Handzahmer kleiner Löwe: Peugeot 304S Cabrio

Ein langgehegter Traum…?

Woher er kommt

Nein, es war keine Liebe auf den ersten Blick. Damals, in den Siebzigern, als die Dinger noch häufig im Schweizer Strassenbild präsent waren, mochte ich sie nicht. Jetzt, mit nostalgischer Distanz und genauerer Beschäftigung finde ich sie interessant, diese kleinen Peugeot. Dazu beigetragen hat sicherlich auch der Besuch des Peugeot-Museums anlässlich der Blog-Ausfahrt 2019. Ich schoss dieses Bild:

Kann man dieses Gesicht nicht mögen?

Das eine und andere machte den Weg frei zum Spontankauf….

Wer nun etwas zu den kleinen Peugeots googelt, wird wenig erfahren. Sie sind aus der öffentlichen Wahrnehmung wegversickert. Darum vorneweg etwas einführenden Hintergrund.

Peugeot war in den 1960ern eher bekannt für Eleganz, Qualität und Langlebigkeit als dafür, fortschrittliche Modelle zu entwickeln. Die konservativ konstruierten 403 und 404 mit ihrem Pininfarina-Design waren sehr erfolgreich und prägten den guten Ruf der Marke mit. Es scheint aber, dass der Trend zu Frontantrieb und Quermotor in Sochaux trotzdem früh erkannt wurde. Mit dem Modell 204 erschuf Peugeot doch schon 1965 ein modernes Auto, welches in Frankreich auf Anhieb ein Bestseller wurde. Langer Radstand, Alumotor, Einzelradaufhängung! Man getraute sich dazu einen Variantenreichtum: der 204 verkaufte sich als Limousine, Kombi, Coupe und Cabriolet. Sogar ein Diesel war im Sortiment. Im Vergleich dazu bot VW seinerzeit in der gleichen Klasse nur den zweitürigen Käfer (immerhin auch als Cabrio)….

Peugeot 204

Dieses Erfolgsmodell musste für die Erschliessung neuer Käuferschichten in den 1970ern etwas wachsen, repräsentativer werden, die Lücke zum grossen 504 schliessen. Mit kleinem Aufwand, quasi als 204-Facelift, entstand so der 304. Dieser übernahm auch alle Varianten vom kleineren 204, der als Limousine in Peugeot-Tradition noch einige Jahre parallel weitergebaut wurde. Das Cabrio lief als 304 von 1970 bis 1975 vom Band. Meiner ist ein „S“, also die modellgepflegte Version mit etwas höherer Leistung und neuerem Armaturenbrett.

Wie er dasteht

Erster Eindruck: waren die Autos damals klein! Und: das ist eine hammerschöne Farbe, „Mercedes“-Blau 904. So sagen es die mitgelieferten Dokumente des Zweitlacks von 2003. Edel dunkel und schön kontrastierend zum zierenden Edelstahl von Stossstangen, Radkappen und Zierleisten. Das Dach geöffnet, zeigt er eine gegen hinten abfallende Linie, die noch knapp als „gestreckt“ gelten darf. Mit ein paar weniger stimmigen Details: die separaten Rücklichter waren schon damals nicht mehr modern, betonen das Kleinwagenhafte und kontrastieren damit stark die gelungene Frontansicht. Herzig, aber für mich die Harmonie störend, welche hier wie so oft bei Facelifts leicht verloren geht. Der Vorgänger 204 zeichnet mehr aus einem Guss, wirkt älter, dafür stimmiger. Der gleiche Vorbehalt gilt für das zu grosse Lenkrad (Bild) und die massiven Kopfstützen. Das Cockpit kann sich ansonsten sehen lassen:

Wie er sich fährt

Getraut sich noch jemand mit 145er-Reifen auf die Strasse? Ok, Derjenige weiss, dass modernes Kurven- und Bremsverhalten damit nicht erwartet werden kann. Damit fertig mit den Nachteilen, jetzt kommt nur noch Lob und das beginnt schon mit dem Ertasten des Türgriffs: das ist stabil, das ist Qualität! Er fühlt sich nostalgisch, aber wertig an. Dieser Eindruck setzt sich auch im Inneren fort. Also Türe auf und reinsetzen, nein reinsinken, denn die Sitze sind sofaartig weich und bequem. Den Zündschlüssel links einstecken. Starten mit Choke, je nach Wetter etwas eine Geduldsprobe. Kuppeln, per langem Gangstock den ersten von vier Gängen einlegen. Der Dreh am grossen, gepolsterten Lenkrad geht leicht von der Hand. Der 1300er – Alumotor erzeugt typischen Peugeot-Sound, bleibt dabei aber relativ laufruhig. Achtung: statt zu blinken schaltet man stets kurz den Scheibenwischer an. Jänu, rechts blinken ist Gewöhnungssache… Damals folgten alle Peugeot diesem Schema. Tiefe Bedienkräfte, gute Gasannahme: man schwebt dahin und kommt gut vom Fleck. Ganz nostalgisches Cabrio, fegt einem ab Landstrassentempo ein kräftiger Fahrtwind um die Ohren. Dafür ist die Sicht frei, am Edelstahl-Scheibenrahmen vorbei zum Himmel. Es darf dabei auch kühler sein. Bei Bedarf wird der Fussraum wohlig beheizt. Jetzt etwas mehr Gas geben: prollig öffnet die Drosselklappe den Vergaserdurchzug, begleitet von plötzlich derb-dröhnendem Geräusch: der S kann also auch böse! Sehr viel mehr Tempo löst die Aktion aber nicht aus. Bleiben wir lieber leise-kultiviert. Und geniessen den suberben Komfort, der nahe an einen hydropneumatischen Citroën herankommt. Trotz kurzem Radstand und nur 855 kg Leergewicht. Ganz anders als die brettharten alten Engländer, spielt der 304 hier den Verwöhner, als Alleinstellungsmerkmal unter den kleinen Offenen. Das gute, softe Fahrwerk verhindert auch Verwindungen der Karosserie, vermittelt damit weiterhin einen wertigen Fahreindruck. Bereit also für die grosse Tour? Jein. Platz hätte er: den Sitzen folgt ein kleiner Verdeckschacht mit Platz für Kleinigkeiten darunter und dann der erstaunlich grosse Kofferraum, der nebst üppigem Gepäck auch alle Reisesouvenirs aufnehmen könnte. Geduldig müsste man für die grosse Tour aber sein. Ist der Wagen doch bei höherem Tempo offen zu zugig und mit Verdeckmütze zu laut. Tempi über hundert km/h versucht man dadurch zu meiden.

300 Liter Platz für Reisesouvenirs.. der Teppich ist nicht original.

Erstes Fazit,
nach wetterbedingt schmalen Kilometern: das fährt sich, leicht und luftig. Es lässt sich im Verkehr mitschwimmen. Dank seiner Seltenheit ist er auch ein Eyecatcher, in der Schweiz fast auffälliger als ein Porsche. Reaktionen von Passanten zeigen dies beispielhaft. Im Kaufpreis inbegriffen war übrigens die fast komplette Historie mit Originaldokumenten und -Rechnungen. Er hat einige substanzerhaltende Investitionen bekommen, der kleine Peugeot. Dennoch bleiben einige Dinge zu tun: Startverhalten kalt verbessern, etwas Karosseriepflege, Aufhängung vorne. Soweit überschaubar, für einen Autotyp, welcher grösstenteils aus dem Strassenbild weggerostet ist. Das lohnt sich doch, nicht?

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