mit einer sehr energischen, kaum zehnjährigen Vertretung „herumschlagen“. Er weigert sich standhaft, seinen Obulus zu entrichten und wird schliesslich durch die junge, ungeduldige Dame „geschlagen“, was wirklich wörtlich zu nehmen ist!

Marc wirft immer wieder ein Auge (oder auch beide) auf die Auslagen der CD-Verkäufsstände. Schliesslich raten wir ihm, sich doch die Zeit zu nehmen, die gebrannten CDs richtig anzusehen. Ivo und ich können in der Zwischenzeit ohne Probleme die Zeit verbringen, indem wir ganz einfach die Leute beobachten. Nach einer Weile kehrt Marc zurück mit einer alten Bee Gees-CD. Ivo versteht zwar nicht ganz, warum er sich seine CD-Wünsche unbedingt hier erfüllen muss, akzeptiert aber dann ganz einfach die Tatsache. Das nächste Ziel ist die nahegelegene Skadarska, eine schön herausgeputzte Bohèmestrasse, ebenfalls weitgehend autofrei. Wir fragen eine Studentin, die uns die Richtung zeigt. Diesmal müssen auch Ivo und ich die Nachteile des touristischen Stadtplanes zugeben.

Direkt vor uns in der malerischen schmalen Gasse liegt ein Restaurant mit gedeckter Terrasse. Ivo und Marc werden beim Anblick plötzlich von Hungergefühl überfallen. Die Zeit können wir uns gut nehmen. Marc und Ivo bestellen je ein Menü mit Vorspeise, für mich reicht die Vorspeise Paprika mit Käse gefüllt und paniert. Wir geniessen die Pause. Das Essen ist sehr gut. Wieder fällt uns auf, dass an Kreditkarten höchstens Diners und allenfalls Visa akzeptiert werden. Die Diners-Karte haben wir vor mindestens 20 Jahren schon gekündet, eine Visakarte hat nur Albi. Wir werden aber mit unseren Euros und Bargeld in Schweizerfranken schon zurechtkommen.

Wir folgen der Gasse bergabwärts und staunen, wie „echt“, das heisst eigentlich dreidimensional, die Häuserzeile über mehrere Häuser bemalt ist, z. B. mit Erkern und Balkonen, die sich erst beim nochmaligen Hinsehen als aufgemalt erweisen. Es ist nun 1345, auf der Gegenseite der anschliessenden, belebten Strasse sehen wir einige Marktstände. Ich hätte eigentlich Lust, mich kurz umzusehen. Ivo hat nichts dagegen, Marc gesteht mir einige wenige Minuten zu, da er sich die Zeit für die CD`s auch genommen hat. Hinter den Ständen, die von der Strasse her gesehen werden können, verbirgt sich ein grosser Freiluftmarkt mit allem, was man für Haus und Küche benötigt, Lebensmittel, Früchte und Gemüse, Fleisch, Putzmittel, Kosmetik, Kleider, Schuhe, kurz gesagt einfach alles. Es ist amüsant, durch den Markt zu bummeln.

Wir erreichen über einige steile Gassen den neueren Teil von Belgrad, das gepflegte Regierungsviertel. Militär und Polizei sind hier noch auffälliger „gegenwärtig“ wie schon den ganzen Tag, jedoch nicht aufdringlich oder störend.

Die Sonne brennt jetzt relativ stark auf die Stadt, Marc hat seine Sonnenbrille sicher versorgt, nämlich im Hotel in seinem Rucksack.

Wir überlegen uns, den Rest des Veloweges in die andere Richtung auch noch zu erwandern, denn er führt zur Insel Ada Ciganlija, einem Naherholungsgebiet mitten in der Sava vor der Einmündung in die Donau. Marc ist nicht sehr begeistert, kann aber auch nicht zugeben, dass er nicht mehr laufen mag. Da wir sowieso fast beim Hotel vorbeikommen, holen wir Marc`s Sonnenbrille und marschieren los. Diesmal habe ich mir vorgenommen, keine Ansichtskarten zu schreiben.

Wir möchten uns einen Teil des Weges abkürzen und hoffen, auf der anderen Seite des Bahnhofs einen Durchgang zu finden. Diesmal haben wir uns aber getäuscht, die nächste Möglichkeit wäre vermutlich wieder via Busbahnhof gewesen. Nun bleibt uns nichts anderes übrig, als auf und neben Tramgeleisen der stark befahrenen Strasse entlang zu gehen.

Schliesslich wählen wir die erste Abzweigung in Richtung Fluss. Am Nachmittag, vermutlich auch aufgrund des schönen Wetters, promenieren und fahren einige Belgrader entlang des auch auf dieser Seite schönen Veloweges. Am Vormittag waren wir ausser einigen wenigen Hundebesitzern alleine unterwegs. Immer wieder bieten Gartenrestaurants den Besuchern die Möglichkeit, eine Pause einzulegen. Einige mehr oder weniger gepflegte Hausbooten liegen an den Anlegeplätzen. Von weitem sehen wir unser Ziel, den Springbrunnen vor der Insel. Marc hat sich vorgestellt, dass man vielleicht auf der Insel Velos mieten könnte und einen Teil der Zeit so ruhig verbringen könnte. Die einzige Möglichkeit, die wir noch haben, da es schon späterer Nachmittag ist, wäre die Rückfahrt im Taxi, falls uns unsere Füsse nicht mehr tragen. Die Insel ist über eine Landbrücke zu erreichen.

Da das Wasser hier nicht durchfliesst, fallen uns die Zivilisationsrückstände unangenehm auf. Wir sind nun einmal hier, also versuchen wir, uns einen kleinen Ueberblick zu verschaffen. Wir gehen querfeldein bis zu einem malerischen kleinen Weiher. Einige Fischer versuchen ihr Glück, sonst sind wir eigentlich die einzigen Besucher. Bei einem Kiosk kaufen wir uns eine Flasche Bier für 40 Dinar (wir besitzen nicht viel mehr), setzen uns auf die Holzbänke und beobachten den Weiher und die Fischer. Die Frage stellt sich nun, wer mag wieder bis zum Bahnhof zurücklaufen, wir schätzen die Zeit auf etwas mehr als eine Stunde. Obwohl wir heute schon den ganzen Tag zu Fuss unterwegs sind, möchten wir alle auch den Rückweg noch schaffen. Diesmal marschieren wir am Bahnhof vorbei und kehren ins Hotel zurück, bezahlen unseren Aufenthalt mit Schweizerfranken und wechseln für das Nachtessen nochmals in Dinar.

Auch Ivo`s und mein Bedarf an Kilometern ist nun gedeckt, wir suchen ein Restaurant in der Nähe. Beim Warten vor der Post haben wir auf der anderen Strassenseite 2 Lokale gesehen, die wir uns nun näher ansehen möchten. Im ersten, sehr schummrigen Lokal könnten wir nur Pizza essen, deshalb verlassen wir es nach einem Drink wieder. Im nächsten Restaurant werden wir sehr freundlich begrüsst, wieder sind wir fast die einzigen Gäste. Das Lokal im Stil der 70er Jahre wirkt nicht nur, sondern ist auch kalt. Das Essen, das Marc und ich gewählt haben, ist für mich fast nicht essbar. Die Mixed-Grill-Portionen sind zwar riesig, die Qualität lässt zu wünschen übrig. Ivo`s Schweinebraten ist scheinbar recht gut. Verhungern werden wir jedenfalls nicht. Es ist noch zu früh, um ins Bett zu gehen. Wir jassen in der verrauchten Hotelbar einen Differenzler. Den Mangel an Bewegung während der Zugreise haben wir heute mehr als wettgemacht.

 

Dienstag, 16. April

 

Wecken 0520, Ivo ist schon lange auf, er hat sich in der Zeit geirrt. Das Wetter ist sehr schön, es ist wolkenlos. Pünktlich um 0600 sitzen wir am Frühstückstisch. Marc hat seine Postkarte schon geschrieben und wirft sie neben dem Bahnhof bei der Post ein. Wir sind früh genug auf dem Perron und hoffen wiederum, ein Abteil für uns zu erhalten. Heute ist der Zug eher voll. Wir setzen uns in ein 6er-Abteil mit goldgelben Plüschsitzen. Zuerst vermute ich, dass wir uns in die 1. Klasse verirrt haben. Nachdem wir uns aber vergewissert haben, dass alles seine Richtigkeit hat, staunen wir, dass wir wieder allein sind.

Abfahrt pünktlich um 0700. Die hügelige Landschaft wirkt leicht verschwommen und malerisch in der Morgensonne. Viele Dörfer und auch einzelne Häuser verfügen über keine Zufahrt, sie stehen einfach so in der Landschaft. Leider wird die Idylle durch den überall gegenwärtigen Abfall getrübt. Der Kondukteur fragt bei der Kontrolle unserer Billette, ob wir nach Sofia reisen möchten, was wir verneinen, denn unsere Billets sind ja nach Skopje ausgestellt. Wir jassen zwischendurch und essen einen kleinen Znüni. Auf der Strecke werden wieder unsere Pässe kontrolliert, wie immer dauert die Prozedur einige Zeit.

In Nis halten wir längere Zeit auf dem Bahnhof und werden immer wieder hin und her rangiert. Das kennen wir aber schon von unserer ersten Nacht. Es ist auch Zeit für das Mittagessen. Bei der Weiterfahrt fällt uns auf, dass wir in die gleiche Richtung fahren, aus der wir gekommen sind. Noch hoffen wir, dass sich die Geleise ausserhalb des Bahnhofs wieder trennen werden und in südliche Richtung führen. Wir fahren durch eine attraktive, wilde Schlucht bergwärts. Der Kondukteur mustert unsere Billets und auch uns und versucht sich zu vergewissern, dass wir auch wirklich nach Sofia reisen möchten. Unser Wagen wurde in Nis umgehängt an eine Komposition in Richtung Sofia und wir haben es gar nicht bemerkt. Zu unserer Entlastung müssen wir allerdings feststellen, dass der Wagen in Belgrad nicht angeschrieben war, darauf haben wir geachtet. Der nette Kondukteur sucht uns eine Verbindung zurück nach Nis. Wir müssen noch einige Zeit sitzen bleiben bis Bela Palanka. Dort haben wir etwas mehr als 2 Stunden Aufenthalt, bis ein Zug in die andere Richtung fährt und uns wieder nach Nis bringt. Ab Nis könnten wir den Nachtzug um 1825 besteigen mit Ankunft in Skopje um 2300. Es ist herrlich, es regt sich niemand auf, wir können über das Missgeschick nur lachen. Verbringen wir eben noch einige Zeit in der „Höhe“. Auf beiden Seiten der Schlucht, durch die der Zug fährt, werden die Berge immer höher. Wir fahren durch viele Tunnels, die Wagen sind im Innern nicht beleuchtet.

