Der Weiße Riese III

Gestatten, WR3

Eigentlich handelt dieser Blog von klassischen Autos, aber es geht ja auch um «savoir vivre». Und eigentlich bevorzugen wir Autos in dunklen Farben. Gleichwohl wurde es wieder ein weißes. Sehr weiß und sehr groß. Noch größer als seine Vorgänger, die Weißen Riesen I und II, einen Volvo 145 von 1972 und Pontiac Bonneville von 1964. Vor genau zwei Jahren durften wir ihn in Empfang nehmen. Prosaisch ist es ein Ford Transit mit angebautem Wohnteil. Einige Hersteller setzen, beschleunigt durch Lieferengpässe bei Fiat, seit Corona vermehrt auf Ford. In unserem Fall ist es die Firma Dethleffs und im bayrischen Isny werden dann aus den Chassis und den hauseigenen Aufbauten, wie der Marketing-Sprech sagt, Reisemobile. Alle anderen nennen es Wohnmobil, oder Womo. Wobei, die haben schon recht, uns ist der Aspekt «Reise» sehr wichtig. Wir fahren mit unserem «WR3» nicht auf einen Campingplatz und stehen dann dort ein, zwei Wochen. Vielmehr ist für uns der Weg das Ziel und das «Wohnen» kommt dabei eher zu kurz. Was eigentlich schade ist, denn das Gespann hat überzeugende innere Werte.

Weiterlesen: Der Weiße Riese III

Aber der Reihe nach. Wieso eigentlich so ein Mobil? Es bindet Kapital, steht die meiste Zeit rum und ist, eben, groß. Letzterer Punkt muss relativiert werden. Klar, 7.4m Länge, 2.3m Breite und 3.0m Höhe sind schon ordentlich. Aber der Transit macht es einem leicht. Automatik, sattes Drehmoment, LKW-taugliche Aussenspiegel und zwei Rückfahrkameras machen es zu einem Kinderspiel. Und beim Rangieren natürlich eine super Beifahrerin, welche weiss, wie man einweist. Und das Gefährt selbst auch voll im Griff hat. Also, wozu das Ganze? Wir pflegten schon in unseren jungen Jahren das Campen im Zelt und kommen mit beengten Verhältnissen gut zurecht (hilfreich für friedliche Womo-Ferien). Und wir bewegen uns gerne in Gegenden, wo die festen Übernachtungsmöglichkeiten eingeschränkt sind.

Statt bis zur Pensionierung zu warten und dann herauszufinden, ob uns auch diese Form des Reisens behagt, sagten wir uns: Warum nicht gleich? Zum vermutlich dümmsten Zeitpunkt der automobilen Geschichte, während Corona, machten wir uns auf die Suche nach einem geeigneten Mobil. An den einschlägigen Fachmessen konnten die Hersteller die meisten Modelle noch irgendwie zusammentrommeln. Beim Bestellen dann die Ernüchterung. Bis zwei Jahre Lieferfrist und ohne Kaufpreisgarantie wurden da aufgerufen. So einen Vertrag würde ich nie eingehen! Dachte ich und wir taten es dennoch. Modelle auf Transit hatten den Vorteil, dass da die Wartezeit «nur» neun Monate betrug. Das erlebten wir zuletzt vor 25 Jahren, als wir so lange auf unseren ersten BMW X5 warten mussten.

Zum Evaluationszeitpunkt waren wir völlig frei, ob Ford, Fiat oder sonstwas. Automatik war klar, da fielen schon einige weg. Die zwei weiteren Kriterien waren in Stein gemeisselt: Bettlänge deutlich über zwei Meter, dito Stehhöhe. So siebt man gleich gefühlte 90% der Möglichkeiten aus. Letztlich waren es noch drei, vier Marken und Modelle. Überzeugt hat uns schliesslich Dethleffs mit dem «Just Go 7055 EBL», wie WR3 bürgerlich heisst. Sehr modernes und schickes Inneres, schlichtes Äusseres. Zwei lange Betten, luxuriöse Innenhöhe, bequeme Sitze, «Raumbad» (Dusche und Bad/WC getrennt), grosser Kühlschrank. Und viel Stauraum und gleichzeitig Zuladungsmöglichkeit. Hierzulande gibt es (noch) keine 4.25t-Regelung. Da sind es entweder 3.5t oder man macht den LKW-Führerschein (bis 7.5t).

