Am laufenden Band

Front
Es ist gut 30 Jahre her. Im Oktober ’88 erstand ich mir ein Kassettendeck der Marke Aiwa. Was für jüngere Ohren wie böhmische Dörfer klingt, war zu der Zeit eine durchaus normale Anschaffung. Warum?

Erstens: Musik war teuer. Eine da noch junge, bespielte Musik-CD kostete im Laden ungefährt 30 Franken (ca. 25 €). Wer eine hatte, wollte sie vielleicht auch im Auto hören und dort gab es keinen CD-Spieler. Also musste die CD „aufgenommen“ werden. Das ging nur mit einem aufnahmefähigen Bandgerät.

Zweitens: Tapedecks der späten 1980er-Jahre waren so ausgereift, dass ihr Klang kaum mehr von einer CD zu unterscheiden war. Was das „kopieren“ von CDs definitiv attraktiv machte. Der Leihhandel unter Freunden war deutlich.

Drittens: was heute der Handy-Kult mit den Jugendlichen anrichtet, war vergleichbar mit dem HiFi-Kult vor dreissig Jahren. Nur eine Stereo-Anlage? Nein, da ging noch etwas: mehr Optik, mehr Haptik, mehr Klang, mehr Leistung.

Gut, so ein Gerät stand dann mal da. Was tat man damit? Bessere Töne herauskitzeln halt. Begriffe wie Azimuth, BIAS, CrO2, Dreikopf-Gerät und Direct Drive waren Bestandteil der audiophilen Stammtischgespräche. Häh? Also gut, für die Generation Y nochmals von vorne.

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Musik wurde damals entweder analog entweder magnetisch (Tonband) oder mittels geprägten Schallrillen (LP) gespeichert. Dazu kam die damals noch junge optische Technik der CD. Wollte man sich eine Compilation, also eine selbst gemischte Zusammenstellung bauen, kam die Bandmaschine zum Einsatz. Einfach gesagt wickelte ein Motor Magnetband von einer Spule ab, mit einer definierten Geschwindigkeit an einem Tonkopf vorbei und auf eine zweite Spule wieder auf. Womit wir bei der Art des Bands und der Führung wären. Der Azimuth bezeichnet die exakte Führung des Bandes über dem Tonkopf. War er „verstellt“, ergab das ein sehr einseitig links- oder rechtslastiges Klangbild. Nächster Qualitätspunkt war das Band. Eisenoxid (Normal) , Chromdioxid (CrO2) oder Metallband  waren die Belagsarten, die auch Einfluss auf die Haltbarkeit nahmen. Eine gute Aufnahme musste mindestens auf CrO2 „gebrannt“ werden. Wollte man sehr dynamikreichen Sound, also gaanz leise bis ziemlich laute Töne erreichen, führte kein Weg am teuren, hoch aussteuerbaren Metallband vorbei.

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Erste Band-Generationen waren noch gross und unhandlich. Spulentonbänder wie beispielsweise von „Revox“ waren toll, teuer und umständlich. Philips entwickelte dann die Musicassette, bei der das Band kompakt und in einer Hülle geschützt geführt wurde. Darum geht es hier. Diese Kassetten wurden in den 1980er-Jahren durch japanische Firmen wie TDK oder Maxell auf ein sehr hohes Niveau gebracht.

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Grad vorhin habe ich eine meiner ersten Aufnahmen des XK-009 abgehört. Das über dreissig Jahre alte Denon-Band tönt noch immer sehr gut! Warum? Da ist gute Bandqualität eines namhaften Herstellers. Und: das XK-009 verfügte über einige dafür sehr wirkungsvolle Gimmicks. Es war ein Dreikopfgerät mit umschaltbarem Display für die BIAS-Einpegelung, hatte dbx, Dolby HX-Pro, einen „diskreten“ Schaltungsaufbau, gekapselte Potentiometer (Drehschalter), Vollmetallgehäuse und separate Trafos für Klang und Mechanik. Die aussen am Gehäuse angebracht waren! Fein gefasst mit den damals üblichen imitierten Nussbaumholz-Zargen machte das zehn Kilo Kampfgewicht. Damaliger Preis: 1170.- Franken (ca. 950 €). Aiwa als eigentliche Billigmarke gab sich damals Mühe, mit gutem Engineering einen Fuss ins „High-End“, heute sagt man „Premium“, zu setzen. Leider vergebens, die Firma ist kurz vor der Insolvenz durch Sony gekauft und später (2002) liquidiert worden.

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Heute kaum mehr denkbar in dieser Preisklasse: separate Stromführung

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Vergoldete Kabelbuchsen.

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Blick in den Kassettenschacht. Die Bildmitte zeigt die drei Tonköpfe: Lösch-, Aufnahme- und Wiedergabekopf, letztere getrennt. Damit konnte direkt nach der Aufnahme die Qualität abgehört werden.

Das Magazin „Stereo“ ordnete das Gerät in die angehende Spitzenklasse ein. Es rühmte den Klang, bemängelte aber die riemengetriebenen Antriebe, die mir prompt nach zwölf Jahren zum Verhängnis wurden: Riemenriss!