Um 1335 erreichen wir Bela Palanka, ein nettes Dorf, aber abseits von Touristenwegen. Der Bahnschalter ist nicht besetzt. Ich schlage Ivo und Marc vor, das Dorf zu erkunden, es bringt ja nichts, wenn alle auf dem Bahnhof warten. Ich hüte das Gepäck, nehme mein Buch hervor und lese. Nach einiger Zeit kehren die beiden zurück und bestehen darauf, dass auch ich mir noch etwas die Füsse vertrete. Marc und ich spazieren bis zur hübschen Kirche, leider ist sie jetzt geschlossen und kaufen in einem Laden Wasser. Bei der Rückkehr sehen wir einen langen Güterzug, der in Richtung Sofia fährt, sonst ist der Bahnhof seit unserer Ankunft ruhig. Aus einem Polizeiauto werden wir gemustert. Ich bemerke scherzhaft, dass die Polizei wohl von Bewohnern informiert wurde, dass sich Fremde im Dorf aufhalten. Ivo erwartet uns sehnlich, er wurde schon zweimal von der Polizei nach seinen Papieren gefragt, die ich wir immer natürlich in meinem Rucksack mitführe!!

Wenige Minuten, nachdem wir zurück auf dem Bahnhof sind, erscheinen die beiden Polizisten wieder, diesmal in Begleitung eines deutsch sprechenden Mannes. Sie verlangen unsere Pässe und verschwinden im Bahnhofgebäude. Der deutsch sprechende Mann erklärt, dass er in Deutschland wohne, hier ein Haus besitze und momentan Ferien mache. Wir erklären ihm und den Polizisten, die nach einiger Zeit wieder erscheinen, weshalb wir dazugekommen sind, ungewollt ihr ländliches Idyll zu stören. Die Polizisten verstehen kein Wort englisch, der serbische Landsmann muss alles übersetzen. Ich erkundige mich auch, ob wir für die Rückfahrt nach Nis ein Billet benötigen würden, was der Bahnhofvorstand aber verneint. Wir müssten dem Kondukteur unsere Situation schildern, dann wäre die Sache in Ordnung. Schliesslich sind die Polizisten zufrieden und verabschieden sich mit einem Händedruck.

Recht früh finden sich einige Leute auf dem Bahnhof ein, die vermutlich auch talwärts fahren möchten. Um 1526, der Abfahrtszeit gemäss Fahrplan, ist noch weit und breit kein Zug in Sicht. Wir stehen mit unserem Gepäck in die Nähe der Schienen und werden vom Bahnhofvorstand bei all unseren Bewegungen beobachtet. Vermutlich muss er kontrollieren und später rapportieren, ob wir auch wirklich abreisen. Gegen 1600 kommt der Zug, diesmal teilen wir unser Abteil mit einem starken Raucher. Wenigstens kann man die Fenster öffnen. Der Kondukteur akzeptiert unser Schwarzfahren ohne Probleme.

Ankunft in Nis um 1700. Wir erkundigen uns zuerst nach den weiteren Abfahrtszeiten und auch nach dem Abfahrtsgeleise. Ich mache den Vorschlag, dass wir doch jetzt noch irgendwo eine Kleinigkeit essen könnten, da wir in Skopje sehr spät ankommen werden. Meine Idee wäre, so im Umkreis von etwa 300 Metern vom Bahnhof entfernt ein Lokal zu suchen. Marc und Ivo schwärmen mit einiger Skepsis aus, während ich wie immer das Gepäck hüte. Nach kurzer Zeit kehren sie zurück, sie haben ein kleines Imbissrestaurant ganz in der Nähe gefunden. Bei der Bestellung versuche ich schon klarzumachen, dass wir rasch etwas essen möchten und dann mit Euro bezahlen werden. Weder der Chef noch die Tochter, geschweige denn die Mutter, die kocht, verstehen Englisch oder Deutsch. Schliesslich begreifen sie die Eurogeschichte, wir können aber auf der Speisekarte nichts lesen. Kurzerhand schleppt der Chef mich in die Küche, wo seine Frau mir im Kühlschrank das Fleisch und nebenan die verschiedenen Salate zeigt. Ich zeige auf die Tomaten und Zwiebeln und wähle für uns alle Rippli, die sie auf dem Grill zubereiten möchte. Das Essen ist sehr rasch zubereitet und schmeckt hervorragend. Die Rechnung beläuft sich mit Getränken auf weniger als 15 Euros. Die Umrechnung stimmt erstaunlicherweise, mit fremdem Geld umgehen können die Leute besser als mit fremden Sprachen.

Frühzeitig sind wir wieder auf dem Bahnhof. Ein Zug wartet schon, aber nicht auf dem angegebenen Geleise. Nun werden wir uns immer frühzeitig durchfragen. Nachdem uns mindestens 3 Personen bestätigt haben, dass der Zug, der auf dem anderen Geleise wartet, nach Skopje fährt, glauben wir daran. Wie alle anderen Passagiere gehen wir über die Schienen zum wartenden Zug, der schon gut besetzt ist. Ein älterer Herr lädt uns ein in sein 6er-Abteil, in dem aber schon Jacken hängen und diverses Gepäck verstaut ist. Ich versuche ihm begreiflich zu machen, dass wir zu dritt sind. Er bittet uns sehr nett, doch hereinzukommen. Die Kleider sollen wir nur hängen lassen und die Plätze am Fenster einnehmen. Gern machen wir von diesem Angebot Gebrauch, stellen uns aber schon 3 Kettenraucher als Reisegefährten vor. Der nette Herr spricht etwas Deutsch und wir unterhalten uns angenehm mit ihm. Kurz vor der Abfahrt erscheint ein sehr gepflegter, ebenfalls älterer Herr, der sich über unsere Anwesenheit ebenfalls freut und englisch spricht mit uns.

Der Dritte von der Partie kommt erst bei der Abfahrt. Nach kurzer Zeit greift er in seine Brusttasche und noch bevor er seine Zigarette herausgeholt hat, wird er von seinen Kollegen in den Gang hinausgeschickt. Wieder einmal haben wir Glück gehabt! Die beiden zuerst eingestiegenen Herren erzählen und fragen, es ist sehr unterhaltsam. Der Herr, der uns zu sich eingeladen hat, bleibt am längsten im Zug. Schon ist es fast dunkel. Er erzählt von einem durch die NATO zerstörten Ort und einer Brücke, die man scheinbar vom Zug aus sehen kann. Kurz nach Grdelica zeigt er darauf, wir können allerdings nicht viel sehen ausser Brückenresten, deren Zerstörung aber ebenso gut auch durch Verwitterung und Zeit passiert sein könnte. Er sucht sein Gepäck zusammen und nimmt eine noch in Cellophan eingepackte Schachtel mit Schokolade heraus, öffnet sie, nimmt ein Stück und bietet auch uns die kleinen, wie Bonbons eingepackten Pralinen an. Bestimmt hat er die Schachtel als Mitbringsel gekauft. Wir sind gerührt, dass er unseretwegen die Packung öffnet.

Kurz vor der Grenze steigt er aus. Ivo und Marc beginnen zu dösen, Ivo sitzend, Marc legt sich in einem gewissen Moment auf die Sitzbank, nun haben wir das Abteil ja wieder für uns. Ich nehme mein Buch, denn wir können ja nicht alle schlafen. Im Ganzen muss ich die Pässe 3x zeigen, vor und nach der Grenze bleiben wir längere Zeit einfach auf der Strecke stehen, bis die Zoll- und Passbeamten ihre Arbeit gemacht haben. Arbeit ist vielleicht etwas zu viel gesagt, denn ich höre die Beamten in einem anderen Abteil plaudern,da nur noch ganz wenige Passagiere im Zug sind. Bei der Zollkontrolle muss ich mein Beautycase öffnen, es wird aber nicht kontrolliert, ich kann es sofort wieder schliessen. Um 2215 fahren wir weiter und erreichen Skopje um 2305. Meine beiden Begleiter behaupten, sie hätten nur etwas gedöst!

Auf dem Perron werden wir schon von einem Taxifahrer angesprochen. Da wir müde sind und baldmöglichst ein Bett haben möchten, erklären wir uns einverstanden, mit ihm zu fahren. Wir möchten uns allerdings zuerst noch nach der Abfahrt des Busses nach Ohrid erkundigen. Er verspricht uns, am Busbahnhof vorbeizufahren. Wir steigen die Treppen hinunter und der Taxifahrer geht auf einen schrottreifen Wagen zu. Da haben wir uns wieder etwas eingebrockt. Er holt einen Schraubenzieher im Auto und öffnet damit den Kofferraum. Wenigstens spricht er deutsch. Er fährt uns wirklich zuerst zum Busbahnhof, wo wir aber keine weiteren Informationen erhalten als die wenigen, die Marc zu Hause im Internet gefunden hat. Der Bus nach Ohrid fährt am Morgen um 0600. Da es jetzt schon so spät ist, sind wir eigentlich entschlossen, Ohrid mit einem Mietwagen zu besuchen und nicht mit dem nur einmal täglich verkehrenden Bus. Der Fahrer fragt uns nach unseren Hotelwünschen. Das Holiday Inn wäre sehr nahe, er rät uns aber ab, da die Nacht pro Person scheinbar etwa 300 DM kosten würde. Das ist uns nun wirklich zu viel. Obwohl es spät ist und wir müde sind, glauben wir ihm nicht ganz alles. Er rät uns, unser Glück in einem privaten Hotel zu versuchen, er würde da einige Hotels kennen!! Ausserhalb des Zentrums fährt er in eine kleinere Gasse, wo fast nebeneinander 2 kleine Hotels liegen. Ivo, Marc und der Taxifahrer steigen aus und läuten beim ersten Haus. Niemand öffnet. Beim Hotel Kapistec nebenan öffnet eine vollbusige Frau. Sie zeigt das Zimmer Nr. 8, das zwar etwas klein, aber ruhig und gepflegt ist. Sie verlangt für das Zimmer mit Frühstück 60 EURO für uns alle. Der Taxifahrer will für seine Dienste 30 EURO!! Immerhin habe er uns noch zum Busbahnhof geführt mit seinem klapprigen Lada uralt. Jedenfalls hat er das Geschäft des Tages gemacht und kann vermutlich in Ruhe Feierabend machen. Um ca. 2400 sind wir im Bett, nicht ohne vorher eine zusätzliche Decke verlangt zu haben, sonst würde Marc mich wohl im grossen Bett erfrieren lassen.

