Vergessene Marken Teil 1: Hillman und Sunbeam (Rootes-Group, Chrysler EU)

Rootes-Label

Abtauchen! Das geht auch in Geschichte. Zum Beispiel ins Reich toter Marken. Erinnern Sie sich an SIMCA? Gut, aber an Hillman…? Oder Sunbeam? Tauchen Sie mit zu den versunkenen Schätzen. Nein, so staubtrocken wie damals in der Schule wird es nicht, versprochen.

Hillman Minx Series IIIChillman-minx-hire-stockport-58e8671abce9b
Hillman Minx

Herkunft
Die Rootes-Gruppe, benannt nach den Rootes-Brüdern, war ursprünglich eine Handelsfirma. In den Krisenjahren um 1930 vermögend, kaufte sie eine klamme Automarke nach der anderen auf. Nach einigen Export-Erfolgen und dank einem guten Ruf im Heimmarkt England wuchs die Gruppe nach dem zweiten Weltkrieg weiter.

Die Rootes-Group machte früh „Badge-Engineering“, also gleiche Modellbasis unter verschieden positionierten Marken. Die hiessen zum Beispiel Hillman, Humber, Singer, Sunbeam. Mit der notwendig gewordenen Modernisierung von Werken und Modellen wurde die Gruppe ab den späten 1950ern zunehmend klamm. Dies rief den Chrysler-Konzern auf den Plan, der eine Chance zum Wachstum in Europa sah. Vorerst aber überlebte die Gruppe dank dem Erfolg der Minx-Serie (oben). Ab 1967 Mehrheitseigner, liess Chrysler bald englisch-konservative „Brot-Autos“ entwickeln. Trotz beschränkter Ausstrahlung und weitgehend fehlendem technischem Reiz liefen diese letzten englischen Modelle bis 1981 vom Band.

sunbeam_tiger

Sportlich: Sunbeam Tiger

Misserfolge und Longseller
Unsere Modellvorstellung der wichtigsten Typen beginnen wir in den frühen 1960ern: mit dem Imp, dem Typ, der den Mini zu kontern versuchte. Er scheiterte leider grossartig.

Imp-WerbungHillman Imp 1963-1976
Ein Mini-Konkurrent mit modernem Alu-Heckmotor, separat aufklappbarer Heckscheibe und sportlichem Fahrwerk mit Einzelradaufhängung. Aber auch leidend unter mieser Verarbeitung, trolligem Design und streikenden Fabriklern. Der Imp, den es auch als Coupé und Lieferwagen gab, floppte deshalb trotz Testsiegen über den Mini. Das neue Werk in Schottland, eigens für ihn gebaut, wurde Teil des Problems. Wer die Schotten kennt, kann vermuten, dass sie auf eine Amerikanische Führung sperrig reagierten…

sunbeam-stiletto-impHillman_Imp_HeckHillman-Imp-van_1

Rootes „Arrow“ (Codename), 1966 – 1979 (Iran 2005)
Nächstes wichtiges Modell war eine Mittelklasselimousine. Gefertigt in grosser Vielfalt, zielte diese auf leicht Besserverdienende, speziell als besonders komfortabler Humber Sceptre. Letzterer war auch ein Luxuskombi mit teppichbelegtem Ladeboden und Scheibenwischern am Heckfenster. Ein elegantes Coupé unter dem Namen Sunbeam Alpine und Rapier stand auch im Sortiment. Der Arrow bejagte weltweit zahlreiche Märkte unter einer Menge Namen : produziert wurde auch in Irland, Australien und Neuseeland. Im Iran lebte er unter der Marke „Paykan“ noch lange über das Millenium weiter.

Hunter GT 1

1969_Hillman_HC_Hunter_GT_Saloon_(32985495141)
Hillman Hunter

sceptre_Heck
Humber Sceptre

SunbeamRapierFastback
Sunbeam Rapier Fastback

1200px-Humber_Sceptre_estate_registered_August_1975_1725cc
Früher Nobelkombi: Humber Sceptre Estate

paykanPaykan
Letzte Phase: Paykan aus seiner späten Bauzeit

Hillman/Sunbeam Avenger, 1970-1981
Konservative Kompaktklasse mit attraktiver Colaflaschen-Linie, auch als Kombi lieferbar. Das war ein Weltauto: u.a. in den USA als Plymouth, in Argentinien sowie Brasilien als Dodge und später als VW 1500 unterwegs. Ich kann mich noch gut an den Avenger erinnern, speziell als Break der 2. Serie. Dieser lief meines Wissens auch bei der Schweizer Post als Telefon-Servicefahrzeug, in tarnkappenbomber-grau. Die Modelle verkauften sich ansonsten zeittypisch gerne in sehr leuchtenden Farben.