Anfangs hatten wir noch mit einem sogenannten Integrierten geliebäugelt. Das Chassis wird in diesen Fällen ohne Fahrerhaus geliefert, der Karosseriebauer lässt dann ein Fahrzeug aus einem Guss entstehen. Das Raumgefühl im Innern profitiert davon. Kostet und wiegt aber mehr und beispielsweise eine neue Windschutzscheibe zu finden kann, dem Vernehmen nach, nach einigen Jahren schwierig sein. Unser Just Go ist ein Teilintegrierter. Der Wohnaufbau schliesst direkt an die Fahrerkabine (ohne Rückwand) des Fords an. Das bedeutet natürlich, dass dort starke Kräfte wirken. Auch ist die Sache thermisch herausfordernd, da so ein Fahrerhaus geringer isoliert ist als der Wohnaufbau. Neben den genannten Typen gibt es noch die Campervans und Kastenwagen. Beide sind näher an alltagstauglichen Fahrzeugen, würden für unseren Geschmack aber zu viele Abstriche bedeuten.

Hier lässt es sich gut wohnen

Bei obigem Bild lässt sich gut die «Begegnungszone» zwischen Chassis und Karosserie erkennen. Bei einem Integrierten ist das Raumgefühl wohl grosszügiger. Hier gefällt uns aber die «cozyness» sowie die einfachere Verdunkelung bzw. Beheizung.

Bei den ersten Fahrten mit dem Riesengefährt kam mir die Erfahrung aus dem Militärdienst mit Pinzgauern (vor allem dem 6×6 Sanitätsfahrzeug) zugute. Auch der Weisse Riese II mit seinen 5.5m Gardemass hat uns umsichtiges Lenken gelehrt. Alles halb so wild, «easy does it».

Praktisch aus dem Stand brachen wir auf zur ersten grossen Fahrt. Nach Schweden, zu unserem Ferienhaus. Das Fahren auf der Autobahn war die erste Offenbarung: Völlig stressfrei! Bis anhin fuhren wir um vier Uhr früh los, um nach fast eintausend Kilometern rechtzeitig zur Einschiffung in Kiel zu sein. Staus und dichter Verkehr liessen einen dann nicht kalt. Und mit WR3? Alles kein Problem. Wir fanden heraus, dass 110km/h eine sehr angenehme Reisegeschwindigkeit sind und der Motor so genügend Reserven hat, mal etwas zu beschleunigen, um einen LKW zu überholen, ohne zum mobilen Verkehrshindernis zu werden. Das Gute: Der Verkehr findet sozusagen hinter einem statt, da die meisten anderen schneller sind. Gemütlich nähert man sich so einem Vorausfahrenden LKW und einzig die Spurwechsel zum Überholen fordern manchmal etwas Geduld. Aber Vorausschauendes Fahren praktizieren wir schon lange und nach einer gewissen Zeit mit gesetztem Blinker erbarmt sich meist jemand und so geht das partnerschaftlich.

Übernachtungsmöglichkeiten zu finden, kann in der Hochsaison, zumal an Wochenenden, herausfordernd sein. Das Drauflosfahren behagt uns aber ohnehin nicht und wir haben kein Problem damit, etwas im Voraus zu buchen. Das hat bisher auch geklappt. Intuitiv würde man wohl nach Campingplätzen suchen, diese bieten in der Regel die volle Infrastruktur, inklusive Küchen und Waschmaschinen. Wir haben aber festgestellt, dass sich die Zahl sogenannter Stellplätze laufend erhöht. Dort steht man in der Regel etwas dichter und die Infrastruktur reicht von gar nichts bis zum vollgefiederten Angebot. Gegenüber langjährigen Wohnmobilisten haben wir übrigens den Vorteil, die teils ungeheuren Preiserhöhungen für alle Dienstleistungen nicht mitbekommen zu haben. Die Preise sind für uns halt einfach, wie sie sind und dass überall viele Menschen sind, ebenso.