 

Mittwoch, 17. April

 

Aufstehen 0715, die Busfahrt an diesem Morgen wäre etwas zu früh gewesen. Nach dem Duschen gehen wir zur Rezeption und werden durch einen Herrn an den einzigen runden Tisch direkt daneben gebeten. Was wird wohl passieren, wenn mehrere Personen zur gleichen Zeit frühstücken möchten? Der andere Herr, der nach uns kommt, wird dann aber gebeten, durch eine Art Wohnungstür zu gehen. Es stellt sich heraus, dass der junge Mann, der uns am Morgen empfangen hat, der Sohn der netten Dame vom Vorabend ist. Ein Familienhotel mit 24-Stunden-Service braucht einige Personen. Wir erkundigen uns nach einem Mietauto, denn beim Eingang ist ein Budget-Kleber angebracht. Noch ist unsere Route nach Athen nicht ganz sicher. Marc stellt sich vor, dass man mit dem Mietwagen in die Nähe der griechischen Grenze fahren könnte, dann eventuell mit einem Taxi zu einem Bahnhof in Griechenland. Zugverbindungen von Ohrid nach Griechenland gibt es nicht. Ivo und ich sind eigentlich der Meinung, dass die beste Lösung die Rückkehr nach Skopje wäre und dann die Weiterfahrt mit dem direkten Zug nach Athen. Eine weitere Möglichkeit wäre, das Auto zu behalten und erst in Thessaloniki abzugeben. Der junge Herr erkundigt sich nach den Bedingungen bei einem Grenzübertritt. Wir entscheiden, max. 150 Franken zu bezahlen für eine Rückführung des Autos. Die telefonische Auskunft lautet dann nach einiger Zeit 180 EURO! Wir (das heisst Ivo und ich, denn Marc ist kurz ausgetreten) entscheiden, das Auto am Samstag wieder in Skopje abzugeben. Ich gebe meine Kreditkartennummer an, damit die Abrechnung vorbereitet werden kann. Nach kurzer Zeit werden wir wieder angerufen, die Kreditkarte werde nicht akzeptiert. Mit Ivo`s Nummer gibt es dann aber keine Probleme. Ich werde etwas unsicher, da ich eine Qualiflyer-Kreditkarte besitze, die vielleicht durch die ganzen Swissairgeschichte nicht gerne gesehen wird. Bei nächster Gelegenheit werde ich wieder versuchen, mit ihr zu bezahlen, dann wird sich das Geheimnis lüften.

Das Mietauto wird erst um 1200 bereit sein, allerdings ist es inzwischen auch gegen 11 Uhr. Der junge Herr bietet uns sogar an, bei einer Wechselstube Schweizerfranken in EURO`s zu wechseln, da er sowieso Zigaretten kaufen müsse. Seine Mutter ist inzwischen auch aufgetaucht. Sie erscheint im Morgenmantel und ist sehr gesprächig, wir haben ja jetzt Zeit. Sie erzählt, dass sie früher als Französischlehrerin gearbeitet habe, dass heute leider nur noch Englisch und kein Französisch mehr gefragt sei, deshalb hätte sie das Hotel übernommen. Wir reservieren das Zimmer Nummer 8 gleich für den kommenden Samstag. Pünktlich werden wir von einer Dame der Budget-Autovermietung abgeholt. Im Büro, das nahe des EU-Gebäudes im Zentrum liegt, wickeln wir die restlichen Formalitäten ab und können dann losfahren. Logischerweise fährt Marc! Wir haben einen kleinen schwarzen Opel Corsa, dessen Kofferraum und auch Innenraum erstaunlich geräumig ist. In der Zwischenzeit hat es begonnen, leicht zu regnen. Es ist schwierig, die Ausfahrt aus der Stadt zu finden, denn die einzige Karte, die wir haben, ist ein Computerausdruck, den uns der nette Herr im Kapistec mitgegeben hat. Er hat uns empfohlen, den weiteren Weg zu nehmen, nicht die von Albanern bewohnte Strecke über Gostiva und Tetovo, wo immer noch hin und wieder Unruhen herrschen. Wir haben auch die Adresse eines ebenfalls privaten Hotels, wo die Familie jeweils logiert.

Schliesslich finden wir die richtige Autobahn. Marc muss sehr vorsichtig fahren, denn die Fahrbahn ist löchrig. Wir überholen einen KFOR-Konvoi, die Soldaten sind im Kosovo stationiert. Marc vermutet, dass sie in Mazedonien Ferien machen.

Der Regen wird immer stärker, es wird schwieriger, den Löchern auszuweichen, da man sie nicht mehr sieht. Teilweise ist die ganze Strasse überschwemmt.

Nachdem wir die Autobahn in westlicher Richtung verlassen haben, wird es gebirgig. Berge sehen wir wegen des Regens nicht. Bei einer Tankstelle halten wir an, um eine Strassenkarte zu kaufen. Ich bleibe im Auto, Ivo und Marc kehren mit 2 Toblerone-Dreieck-Tafeln zurück, Karten gibt es nicht. Da wir nun von der Strasse weg sind, nehmen wir unser Mittagessen im Auto ein. Es bleiben uns noch Minipic-Würstli und Darvida.

Die Autobahn ist gebührenpflichtig. Bei schönem Wetter ist die Gegend sicher sehr schön. Nach der Stadt Bitola fahren über einen fast 1 200 Meter hohen Pass. Das Wetter bessert sich wieder etwas. Bei der Ankunft in Ohrid um 1600 scheint schon wieder die Sonne. Der Himmel ist leicht bewölkt, die Temperaturen jedoch empfindlich frisch. Wir parkieren bei der Seepromenade. Das Aparthotel müsste an Promenade liegen. Sie kann aber nur von einer anderen Seite mit dem Auto erreicht werden. Beim Haus Appartments CEKRADI läuten wir. Ein junger Herr öffnet, wir werden schon erwartet, denn die Hausmutter im Kapistek hat sich für uns schon nach freien Zimmern erkundigt. Leider ist das grosse, schöne Appartement im 3. Stock noch eine Nacht besetzt. Für diese eine Nacht müssen wir vorlieb nehmen mit einem kleineren Appartement im Parterre. Eigentlich spielt das auch keine Rolle, denn wir sind praktisch nur zum Schlafen hier. Marc und Ivo holen das Auto, damit wir auspacken können.

Nach wenigen Minuten sind wir wieder unterwegs. Wir bummeln der breiten Promenade entlang in Richtung Altstadt. Bevor wir in die Altstadt „tauchen“, gehen wir an einem kleinen Hafen vorbei, an vielen Lokalen, die aber wenig besucht sind. Schmale, enge, steile Gassen, meist mit Kopfsteinpflastern, Tore, alte Häuser, unzählige Kirchen halten die einheimische Bevölkerung nicht davon ab, jeden möglichen Meter mit dem Auto zu fahren. Mit einem Auge orientieren wir uns jetzt schon, wo wir später essen könnten. Ein Künstler hat seine Fotos in seinem Hausgang ausgestellt. Wir bleiben stehen und sehen uns die attraktiven, interessanten Fotos an. Der Künstler bittet uns einzutreten, er würde uns gerne die anderen Werke zeigen, er habe Zeit. Da wir ja eigentlich nichts kaufen möchten, genieren wir uns zuerst. Doch wir lassen uns überreden und es lohnt sich. Die Fotos bieten einen visuellen Eindruck von Mazedonien. Der Künstler hat jeweils 2-3 Bilder zu einer Themengruppe zusammengestellt. Sogar Ivo, der ja von uns am meisten vom Fotografieren versteht, staunt über das künstlerische Auge, das der Mann mit seinen Aufnahmen beweist. Er erzählt uns, dass die Westeuropäer seit dem mehrjährigen Jugoslawienkrieg der Region aus Angst fernbleiben. Wir kaufen dann doch nichts.

Es beginnt ganz leicht zu regnen. Nun haben wir wenigstens ein Argument, jetzt schon zu essen. „Zufällig“ sehen wir das Restaurant Sofia mitten im historischen Zentrum und das Beste daran ist, es hat geöffnet! Wir sind die einzigen Gäste im Restaurant. Entsprechend werden wir bedient. Ivo bestellt mazedonischen Salat und eine Ohridforelle, Marc probiert einen Fischsalat und Aal, ich bleibe beim serbischen Salat („hot“ betont der Kellner) und anschliessend grilliertes Schweinsfilet. Das Essen schmeckt köstlich, der mazedonische Wein auch. Marc sorgt sich um seine Linie. Nach dem „fetten“ Aal wird doch sicher kein Palatschinken mehr drinliegen. Nachdem Ivo aber auch neugierig geworden ist, bestellt Marc ebenfalls. Zu guter Letzt würde Marc gerne einen Slivovitz probieren. Wir würden uns auch beteiligen. Leider „no Slivovitz“, aber dafür einen Matinka, einen mazedonischen Anisschnaps, auf den wir sehr gespannt sind.

Zu dritt teilen wir uns das kleine Glas, es schmeckt wie unverdünnter Pastis. Der Regen hat aufgehört, wir haben ja auch einige Zeit gewartet!!

Noch ist es zu früh, um zu schlafen. In unserem Appartement haben wir genügend Platz, um Yami zu spielen.

 

Donnerstag, 18. April

 

Aufstehen 0745, Wir haben uns gestern umgesehen, wo wir unser Frühstück einnehmen könnten. Ganz in der Nähe befindet sich ein Hotel, dort werden wir es versuchen. Ein netter junger Kellner, der deutsch spricht, bedient uns mit Kaffee, Brötli, Schinken und Käse. Unsere Rechnung über 450 Dirham (./.40 = ca. 11 Schweizerfranken) müssen wir an der Rezeption bezahlen. Bei dieser Gelegenheit frage ich, ob man hier Karten von Ohrid und allenfalls auch Strassenkarten von Mazedonien kaufen könne. Die sehr nette und kompetente Dame an der Rezeption bringt sofort einen Touristenprospekt von Ohrid, auf dem die Stadt und der See einigermassen übersichtlich aufgezeichnet sind. Sie fragt uns, wie lange wir in der Region bleiben möchten und entwirft einen Plan für die beiden Tage. Für eine Strassenkarte von Mazedonien verweist sie uns zur Touristeninfo, die sich einige Meter weiter an der nächsten Strasse befinden soll. Wir finden sie nicht auf Anhieb. Das grosse I für Info erweist sich dann als Säule und gehört zu einem Architekturbüro. Die Dame erklärt uns sehr nett, dass sie keine Strassenkarten verkaufen würde, aber wir uns im Tourismusbüro erkundigen könnten, das nur wenige Meter entfernt läge. Endlich erhalten wir eine einigermassen brauchbare Strassenkarte.