Avenger_Heck
Hillman_Avenger_1500_estate_first_registered_May_1974Avenger

Rares Modell war der 92,5 PS starke Avenger Tiger, der auf eine Stückzahl von wenigen hundert limitiert war. Ein doch recht ansehnliches Auto wie ich finde:

AvengerTiger

Die letzten Jahre wurden leider optisch trist:

Avenger Facelift
2. Serie mit Breitbandleuchten, pseudo-modern und irgendwie unstimmig im Aussehen

Avenger_Argentina
Brasilianischer VW mit englischen Wurzeln

Mehr zum Avenger (engl.): https://www.allpar.com/model/avengertiger.html

Chrysler Sunbeam, 1977-81
Die Rootes-Modelle liefen ab Mitte der 1970er-Jahre in Europa unter „Chrysler“ und konkurrierten Konzern-intern mit den moderneren Modellen von Simca. Überhaupt „Chrysler“: ein solcher musste doch gross und amerikanisch sein..? Statt also gut eingeführte Marken zu pflegen, wurde beim gleichen Modell gefühlt alle paar Wochen wieder der Badge gewechselt. 1976 entfielen definitiv alle alten Rootes-Marken, man hiess wie das Mutterhaus, 1978 erneut eine neue Marke: Talbot.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Höhepunkt dieser „Labelei“ war der Chrysler Sunbeam, ein hübsch-langweiliges Fliessheckmodell mit Heckantrieb, welches seine Einfallslosigkeit im Namen trug. Geboren als Imp-Nachfolger, musste der Kompakte die Plattform des Avenger austragen und wurde nach nur einem Jahr in Talbot umgetauft. Talbot war aber eine vergangene Luxusmarke und als Badge auf diesem konservativen Kleinwagen ziemlich deplatziert. Sunbeam zeigte früher mal sportlichen Reiz. Beides also fehl am Platz. Eine Marke als Modellname? Wer kommt denn auf so etwas? Interessant jedoch und Steigerung der Labelei war der sportliche Talbot Sunbeam Lotus. Sicher das Auto mit den rekord-verdächtig meisten Marken gleichzeitig am Heck. Rallye-Markenweltmeister 1981.  Damit Kasse machen: nein, denn dies war zugleich das letzte Verkaufsjahr seines kurzen Lebens. Die Knallbüchsen-Variante „Lotus“ mit ihrem 2,2-Liter-Motor und 150 PS für nur 930 kg ging entsprechend flott: die Briten nennen so etwas einen „Hot-Hatch(back)“. Wahre Worte…

1980-Talbot-Lotus-Sunbeam-2talbot-sunbeam-lotus-197183730-7

Zusammenwachsen mit Simca und das Ende
Meinem Eindruck nach fehlte in den 1970ern eine klare Produktstrategie bei Chrysler Europe. Weder schaffte man sich klare Märkte noch hatte man ein gutes Händchen bei der Entwicklung. Resultat: zunehmend fehlender Markterfolg und damit knappe Mittel.  Während die französischen Modelle relativ gut liefen, wurde die Entwicklung englischer Modelle kaum mehr investiert. Letzte „englische“ Entwicklung war der tragisch floppende, 1981 schon unter PSA (Peugeot) lancierte Tagora. Aber vorher schon zog sich Chrysler aus Europa zurück und vermachte den Gemischtwarenladen 1978 PSA.

talbot_tagora_2
Talbot Tagora: etwas Volvo 700er, etwas Opel Rekord: klare Kante ohne eine echte Persönlichkeit

Mehr davon im Teil 2 unter Simca.

 

4 Gedanken zu “Vergessene Marken Teil 1: Hillman und Sunbeam (Rootes-Group, Chrysler EU)

  1. Danke für diesen tollen Artikel – da habe ich echt etwas gelernt! Die frühen Avenger-Fronten weisen m.E. eine deutliche Verwandtschaft mit Opel-Modellen auf. An die Talbots kann ich mich noch aus Jugendzeiten erinnern.

    Liken

  2. den Avenger Kombi fuhr beim TCS als Pannenhelfer, nur war der eigene Avenger , meist der eigene Pannenhelfer, TCS stieg darauf auf Opel Record um>!

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.