Die Qualität unseres Gefährts ist hervorragend und wir sind froh, keines dieser scheinbar häufigen Montagsautos erwischt zu haben. Quietschen und Knarzen sind da noch geringe Übel, mitunter scheinen die Vehikel undicht und allgemein lebensgefährlich zu sein. Bisher hatten wir ausser einem Wackelkontakt im Elektroblock – welcher allerdings dazu führte, dass die Hausherrin ihre Dusche draussen, im Regen, abschliessen musste und sich das Trittbrett nicht mehr einfahren liess – keine Probleme. Sonst hört man die wildesten Stories mit Schlamperei und fast krimineller Nachlässigkeit. Auch der Ford als Basisfahrzeug hat sich bewährt. Wir sitzen bequem, die Bedienung gibt keine Rätsel auf und die Rundumsicht aus dem Cockpit ist sehr gut. Einzig einen radarbasierten Tempomaten gab es weder für Geld noch gute Worte. Die sind im Stau und in Baustellen Gold wert. Immerhin haben wir einen normalen Tempomaten.

Die Haustechnik ist solide, Gas und Strom sind die Energiequellen. Mit zwei 11kg-Gasflaschen kann man schon einiges anstellen. Eine kräftige Heizung (Gas/Elektro) spendet auch Warmwasser und der Kühlschrank hält alles frisch. Ein Zweiflammen-Kochherd ist ausreichend. Gleich zu Beginn ersetzten wir das Klosett mit Wasserspülung durch eine Clesana-Anlage. Dort wird ein Teil des Geschäfts platz- und wassersparend verschweisst und verschwindet im Müll. Beschäftigen muss man sich mit seinen Ausscheidungen im Camper sowieso. Und mit dieser Lösung hält der Wasservorrat (110 Liter) deutlich länger. In der Dusche kann man aufrecht stehen, der Strahl ist nicht wie zu Hause, aber ausreichend.

Nach ein paar Tagen und Nächten mit sehr hohen Temperaturen im Schneckenhaus entschieden wir uns letzten Herbst, im Schlafzimmer eine Dachklimaanlage einbauen zu lassen. Da wir gerne die eine oder andere Nacht «off grid» verbringen und eine Lithium-Ionen-Batterie eingebaut haben, wählten wir eine der noch seltenen 12-Volt-Anlagen (Bergstrom Open Air). Unterstützt durch ein grosses Solarpanel (360wp). Der Härtetest für diese Kombi steht noch aus. Die Energieversorgung in so einem Vehikel ist eines der großen Themen. An Bord gibt es immer 12 Volt, von Haus aus besitzen die meisten einen Landstromanschluss für 230 Volt. Kühlschränke können mittels Kompressor oder Absorber und mit Strom oder Gas betrieben werden. Geheizt wird typischerweise mit Gas oder Diesel. Und wer rechnet erkennt, da gibt es viele Permutationen in der Kombination der Systeme.

Artgerechte Haltung garantiert
Artgerechte Haltung garantiert und Lokalpatriotismus inklusive

Ein grosses Thema im Wohnmobil-Besitz ist die artgerechte Unterbringung. Draussen stehen ist suboptimal und einen eigenen Garagenbau auf der Grundstückreserve war zu teuer. Wir hatten Glück und kamen im Nachbardorf in einer grossen Halle unter. Jeder hat dort sein eigenes Tor und kann wegfahren, wann er will. Strom gibt es auch und der Hausherr, Winzer, hat auch köstlichen Wein im Angebot. Nach zwei Jahren können wir für uns ein sehr positives Zwischenfazit ziehen. Wunschgemäss ist der Weg jetzt Teil des Ziels und wir freuen uns auf kleinere oder größere Abenteuer.

Kommentar verfassen

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..