Im Zimmer richten wir uns für den Ausflug der rechten Seeseite entlang. Kurz nach Ohrid fahren wir an der Strasse an vielen Hotels vorbei. Das Wetter ist schön, es ist aber etwas kalt. Um ca. 1000 erreichen wir die Quelle, die scheinbar sehr sehenswert sein soll. St. Naum ist ein kleines Dorf direkt an der albanischen Grenze mit einem Campingplatz, der aber um diese Jahreszeit noch nicht belegt ist. Wir fahren bis zu einem grossen Restaurant, das aber auch geschlossen scheint, ausser dass in der Küche Licht brennt. Auf mein Rufen erscheint der Chef, der bedauert, dass das Restaurant erst in der Saison offen ist. Da die Dame im Hotel uns empfohlen hat, mit einem kleinen Boot zur Quelle zu fahren, fragen wir ihn, ob er uns ein Boot organisieren könne. Direkt vor seinem Restaurant liegt ein altes Boot, dessen Boden mit Wasser gefüllt ist. Er erklärt uns, dass er zuerst einem Freund telefonieren müsse, eventuell könne er uns fahren. Noch wissen wir nicht, was wir ausser einem schönen Weiher, dessen Abfluss in den See mündet, sehen können. Nachdem sein Freund eingetroffen ist, vermutlich muss er das Restaurant hüten, können wir einsteigen. Wir versuchen, unsere Füsse etwas hochzunehmen, damit wir nicht nass werden.

Der nette Mazedonier führt uns mit dem Boot zu den verborgenen Quellen. Der Ohridsee wird durch den im Nebental liegenden, etwas höher gelegenen Prespasee gespiesen. Das Wasser fliesst unterirdisch ab und erreicht den Ohridsee durch den Weiher. Das Wasser ist sehr klar. Wir können auf dem Grund ganz genau beobachten, wie rund um die verborgenen Quellen der Sand aufgewirbelt wird. Teilweise fliessen kleine Bächlein aus den Uferböschungen in den Weiher, der etwas höher liegt als der See und den grossen See scheinbar mit dem mageren Rinnsal füllt. Es ist unglaublich friedlich auf dem Weiher, nur unser Bootsführer spricht ununterbrochen in einem Gemisch aus Englisch und Deutsch. Er klärt uns über die Probleme der Mazedonier auf, die auf die Touristen warten.

„Education“ sei das Wichtigste, dass Menschen in Frieden zusammen leben könnten. Den Albanern fehle diese Erziehung, deshalb sei ein friedliches Nebeneinander nicht möglich. Er findet die Westeuropäer naiv und gutgläubig, er kann nicht verstehen, weshalb man so viele nicht erzogene Menschen aufnehmen kann, die doch nur die Gastländer ausnützen würden und grossenteils auch kriminell seien.

Nachdem wir einigermassen trocken wieder auf festem Boden sind, spazieren wir dem Weiher entlang, kommen jedoch nicht sehr weit, denn in unmittelbarer Nähe ist die Grenze, bewacht von mazedonischen und albanischen Soldaten. Nachdem wir noch einige Schritte im höhergelegenen Dorf gemacht haben, die Bewohner scheinen nicht sehr fremdenfreundlich zu sein, kehren wir freiwillig zum Auto zurück. Die Stadt Ohrid und der See sind von der Unesco auf der Liste als Weltkulturerbe aufgenommen. Gleich anschliessend liegt ein Nationalpark, den Marc unbedingt sehen möchte. Wir fahren zuerst wieder auf die Hauptstrasse zurück und noch einige Meter in Richtung albanischer Grenze. Marc möchte „sehen“, wie es da so aussieht, die Präsenz der Soldaten hat mir aber jede Lust genommen. Schliesslich kehren wir wieder um und wählen die Abzweigung zum Nationalpark. Bei einer Picknickstelle nehmen wir unser Mittagessen zu uns. Es wird immer magerer, es bleiben uns noch Darvida und Toblerone! Die Strasse ist teilweise sehr schmal, wir begegnen nur wenigen Autos. Auf der Passhöhe steigen wir aus und haben eine wunderschöne Sicht auf den See. Auf 1568 Metern Höhe wachsen nur noch wenige, karge Büsche, dazwischen aber kleine Pflanzen mit Blüten in intensiven Farben. Die andere Seite des Passes würde uns zum Prespasee führen. Aber eigentlich haben wir, ausser vielleicht Marc, keine grosse Lust, den doch langen Weg zu machen, wir haben das Gefühl, dass wir die Stadt Ohrid noch lange nicht gesehen haben. Marc fährt uns zum Apparthotel zurück. Leider wird das grosse Appartement nicht frei, wie eigentlich geplant. Spontan entscheiden wir, dass wir für die letzte Nacht nicht mehr wechseln möchten, da wir ja sowieso nur zum schlafen im Zimmer sind. Wir bestehen deshalb darauf, das Zimmer für die 3 Nächte (45 Euro pro Nacht) sofort zu bezahlen, so bekommen wir wenigstens unsere Pässe wieder zurück. Wir haben uns heute an der albanischen Grenze etwas „nackt“ gefühlt.

Wieder zieht es uns in Richtung Altstadt. Heute werden wir planmässig vorgehen, da wir jetzt über einen Stadtplan verfügen. Gezielt steuern wir auf die St. Johannkirche zu, die direkt auf den Klippen liegt. Der Weg führt uns beim Restaurant vorbei, in dem wir gestern gespiesen haben. Auf der Anhöhe bewundern wir wunderschöne weisse Blumen, die an gefährlichen Hängen wachsen. Kinder kommen uns allerdings entgegen, sie tragen achtlos bündelweise eben diese Blumen mit sich. Die Kirche mit einem ehemaligen Kloster liegt ganz einmalig, auf 3 Seiten vom Wasser umgeben. Es ist ein braunes Gebäude, das sich ganz speziell von der Umgebung abhebt. Der Turm ist eine Art Kuppel mit Ziegeldach. Uebrigens ist die Behauptung, dass Ohrid für jeden Tag des Jahres eine eigene Kirche habe, nicht so sehr übertrieben. Beim Aufstieg sind wir an mehreren, teilweise ganz kleinen Gotteshäusern vorbeigekommen. Wie immer versucht Marc, sich die Kamera von Ivo zu schnappen. Um ungehindert fotografieren zu können, wird mir jeweils die Jacke übergeben, was wiederum nicht ganz nach Ivo`s Geschmack ist. Er ist der, zugegebenermassen bestechenden Ansicht, dass jeder nur mitnehmen sollte, was er oder sie auch selbst tragen kann.

Bei der Kirche St. Johann werden wir von einem Hund adoptiert, was wir allerdings erst etwas später merken. Ein kleiner Hund der einheimischen Rasse „Universal“, schliesst sich uns an.

Wir steigen hoch zur Basilika und der Kirche St. Panteleimon. Ob wir nun auf direktem Weg hochsteigen oder einige Meter auf die andere Stadtseite gehen, der Hund folgt uns immer. Manchmal läuft er voraus und wartet dann, wenn es ihm zu lange geht. In einem gewissen Moment fragen wir uns, wem er wohl folgen würde, falls wir uns trennen würden. Diese Frage beantwortet sich von selbst, weil Marc und Ivo einen indirekteren Weg zum Fort wählen und ich oben mit Hund warte!!

Der Name der Stadt Ohrid, das heisst, die älteste Erwähnung des Namens datiert aus dem Jahr 353. Das Fort, die Stadtmauer und die vielen Kirchen wurden zwischen dem 9. und 14. Jahrhundert gebaut. Das Unesco Kulturerbe bedeutet für die Region einen deutlichen wirtschaftlichen Aufschwung. Ueberall wird gegraben, gebaut, gestützt. Die alte Stadtmauer ist allerdings noch erstaunlich gut erhalten. Von Fort haben wir auf der Seeseite einen Blick über die komplett verschachtelte Altstadt, das antike Theater, die vielen Kirchen und auf der anderen Seite über die relativ neue Stadt mit dem Turm einer Moschee. Unser Hund begleitet uns immer noch. Wenn wir stehen bleiben, wartet er. Beim grossen Tor steht eine Gruppe businessmässig bekleideter Männer und hört sich konzentiert die Erklärungen eines Führers an. Zuerst spötteln wir, dass es sich bestimmt um eine Delegation der Unesco handeln würde. Schliesslich einigen wir uns darauf, dass es eine Gruppe von Mazedoniern ist, denn es sehen alle fast gleich aus. Der Hund kennt sich hier vermutlich nicht mehr aus, jedenfalls verschwindet er. Schade, wir haben uns schon an ihn gewöhnt.

Langsam wird es Zeit für den Aperitiv. Ich schlage Marc vor, dass Ivo und ich uns in ein Lokal setzen und ihm in dieser Zeit Gelegenheit geben, sich im nahegelegenen CD-Shop umzusehen. Um ihn etwas zu nerven, geben wir ihm nur eine bestimmte Zeit. Sein Orangensaft ist jedenfalls in kürzester Zeit getrunken. Leider sitzen wir in einem rauchigen Lokal, da es draussen zu kalt ist. Marc kehrt glücklich zurück mit einer CD Yugohits, die sich dann nachträglich als recht gut herausstellt.

Es ist 1700, wir haben Hunger! Das Restaurant am See, das wir gestern schon gesehen haben, ist geöffnet. Wir können auch schon essen. Das Essen ist gut, aber leider nicht so gut wie gestern Abend. Wir kratzen unser Bargeld zusammen, wieder einmal könnte man nur mit der Visa-Karte zahlen. Nach einem Spaziergang kehren wir in unsere Behausung zurück und verbringen den Abend mit Jassen.

 

Freitag, 19. April

 

Aufstehen 0715, Ivo studiert die Gebrauchsanleitung seines Telefons. Wieder frühstücken wir im Hotel. Diesmal können wir uns sogar am Buffet bedienen, da vor uns die Gruppe, die wir gestern schon gesehen haben, gefrühstückt hat. Die Dame an der Rezeption zeigt uns heute Hotelzimmer und Appartements. Sie fragt uns, wo wir wohnen. Ein nächstes Mal würden wir bestimmt das Hotel wählen.

Heute möchten wir uns zuerst den Markt im neuen Stadtteil ansehen. Unterwegs wechseln wir noch bei einer Wechselstube Schweizerfranken in Euro. Der Markt ist relativ gross, das heisst, anfangs wird wie überall Schundware angeboten. Uns Interessiert eher der Frischmarkt.

Wir fahren heute auf die andere Seite des Sees. Nach den Sumpfgebieten fahren wir durch einige unattraktive Dörfer, vorbei an abgelegenen grossen Hotels und erreichen dann „am Ende der Welt“ in der Nähe der albanischen Grenze ein Dörfchen. Wir stellen den kleinen Opel auf einen Parkplatz und erkunden das Dorf zu Fuss.

Die fast einzigen Fahrzeuge sind Militärlastwagen, die nicht sehr langsam fahren. Auf unserem Spaziergang begegnen uns die Dorfbewohnern sehr friedlich und nett. Eine ältere Frau wäscht oder spült ihre Wäsche im See. Erstaunlicherweise spazieren wir an mehreren Restaurants vorbei, während der Saison muss hier einiges los sein. Nachdem wir an einem trostlosen, verlassenen Campingplatz vorbei sind, kehren wir wieder zurück. In Anbetracht unseres mageren (survival)-Vorrates brauchen wir keine weiteren Argumente, um in ein Restaurant zu gehen. Marc und Ivo haben Hunger und so ein kleiner Fisch kann ja sicher auch nicht schaden! Im Fischrestaurant warten wir zuerst eine Weile. Die Frau, die anwesend ist, bittet uns darum. Nach einer Weile erscheint ihr Mann, da sie uns scheinbar nicht verstanden hat. Marc hätte sehr gerne einen Fischsalat, Ivo und ich würden uns anschliessen. Der Chef bittet uns um Geduld. Er spricht nur wenige Worte in deutscher Sprache. Nach einer weiteren Weile bringt er mir das Telefon. Er hat einen Freund organisiert, der einigermassen englisch spricht und wissen möchte, was wir zu essen wünschen!!! Fischsalat muss nicht sein, wir nehmen auch sehr gerne Forellen vom Grill. Der Chef strahlt, nachdem er unsere Bestellung aufnehmen kann. Um uns eine Freude zu machen, wechselt er die Musik. Statt einheimischer Musik geniessen wir nun Julio Iglesias!! Für ca. 25 Franken essen wir ganz einfach fantastisch, Salat, grillierte Forellen, Getränke und Kaffee.

Nach dem Essen bummeln wir durch den Dorfkern. Wir erhalten von Albi ein SMS als Antwort auf unsere Nachricht „alles i.O. fahren Corsa“, „fahre zackigen Audi, alles i.O“. Vielleicht hätte sich Marc den Kilometerstand seines „neuen“ Audi-Coupés vor der Abreise notieren sollen! Die Strassen und Wege im Dorf sind sehr schmal. Gemütlich fahren wir anschliessend wieder zurück. An der Strasse in Richtung Albanien befindet sich ein Militärposten, geschützt durch aufgebaute Sandsäcke. Diesmal fahren wir von der neueren Stadtseite hoch bis zum Stadttor unterhalb der Festung. Ivo besteht darauf, durch die schmalen Gassen der Altstadt zurückzufahren. Marc räumt seinen Platz und lässt Ivo ans Steuer. Es geht ja alles gut, aber manchmal wird’s wirklich eng.

Wir fahren zurück zu unserer Unterkunft und gehen zu Fuss wieder in die Altstadt. Ein schmucker Kapitän bietet uns eine Rundfahrt an zum Felsen, auf dem die Kirche St. Johann steht. So ganz spontan können wir uns nicht entscheiden. Nachdem wir einige Meter weitergegangen sind und Ivo eigentlich gern eine Aufnahme vom Wasser her machen möchte, sehen wir unseren Kapitän mit einer spontaneren Gruppe auf dem Wasser. Den Weg zum St. Johann kennen wir ja schon, er wird dadurch nicht weniger attraktiv. Man sieht es uns vermutlich an, dass wir gerne auf das Wasser möchten. Noch haben wir die Kirche nicht erreicht, schon werden wir angesprochen, ob wir eine Taxifahrt im Boot zum Zentrum wünschen. Wir einigen uns auf eine kurze Rundfahrt um den Felsvorsprung. Schon wieder treffen wir auf ein leckes Boot. Der Grossvater fährt mit seinem Enkel. Irgendwie kommt bei mir die Botschaft herüber, dass wir für ein bisschen bescheuert gehalten werden. Stört mich aber nicht weiter. Leider ist im entscheidenden Augenblick die Sonne weg, gelohnt hat sich der kurze Trip auch ohne die erwartete Aufnahme.

„Unser“ Hund ist heute nicht da. Wir wählen den Weg in den neuen Stadtteil und bummeln durch die Fussgängerstrasse S. Sophia. Wir sind uns einig, am letzten Abend werden wir nochmals im Sofia essen. Die Temperaturen sind noch recht angenehm, wir können uns noch für einen Apéro und ein Kartenspiel draussen hinsetzen. Man könnte sich jetzt streiten, ob uns der Hunger oder die auffrischende Temperatur ins Innere treiben.

Wir bestellen alle Ohrid-Forelle, je auf eine andere Art zubereitet und sind begeistert. Hier könnte man eine richtige Fischkur durchziehen. Nachdem wir rundum verwöhnt sind, kehren wir wieder ins Zimmer zurück und beenden unser Kartenspiel.

 

Sonntag, 20. April

 

Ivo duscht sich um 0400 früh, allerdings realisiere ich das auch erst, nachdem er wieder ins Bett geht und am Morgen um 0745 wieder schläft, währendem ich mich frisch mache. Scheinbar hat Ivo sich in der Zeit geirrt. Das Wetter ist gut, um ca. 1000 sind wir für die Rückfahrt nach Skopje bereit. Wieder fahren wir wie gestern in Richtung Struga. Kurz nach der Ortschaft kommen wir an einem schmalen, landschaftlich sehr schönen Stausee entlang. Die Strasse ist nicht sehr komfortabel, allerdings herrscht wenig Verkehr. Kurz nach dem Damm (in der Region ist fotografieren verboten), werden wir von Militärangehörigen angehalten. Wir müssen unsere Pässe abgeben. Ueberall stehen Militärs mit Maschinengewehren. Nach einiger Zeit kehrt unser Kontrolleur zurück und verlangt, dass wir den Kofferraum öffnen. Immer wieder fahren wir an Kontrollposten vorbei. Anhalten müssen wir zweimal, Pässe abgeben, Kofferraum öffnen, je einmal das Beautycase und den kleinen Rollikoffer. Ivo nimmt schon Wetten an, wie häufig wir wohl noch angehalten werden. Die Gegend ist aber wirklich sehr schön, eine Schlucht, auf der linken Seite entweder Fluss oder Stausee, die Gesteinsschichten in attraktiven, wechselnden Farben. In der Ortschaft Debar sind alle Schilder in 2 Sprachen, für uns unverständlich, da in albanisch und mazedonisch! Marc sucht ein schönes Plätzchen für das Picknick. Wir essen die Bisquits, die wir gestern nach dem Marktbesuch gekauft haben.

Genau zur richtigen Zeit bei der Weiterfahrt beginnt es leicht zu regnen. Wir fahren noch an vielen militärischen Kontrollpunkten vorbei, die zum Teil von Panzern bewacht sind, es hält uns jedoch niemand mehr an. In Skopje wird die Suche nach dem Hotel nicht sehr einfach. Da wir immer noch keinen richtigen Stadtplan haben, können wir uns auch nicht richtig orientieren. In einer Nebenstrasse frage ich Anwohner nach dem Hotel Kapistek. Scheinbar führt aber ein ganzes Quartier diesen Namen. Jedenfalls zieht meine Fragerei immer grössere Kreise. Eine ältere Frau, die die Geschichte aus dem 3. Stock mitbekommen hat, steht plötzlich da. Sie ist die einzige, die einigermassen englisch spricht, hilfsbereit sind aber wirklich alle. Sie zeichnen mir schliesslich auf unserem provisorischen Plan eine Route ein und es klappt tatsächlich. Inzwischen ist es nach 1500 Uhr. Die Autovermietung ist nur bis 1500 geöffnet. Wir haben aber eine Telefonnummer, die wir wählen können und das Auto auch zu Unzeit abgeben. Nach einigen Problemen, auf das Festnetz kann ich nicht telefonieren, erreiche ich die Dame auf ihrem Natel. Sie verspricht, in Kürze zurückzurufen. Wir haben noch nicht einmal alles aus den Opel ausgepackt, schon werden wir im Hotel am Telefon verlangt. Wieder beziehen wir Zimmer Nummer 8, suchen in der Nähe eine Tankstelle, füllen den Tank mit dem letzten Bargeld und finden auf Anhieb das Büro der Autovermietung. Ohne Probleme geben wir das Auto ab, zahlen für die 3 Tage 182 Euro, erkundigen uns noch nach dem Weg zum Bahnhof und wieder sind wir zu Fuss unterwegs.

Es bleibt uns noch Zeit, die Stadt anzusehen. Zuerst aber möchten wir auf dem Bahnhof unsere Billets kaufen und uns nach die gemachten Erfahrungen genau nach den Abfahrtszeiten und dem Perron erkundigen.

Ivo und ich bezahlen für unsere Billets Skopje/Athen je 31 Euro. Wir erkundigen uns, ob wir im Zug Plätze reservieren können, was aber von der Dame am Schalter verneint wird. Sie sucht uns die Verbindung heraus. Zuerst werden wir nach Thessaloniki fahren, wo wir den Zug wechseln müssen. Die Abfahrt ist, wie Marc schon vor der Abreise herausgefunden hat, am Morgen um 0700. Wir müssen wieder Geld wechseln, was aber am Bahnhof nicht möglich ist. Den netten Herrn im Wechselbüro in einem nahegelegen Einkaufszentrum fragen wir dann gleich nach den Sehenswürdigkeiten von Skopje. Er überlegt zuerst, was wiederum Marc in seiner Meinung bestärkt, dass Skopje nichts zu bieten hat. Schliesslich empfiehlt er uns die Burg und die Altstadt auf der anderen Seite des Flusses.

Marc hat seit einiger Zeit etwas Schluckweh. Ich bestehe darauf, in einer Apotheke ein Gurgelmittel zu kaufen. Ivo und Marc warten auf mich. Die Apotheke macht von aussen einen respektablen Eindruck. Innen allerdings kommt es mir vor wie in einer verrauchten Bar. Der Apotheker, mit Zigarette in der Hand, berät mich mit einigen Worten in deutsch und englisch sehr gut. Antirauchermittel wird er in seiner Apotheke aber wohl kaum absetzen.

Wir setzen uns gemütlich in die weichen Sessel eines Gartenlokals, um in Ruhe unseren Durst zu löschen. Der Bummel durch die Altstadt fasziniert uns, wir wähnen uns in einem orientalischen Basar. Goldläden, Schuhe, Kleider, Taschen, Kassetten und CDs, Souvenirs, Sportartikel und das ganze hundertfach! Leider sind die meisten kleinen Läden um diese Zeit geschlossen, deshalb ist der Rummel nicht so gross. Jedenfalls lohnt sich ein Abstecher nach Skopje. Von der nahen Festung geniessen wir einen schönen Blick auf die ganze Stadt. Auf der Basarseite dominieren die Minarette, was etwa ¼ ausmacht, das Bild auf die anderen ¾ des Rundblickes ist durch die schönen orthodoxen Kirchen geprägt. Marc möchte auf der andere Seite der Festung hinuntersteigen. Wir haben beschlossen, für die Rückfahrt zum Hotel ein Taxi zu nehmen. Auf der verkehrsreichen Kreuzung ein Taxi anzuhalten, stellt sich als nicht so einfach heraus. Schliesslich gelingt es uns, einen schönen, älteren Mercedes anzuhalten, der allerdings in einem recht guten Zustand ist. Schnell steigen wir ein, geben die Adresse an und los geht’s. Es geht wirklich los, unser Chauffeur ist ein Formel-1-Stadtfahrer. Er fährt wohl sehr sicher. Geschwindigkeitsbeschränkung, Rotlicht und auch die anderen Verkehrsteilnehmer lassen ihn vollständig kalt. Wir sind alle sehr ruhig, so eine Fahrweise habe ich noch nicht erlebt! In Kürze sind wir beim Hotel. Die Abenteuerfahrt kostet umgerechnet 5 Schweizerfranken. So viel Action für 3 Personen ist gar nicht sehr teuer!

Wir lassen uns ein gutes Restaurant empfehlen. Der Sohn des Hauses schickt uns zum „two deers“, das nur wenige Minuten entfernt ist. Es ist ausgebaut wie eine Jagdhütte und würde eigentlich in den wilden amerikanischen Westen passen. Wir essen sehr gut, die Bedienung ist flink und geschickt, der Wein Bovin C.S. einfach wunderbar. Die Rechnung bezahlen wir, so weit es reicht mit lokaler Währung, den Rest mit Schweizer Franken. Zurück im Hotel treffen wir die Chefin, die wieder Nachtdienst hat. Wir plaudern noch längere Zeit mit ihr. Sie geniesst unsere Gesellschaft und holt spontan eine feine Flasche Weisswein, die sie uns als Geschenk mitgibt. Die Geste ist zwar sehr nett, aber wir müssen die Flasche ja mittragen. Jedenfalls bleibt mir nichts anderes übrig, als den Wein in meinem Gepäck unterzubringen.

Marc wollte schon vor einigen Tagen Wein kaufen und nach Hause schleppen. Damals habe ich mich erfolgreich gewehrt, diesmal bin ich leider ohne mein Zutun gleich weit. Wir lassen uns für den nächsten Tag ein Taxi bestellen. Da wir der Pünktlichkeit nicht ganz trauen, bestehen wir darauf, das Taxi fast eine ¾ Stunde früher kommen zu lassen. Während dem Umziehen und Richten für die Nacht hören wir ganz in der Nähe Gewehr- und Maschinengewehrschüsse. Marc und Ivo eilen auf den Balkon, um zu sehen, woher die Schüsse wohl kommen. Beim nächsten Häuserblock sieht man die Mündungsfeuer. Ich bitte die beiden, doch wieder hereinzukommen, die Sache scheint mir zu gefährlich. Nach kurzer Zeit ist wieder Ruhe und wir sind um ca. 2130 im Bett.

 

Sonntag, 21. April

 

Wecken 0530. Wir sind rasch bereit und gespannt auf das Frühstück. Die Chefin hat uns gestern Kaffee im Thermoskrug und ein Lunchpaket versprochen. Noch ist niemand aufgestanden, auch der Kaffee steht nicht bereit. Auf dem Tisch liegt ein Blatt Papier, auf dem geschrieben steht, dass ich (Madame) doch bitte so nett sein möchte und meine Adresse aufschreiben würde, damit man sich einmal schreiben könne, sie hätte meine Gesellschaft sehr genossen. Nach einigen Minuten läutet das Telefon und nach einigen weiteren Minuten erscheint die Chefin mit einem Thermoskrug und 3 Tassen. Wenn man von kaltem Kaffee wirklich schön wird, dann haben wir es verdient. Marc kann den kalten Kaffee nicht trinken, Ivo und ich sind da etwas tapferer und lächeln dabei, vielleicht hat die Schönheitskur schon gewirkt. Als Lunchpaket erhalten wir eine Tragtasche, die wir aber jetzt noch nicht auspacken. Um ganz sicher zu sein, dass die Tasche nicht reissen kann, erhalten wir zusätzlich eine Jutetasche, die wir nicht abwehren können. Das Telefonanruf war ein bestellter Weckruf. Wir erkundigen uns noch wegen der Gewehrschüsse vom vergangenen Abend. Sie beruhigt uns und erzählt, dass ihr Sohn sie unmittelbar danach angerufen habe, dass sie sich nicht zu ängstigen brauche. Mazedonien hat bei einem Fussballspiel gewonnen! Das beruhigt uns auch, aber in gewisser Weise wird uns klar, dass bei so vielen Waffen unter der Bevölkerung eine Krise rasch blutig enden kann. Das Taxi erscheint 5 Minuten vor der Zeit und wir verabschieden uns herzlich von der netten Chefin.

Der Zug fährt pünktlich, wir verfügen wie fast immer über ein eigenes Abteil. Nun können wir in Ruhe frühstücken. Die Wundertüte enthält einen Liter Pfirsichsaft, drei verschiedene Porzellantassen, 3 Joghurts, allerdings ohne Löffel, 3 Brötli, die mit Käse und Schinken gefüllt sind, Streichkäsli ohne Messer, 6 hartgekochte Eier, Butter und Orangen. Wir werden heute nicht verhungern. Nach dem Frühstück jassen wir, studieren den Athenführer und geniessen die Landschaft. Das Wetter ist sehr gut. Heute fällt uns auf, wie viele Männer in Trainern herumlaufen. Bei der Grenze warten wir wieder auf jeder Seite eine gute halbe Stunde. Thessaloniki erreichen wir um 1255. Die Zeitdifferenz beträgt jetzt eine Stunde. Unser Zug wird um 1346 weiterfahren. Er steht schon im Bahnhof, wir steigen ein, ich staune über die schönen Wagen (Marc staunt über mich), finden ein Viererabteil für uns und geniessen den Rest des Frühstücks. Die Sitze sind nicht sehr rückenkonform, aber ich finde immer noch, dass sie gut aussehen. Je näher die Abreisezeit kommt, desto mehr Leute drängen in den Zug. Eine Gruppe Frauen besteht darauf, dass wir auf ihren reservierten Plätzen sitzen. Sie „scheuchen“ uns fort, stehen aber so im Weg, dass wir kaum unser Gepäck einsammeln können. Nun suchen wir uns ganz einfach andere freie Plätze, die aber nach und nach von den anderen Passagieren beansprucht werden.

Der Zug füllt sich fast ganz, wir haben uns ja extra wegen einer Reservation erkundigt und die Auskunft erhalten, dass eine Reservation weder notwendig noch möglich sei. Der Zug fährt pünktlich. Marc möchte auf die Toilette und stellt wie einige andere Passagiere fest, dass alle Toiletten geschlossen sind. Nach einiger Zeit verlangt der Kondukteur unsere Billets, Marc und Ivo werden zuerst kontrolliert. In Eile und ganz ausser sich, erscheint plötzlich Marc bei mir und sagt, ich solle mich sofort bereit machen, wir würden gleich aussteigen. Es ist 1430 und wir erreichen die Station Katerini. Marc ist sehr erbost, der Kondukteur hat pro Person einen Zuschlag von 40 Euro verlangt. Das Problem ist jetzt, dass wir in Skopje auf unsere Reservationsanfrage keine richtige Antwort erhalten haben. Marc hat sich vorher auch zu Hause schon sehr seriös vorbereitet und keinen Hinweis darauf gefunden. So stehen wir nun eben auf einem Provinzbahnhof. Beim Bahnschalter wird Marc auch nicht gerade freundlich behandelt. Ob es eine Busverbindung nach Athen gibt, weiss auch niemand. Schliesslich bleibt die Taxivariante. Marc und Ivo suchen einen Fahrer, der uns nach Athen bringen könnte. Die Preise schwanken so um die 200-230 Euro. Der Preis von 40 Euro pro Person ist wirklich nicht das Problem, Marc kommt sich ganz einfach verschaukelt vor. Wir bekommen beim Schalter die Auskunft, dass alle Züge heute ausgebucht seien. Der nächste Anschluss ist um 1610. Ich tendiere darauf, ganz einfach einzusteigen und wenn möglich irgendwo zu sitzen, andernfalls eben im Gang zu stehen. Wir müssen ja schliesslich nach Athen und es wäre schade, einen Tag zu verlieren. Ivo und Marc sind einverstanden. Die Ankunfts- und Abfahrtszeiten der Züge sind mit Kreide auf eine Schiefertafel geschrieben. Wir sind in der tiefsten Provinz gelandet.

Der Zug kommt pünktlich und wir steigen ein. Um nicht von Anfang an wieder Probleme zu bekommen, bleiben wir vorerst im Gang bis der Kondukteur kommt. Der Herr ist auch sehr viel netter als sein Kollege im vorigen Zug. Er versteht zwar nicht sehr viel englisch oder deutsch, findet aber in einer deutsch sprechenden Griechin eine Uebersetzerin. Wir erklären das Problem, scheinbar sind wir nicht die ersten, die ohne Reservation den Zug besteigen. Jedenfalls bestätigen uns sowohl der Kondukteur als auch die Uebersetzerin, dass man uns hätte informieren müssen. Der Kondukteur nimmt eine Tabelle zur Hand und rechnet den Zuschlag aus. Die Dame behauptet allerdings, die Reservation wäre gratis, wir müssten jetzt ganz einfach eine Busse bezahlen. Pro Person hat sich der Betrag jetzt reduziert auf 27 Euro. 1 ½ Stunde haben wir verloren und 39 Euro gewonnen, wäre allerdings zu keiner Zeit so geplant gewesen. Wir können uns nun mit gutem Gewissen Plätze suchen. Die Passagiere scheinen sehr viel netter zu sein, überlassen uns sogar ihre Platz wenn sie in den Speisewagen gehen. Die Toiletten sind geöffnet.

Wir fahren durch eine wilde, hügelige, mit Büschen bewachsene Gegend. Hin und wieder sehen wir kleine Schafherden und einige Häuser. Merklich erreichen wir nach einer Weile tiefere, flachere Regionen, die sehr fruchtbar sind. In der Ferne strahlen in der Abendsonne hohe Schneeberge. Die Gegend ist traumhaft, ein längerer Aufenthalt würde sich bestimmt lohnen. Im Zug sind wir, wie es scheint, die einzigen Ausländer. Wir fahren längere Zeit durch dichtbesiedelte Stadtteile, bevor wir den Hauptbahnhof erreichen.

Vor dem Bahnhof warten viele Passagiere auf Taxis. Wir kommen anfangs nicht hinter das System. Die gelben Taxis halten, nehmen Passagiere auf und fragen, wer in die gleiche Richtung fahren muss. Ich habe den Hotelprospekt in der Hand. Wenn ich aber einmal Gelegenheit habe, ihn zu zeigen, geht oder fährt der Taxichauffeur ohne Kommentar weiter.

Schliesslich sind wir abgesehen von einer älteren Frau, die ebenfalls wartet, noch die letzten, die übrig geblieben sind. Es kommen unzählige gelbe Taxis, aber keiner hält. Marc nervt sich nach der vorherigen Geschichte gleich nochmals.

Letztendlich hält ein Fahrer nahe bei unserem Standort und lädt einen Fahrgast aus. Ich frage ihn, ob er uns zum Hotel Dorian Inn fahren könnte. Ganz anständig bittet er uns um einen Moment Geduld und alles funktioniert! Er spricht gut englisch und ist sehr gesprächig. Im Nachhinein können wir uns anhand der Erklärungen im Reiseführer vorstellen, warum niemand gehalten hat. Athen lockt wie andere Grossstädte die Landbevölkerung an. Viele der Zugezogenen fahren Taxi, kennen aber die riesige Stadt nicht sehr gut. Die Stadtregierung erschwert ihrerseits die Situation, indem sie häufig die Namen der Stassen wechselt. Wer nicht schon lange Zeit in Athen lebt, kann sich teilweise nicht mehr orientieren. Unsere Strasse heisst auch nicht mehr so, wie sie auf dem Hotelprospekt noch angegeben ist! Wir erreichen das zentral gelegene Hotel Dorian Inn um 2200, bezahlen unseren Fahrer und erkundigen uns gleich an der Rezeption, ob wir das für die nächsten beiden Tage reservierte Zimmer schon beziehen können. Das scheint kein Problem zu sein, der Preis ist allerdings höher, obwohl uns der Herr an der Rezeption entgegen kommt. Wir möchten noch eine Kleinigkeit essen, er bittet uns aber sofort ins Restaurant zu gehen, da es eigentlich um 2200 schliesse. Wir werden im Restaurant im 3. Stock schon erwartet, erhalten ganz einfach das Tagesmenu in Windeseile serviert. Die Vorspeise ist gut, die Hauptspeise geniessbar, der Dessert mässig. Wenigstens müssen wir nicht verhungern. Bevor wir uns in unserem Zimmer einrichten, fahren wir mit dem Lift in den 12. Stock und werden mit einer grandiosen Aussicht auf die Stadt und die beleuchtete Akropolis belohnt. Das versöhnt uns wieder etwas mit der Taxigeschichte und dem Nachtessen.

 

Montag, 22. April

 

Aufstehen 0800. Das Zimmer ist schön gross, das Badezimmer ebenfalls. Wenn man aber in der Badewanne duscht, riskiert man eine kleinere Ueberschwemmung, denn wir haben keinen Duschvorhang. Bei Ivo und mir handelt es sich um einige Tropfen, Marc ist dann etwas grosszügiger! Schönes Frühstücksbüffet im 3. Stock. Nun verstehen wir, weshalb die Abfertigung gestern Abend sehr rasch ging, denn die gleichen Kellner sind schon wieder im Dienst. Mit einer grossen Saftmaschine können wir frischen Orangensaft pressen lassen. Der Kaffee ist einigermassen geniessbar.

Marc telefoniert der Swiss, wir wissen nicht, ob wir den Flug nach Zürich bestätigen müssen, scheinbar ist jetzt alles in Ordnung. Direkt gegenüber dem Hotel blinkt 24 Stunden die Anzeige einer Wechselstube, in der wir uns wieder Euro-Nachschub holen. Anschliessend machen wir uns mit dem Plänli, das wir an der Rezeption bekommen haben auf in Richtung historisches Zentrum. Wir haben unser Hotel zentral gewählt, damit wir die Sehenswürdigkeiten zu Fuss erreichen können. Es gibt in Athen so viele Sehenswürdigkeiten, dass wir uns etwas organisieren müssen. Heute nehmen wir uns die Region um die Akropolis vor. Unterwegs treffen wir auf den Basar, der sich über ganze Strassenzüge hinzieht. In einer Seitengasse entdecken wir einen Flohmarkt. Marc ersteht eine Banknote über 50 deutsche Reichsmark und einen Darlehenskassenschein ebenfalls über 50 Mark. Währenddem Ivo und Marc sich in einer riesigen alten Bibliothek in einem Untergeschoss umsehen, informiere ich Albi, wie es uns geht und wo wir uns herumtreiben. Er ist etwas gestresst durch die andauernden Computerprobleme.

Mit einem kleinen Umweg erreichen wir die riesige Anlage um die Akropolis. Wir müssen ein Eintrittbillet kaufen, an dem 5 verschiedene Abreisstickets angebracht sind für weitere kostenpflichtige Sehenswürdigkeiten. Ich finde die Idee, Athen als Ganzes zu „verkaufen“ sehr gut. Der Akropolisfelsen mit seinen teilweise noch recht gut erhaltenen Bauten ist ganz einfach auch heute noch überwältigend. Der Wind bläst sehr stark auf dem Hügel. Wir teilen die Empfindungen mit vielen anderen Touristen. An verschiedenen Bauten, vor allen am Pantheon wird restauriert und gestützt. Die Sandsteinbauten, die sich immerhin 2 500 Jahre recht gut gehalten haben, wurden in den letzten Jahrzehnten durch Abgase, Smog und sauren Regen stark beschädigt. Vor wenigen Jahren wurde über der gesamten Akropolis ein Rauchverbot verhängt, was das allein allerdings bewirken soll, weiss ich auch nicht. Verschiedene Skulpturen stehen heute im Museum, wo sie besser vor negativen Umwelteinflüssen geschützt sind. Das Akropolismuseum ist ebenfalls sehenswert. Wir stellen allerdings fest, dass man sich für ein besseres Verständnis im Voraus mit der griechischen Mythologie hätte beschäftigen müssen. Nun bleibt uns in unserer Unwissenheit nichts anderes übrig, als die Kunstwerke, die wir wohl als solche erkennen, anzusehen und zu bewundern.

Wir steigen den Hügel auf der anderen Seite hinab und ersteigen den nächsten Hügel, diesmal nicht an der direkten Sonne, sondern schön im Schatten der Bäume. Der Philopapposhügel ist nicht so berühmt, wir sind fast allein. Von der höchsten Stellen, beim Grab des Philopappos, bietet sich uns nochmals eine wunderschöne Sicht auf die Akropolis, diesmal von der anderen Seite. Wir benützen die gut ausgebauten, attraktiv angelegten Spazierwege wieder hinunter zum Nymphenhügel, auf dem heute eine Sternwarte steht. Kurz bevor wir wieder unten ankommen, essen wir in einem Ausflugsrestaurant einen griechischen Salat. Mitten im grössten Verkehr liegt der Tempel des Zeus. Riesige, gut erhaltene Säulen prägen das Bild. Wir suchen den Eingang, wieder wird ein Ticket abgerissen. Das Olympieion wurde für die panhellenischen Spiele benützt. Die Säulen sind 17.25 Meter hoch und haben einen Durchmesser von fast 2 Metern. So kann man sich den Eindruck auf uns vorstellen.

Auf der anderen Strassenseite erreichen wir die Altstadtquartiere, in denen es sich herrlich bummeln lässt. Mit einem Auge rekognoszieren wir schon, welche der vielen Tavernen für unser Abendessen in Frage kommen könnte. Einige Gassen sind sehr schön mit sauberen Platten als Fussgängerzone ausgebaut, entsprechend ist die Auswahl der kleinen Geschäfte. Andere wiederum sind dreckig und eng mit vielen kleinen Handwerksbetrieben und Trödelläden.

Wir gehen nochmals zurück zum Hotel, da Ivo den Akku seines Fotoapparates aufladen muss. Ivo kann den Akku nicht aufladen während unserer Abwesenheit, da wir im Zimmer nur Strom haben, wenn die Hotelkarte gesteckt ist. Da sie aber eigentlich als Schlüssel dient, müssen wir sie doch wieder mitnehmen. Wir essen in einer typischen Taverne in der Nähe des Hotels. Es gibt keine Speisekarte, sie würde uns sowieso nicht viel bringen, da wir die Gerichte nicht kennen. Wir werden gebeten, einen Blick in die Küche zu werfen und dann zu entscheiden, was wir essen möchten. Die Gerichte sind in grossen Pfannen bereit. Das Essen ist sehr gut.

Die Altstadt lädt erneut zum Bummeln ein. Immer wieder stehen wir vor alten Gebäuden, die ganz einfach zwischen den neueren Häusern stehen. Dadurch lassen sich die Sehenswürdigkeiten fast nebenbei entdecken.

In einer Ecke fällt uns ein Obdachloser auf, der sich mit einer grossen Kartonschachtel „einbettet“, umgeben von vielen Hunden, die sich scheinbar bei ihm wohlfühlen. Wir durchstreifen ein internationales Quartier, Läden von Indern, Irakern. Nach der Rückkehr ins Hotel fahren wir hoch zum 12. Stock, bestellen einen Drink und jassen mit Blick auf die beleuchtete Akropolis. Marc ist müde von seiner Erkältung. Wir haben auch heute wieder einige Kilometer zurückgelegt, aber das Hotel liegt wirklich ideal.

 

Dienstag, 23. April

 

Aufstehen ca. 0730. Das Wetter ist sehr schön, der Himmel ist wolkenlos. Nach dem Frühstück marschieren wir los in Richtung Kerameikos, einem nicht viel besuchten antiken Friedhof, der in einer schönen, trotz der zentralen Lage ruhigen Anlage zu besichtigen ist. Wir bummeln durch die Gräberreihen, Marc geht vor mir. Plötzlich sehe ich, dass er vermeintlich auf einen Stein steht, der vor meinen Augen langsam wegläuft. Die Schildkröte hat den Tritt glücklicherweise überstanden, Marc tut die Sache sehr leid, obwohl er nicht in schlechter Absicht gehandelt hat. Ich hebe das Tier auf und bringe es in Sicherheit abseits des Weges. Unbeirrt geht es dort weiter. Im Museum werden vor allem antike Vasen gezeigt und die Originale der besonders schönen Grabsteine.

Die nächste Station ist die griechische Agora. Hier bietet sich uns mehr oder weniger ein Trümmerfeld, es braucht viel Fantasie, sich die alte Stadt vorzustellen. Auf Bildern wird allerdings immer wieder gezeigt, wie die Gebäude früher ausgesehen haben könnten. Die römische Agora war ein grosser Markt, der auf allen Seiten von Säulenhallen umgeben war. Hier kann man sich die Situation besser vorstellen, da einige Säulen noch stehen. Der Turm der Winde fasziniert mich ganz speziell. Der achteckige Turm, in seinem Innern eine Wasseruhr, an den Aussenwänden Sonnenuhren, zeigt an den verschiedenen Seiten schöne Reliefs der entsprechenden Windgötter, die sehr gut erhalten sind. Eine Wetterfahne auf dem Dach zeigt die Windrichtung an.

Marc hat langsam genug von den vielen Säulen. Wir entscheiden uns, eine kleine Pause einzuschalten. Eine Metrofahrt steht sowieso auf dem Programm. Ich schlage deshalb vor, die Metro bis zur Hafenstadt Piräus zu besteigen und dort etwas zu essen. Auf dem Vorbeiweg sehen wir uns noch das Dionysostheater unterhalb der Akropolis an, das wir gestern „vergessen“ haben.

Bei der Station Thission lösen wir Billets und steigen in den nächsten Zug bis zur Endstation. Das Bahnhofsgebäude der Station Piräus ist sehr schön. Beim Ausgang sehen wir direkt gegenüber die grossen, weissen Schiffe im Hafen, ein fantastischer Anblick! Zuerst suchen wir aber ein Lokal, um uns zu verpflegen. Das erste verlassen wir wieder, nachdem wir merken, dass wir hier nur fastfood erhalten können und sehen in einer Nebenstrasse ein typisches, kleines Beizli, in dem einige Einheimische sitzen.

Die Chefin spricht sehr gut englisch. Ivo bestellt Red Snapper, Marc Octopus und ich einen griechischen Salat. Das Essen ist vorzüglich, wir geniessen die Atmosphäre.

Danach spazieren wir zum sauberen Hafen. Das Hafenareal ist durch einen hohen Metallzaun geschützt, die Tore sind aber offen. Es herrscht reger Warenverkehr, Lastwagen laden ein und aus. Einige der Schnellboote „Flying dolphin“, die das Festland mit den Inseln verbinden, liegen im Hafen. Auch grosse Fährschiffe, die Autos mitnehmen, warten auf die Abfahrt. Es wird auf den Schiffen geputzt und vorbereitet. Wir staunen, der Hafen von Piräus ist ein richtiger Vorzeigehafen, in keiner Weise schmutzig und düster wie viele Häfen, die wir schon gesehen haben. Es fällt uns sowieso eine rege Bautätigkeit vor allem in Athen auf. Scheinbar müssen sich die Athener noch massiv auf die olympischen Spiele von 2004 vorbereiten. Ich kann mir aber gar nicht vorstellen, dass sich neben dem ganzen normalen Touristenstrom auch noch die ganze Sportwelt hier treffen kann. Wie werden sich die Taxifahrer wohl dann verhalten? Wir fahren wieder mit der Metro zu unserem Ausgangspunkt zurück. Marc hat ja nun andere Luft geschnuppert, wir haben den Hafenbesuch aber auch genossen.

Auf dem Rückweg kommen wir ganz zufällig an der Mitropolis vorbei, die eigentlich auch auf unserem Wunschprogramm ist. Die kleine, alte Bischofskirche gilt als das schönste byzantinische Gotteshaus in Athen, was wir nur bestätigen können. Die Fassaden sind kunstvoll gestaltet mit Simsen und Reliefs.

Nun steuern wir direkt auf das neuere Athen zu, zuerst zum Parlament am Syntagma Square. Im Park vor dem Gebäude stehen viele Orangenbäume, die Früchte tragen, es herrscht ein emsiges Kommen und Gehen. Wir kommen gerade zur richtigen Zeit, um die Wachablösung der uniformierten Wachen zu bebachten. Ganz in der Nähe liegt der Präsidentenpalast, der ebenfalls bewacht wird. Die Männer, die die Wache übernehmen sind sehr gross, sie tragen kurze Röcke, weisse Kniesocken mit Quasten, die bei jedem Schritt wackeln. Wenn sie im Dienst sind, lässt sich keine, auch nicht die kleinste Bewegung feststellen. Direkt hinter dem Parlamentsgebäude spazieren wir in den Nationalgarten mit vielen verschiedenen Bäumen, Sträuchern, Blumen. Trotz der Nähe der belebten Strassen befinden wir uns hier wie in einer Oase der Ruhe. Aeltere Athener sitzen auf den Bänklein und geniessen die frische Luft. Das Grün wird immer wieder unterbrochen durch Tiergehege, Fischteiche, Vogelvolièren, die zum Verweilen einladen.

In der Nähe befindet sich das erste olympische Stadion der Neuzeit, wo die olympischen Spiele von 1896 vor 60 000 Zuschauern stattfanden. Heute kann jeder auf dem Oval trainieren und seine Runden drehen.

Wieder spazieren wir durch den grossen Nationalgarten zum Zappion, einem Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, das mit seinen Säulen dem Baustil der antiken Griechen nachgebaut ist. In diesem Gebäude wurde der Vertrag zum Beitritt Griechenlands zur EG unterzeichnet.

Wieder kommen wir auf die grosse Kreuzung, die vom Olympieion beherrscht wird. Wir kennen uns jetzt schon recht gut aus im Zentrum von Athen und gehen zielstrebig in die Altstadt. Auf einer Terrasse bei den Treppen, die vielen Restaurants Platz bieten, setzen wir uns und jassen. Ivo und ich trinken einen Ouzo. Wir können ja nicht in Griechenland sein ohne das Nationalgetränk versucht zu haben.

 

Das Essen nehmen wir wieder in einer typischen Taverne ein. Diesmal wird die Verständigung schwieriger. Der Kellner bringt dann ganz einfach ein grosser Tablett mit der Auswahl an Speisen, die heute bestellt werden können. Das Essen ist sehr gut. Auf dem Heimweg kaufen wir Bierli, die wir im Zimmer trinken bei einem Würfelspiel.

 

Mittwoch, 24 April

 

Aufstehen 0730. Nach dem Frühstück packen wir. Marc hat Probleme, seine Sachen wieder in den Rucksack zu packen. Ivo und ich sehen amüsiert zu, was ihn etwas ärgert. Er behauptet, für seine Sachen nicht mehr genügend Platz zu finden, bis ich ihm das Gegenteil beweise. Wir können unser Gepäck im Hotel lagern, da wir ja am Nachmittag zurückfliegen. Auf unserem Programm steht der Markt, der ganz in der Nähe ist. Nebst Früchten und Gemüsen, die wirklich anmächelig aussehen, wird in einer riesigen Halle Fleisch angeboten. Für heikle, empfindliche Personen ist der Besuch nicht empfehlenswert. In einer anderen Halle werden Fische und Meerfrüchte angeboten. Marc kauft sich Nougat. Wieder zieht es uns in die Altstadt. Wir haben mehrmals bei den vielen Strassencafés ein Getränk gesehen, das wie Kaffee mit Schaum aussieht, das müssen wir doch noch probieren. Es ist ein Eiskaffee, der Ivo und mir sehr gut schmeckt. Marc ist nicht gerade begeistert. Er hat auf dem Weg einen Schallplattenladen gesehen, der ihn anzieht. Während Ivo und ich nochmals geniessen, stöbert Marc im Laden. Schliesslich entscheidet er sich für 4 alte Platten, für die er 15 Euro bezahlt.

Auf dem Rückweg entdecken wir eine Hitlerbüste und eine Fahne mit Hakenkreuz, die vor einem Laden angeboten werden. Das kommt uns recht geschmacklos vor. Ivo möchte die Situation festhalten, wird aber von Ladenbesitzer schnell weggescheucht. Heimlich gelingt es ihm dann trotzdem aus grösserer Distanz, wenigstens vom Händler ein Bild zu machen. Heute bummeln wir durch den grossen Flohmarkt. Die meisten Anbieter haben keine Läden, sondern stellen ihre Ware auf und neben ihren kleinen Lastern aus. Unglaublich, was da alles angeboten wird! Zurück im Hotel fahren wir nochmals zum 12. Stock hoch, Ivo möchte noch einige Aufnahmen machen. Der Himmel ist leicht bewölkt, an der Sonne ist es aber schön warm. Um 1200 holen wir unser Gepäck und bestellen an der Rezeption ein Taxi, das uns auf den Flughafen bringen soll.

Wir fahren zum neuen Flughafen von Athen, der immerhin 50 Fahrminuten vom Zentrum entfernt ist. Der Flughafen ist sehr gross, uns scheint er überdimensioniert. Nachdem wir eingecheckt haben, setzen wir uns in ein Selfservice-Lokal. Etwas anderes gibt es gar nicht. Wir haben noch 17 Euros, die wir auszugeben gedenken. Es reicht für jede Person für eine recht schmackhafte Pizza. Einen Teil meiner Pizza gebe ich Marc ab, der sehr hungrig ist. Wieder fällt uns auf, dass auf dem gesamten Balkan sehr stark geraucht wird. Der Flughafen ist in keiner Weise Nichtraucherzone. Wäre vielleicht schon, aber wird nicht als solche respektiert.

 

Pünktlich um 1525 (-1 Stunde) fliegen wir ab in einer A 321, die etwa zur Hälfte gefüllt ist. Hinter uns sitzen ältere Personen, die dem Gespräch nach zu urteilen auf einer griechischen Insel waren, um Orchideen zu suchen. Eine Baslerin erzählt und erzählt fast ohne Luft zu holen. Wir hoffen, dass sie mit dem Essen zeitweise beschäftigt sein wird, täuschen uns aber, sie redet ununterbrochen einfach weiter. Sie geht uns bald etwas auf die Nerven, allerdings machen wir unter uns Sprüche. Das Personal der Swiss ist sehr nett und zuvorkommend. Service und Essen entsprechen den Vorgaben, die die Swiss gemacht hat, es ist wie versprochen hervorragend.

Albi holt uns mit dem Marc`s Audi vom Flughafen ab. Bei der Eröffnung, dass Ivo die nächste Nacht bei uns schlafen wird, erschrickt er, nicht weil er etwas dagegen hat, sondern weil er in diesem Fall sein Auto mit dem grösseren Kofferraum mitgenommen hätte. Wir bringen zu seinem Erstaunen ohne Problem das ganze Gepäck im Kofferraum unter. Zu Hause wird je nach Aufgabenbereich fleissig gearbeitet, die Fotos werden auf unsere Computer geladen, meine Aufgaben muss ich ja nicht mehr beschreiben, die werden sich nicht mehr ändern!

Wir haben interessante, erlebnisreiche und durch das gute Einverständnis trotzdem erholsame Ferien verbracht.

 

 

2 Gedanken zu “Zugsreise quer durch den Balkan 2002

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