Zeitreise, back to …. 1988. Stellen wir uns nochmals eine Aufnahme vor. Die Vorbereitung: Länge der Musik checken, da die Kassetten in unterschiedlichen Längen erhältlich waren. Dann Band einlegen, BIAS messen mittels Kontrollton und einpegeln. Zurückspulen, schauen, dass der nicht speicherfähige Vorspann schon geendet hat, Pause und Aufnahme (Rec) drücken. Jetzt kommt der sinnliche Moment: wir lassen Musik sichtbar werden! Jedes Bandgerät (oder neudeutsch Tapedeck) monitorte den Lautstärkepegel mit LED- oder LCD-Anzeigen, die ähnlich einem DJ-Mischpult wild ausschlagend einen schönen optischen Zusatzreiz aussandten. Je feiner die Stufung, desto genauer die Pegelung. Zu hoher Pegel (roter Bereich) äusserte sich in Verzerrungen, also passte man fast peinlich genau auf. Herausfordernd waren beispielsweise Pink Floyd-Alben, die sehr hohe Lautstärkepeaks haben. Sind wir eingepegelt? Dann Pause loslassen – die Aufnahme läuft. Zur Kontrolle den Kopfhörer aufsetzen und bei Dreikopfgeräten die „Tape-Monitor“-Taste ein-/ausschalten. So hört man Eingang und Aufnahme nah beieinander. Ist das Stück zu Ende, rechtzeitig Pause drücken! Ohne das konntest du wieder von vorne beginnen.

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Das LCD-Display beim BIAS kalibrieren…

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…und umgeschaltet im zweiten Schritt beim vorbereiten der Aufnahme. Gut sichtbar: der „Pegel-Peak“, die drei Bälkchen rechts. Was kurze Zeit die maximale Lautstärke anzeigte. Eine „Metal-Kassette war bis zum roten Wert „10 dB“ aussteuerbar. Das bedeutete mehr Klangdynamik (Differenz zwischen leisen und lauten Tönen).

Wir kennen es ja: das Analoge hat Nachteile. Es kann mechanisch kaputt gehen. Bandsalat machen. Oder einfach systembedingt nur knistern und rauschen. Letzterem rückte die Kinogängern bekannte Dolby Corp. zu Leibe. Die so genannten Rauschunterdrückungssysteme Dolby B und C sowie dbx waren wählbar und sorgten für markant weniger Nebenlärm.

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All dies tönt einigermassen kompliziert. Aber interessant: nie mehr später war selber Musik zusammenstellen gleichzeitig so herausfordernd und doch begeisternd. Weil man das für ein gutes Resultat beherrschen musste. Weil man gute Hard- und Software brauchte. Und ein feines Händchen beim pegeln. Anfangs mit einfachsten Mitteln beginnend die Charts aufzunehmen, vertrieb man sich später Stunden,  um sich oder der Angebeteten ein passendes Bändchen zu formen… Schön war’s.

Und heute? Hat der Stellenwert eines einzelnen Songs abgenommen. Musik ist wie vieles jederzeit fast kostenlos verfügbar. Kostbare Sammlungen wie früher sind out, es wird gestreamt, geyoutubed und ganz selten noch gebrannt. Das alles ist viel weniger kompliziert und anspruchsvoll als zu Zeiten des Bands. Aber auch deutlich unsinnlicher.

 

8 Gedanken zu “Am laufenden Band

  1. Sehr schön geschrieben! Man fühlt sich gleich wie auf Zeitreise… Meine Musik zuhause höre ich immer noch auf einer klassischen HiFi-Anlage. Meist CD oder ab und zu werfe ich auch den Plattenspieler wieder an. Ich gehöre immer noch zu den CD-Käufern. Ich will ein Album physisch in den Händen halten! Nur im Auto, da bin ich bequem geworden und höre Musik meist per SD-Card oder USB-Stick. Ich höre gerne Songs von verschiedenen Interpreten im Auto, das Gequatsche im Radio geht mir ohnehin auf die Nerven, also Musik. So lese ich seit Jahren schon jede gekaufte CD zuerst am Computer ein. Und kann mir dann bequem was zusammen stellen. Früher brannte man noch die entsprechenden CD’s. Und ganz früher noch die Cassetten. Da war dann, wie so schön beschrieben, der Aufwand schon ein wenig grösser. Und dann dazu noch ein selbstgemachtes Cover – das musste einfach sein! 🙂
    Wer kann sich eigentlich noch an die FERA erinnern in Zürich? Die war glaub immer im Februar. Das waren noch herrliche Zeiten! All die Neuheiten anzuschauen und zu träumen, was man sich als nächstes anschaffen wollte…

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  2. Sehr schöner Artikel! Zum Thema Musikalische Zeitreise kann ich das Museum Enter in Solothurn empfehlen. Ich habe es kürzlich besucht, und was sie das alles haben ist einfach unglaublich.

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  3. Ich liebe diese VCD-Displays! Da kann alles was danach kam einpacken.
    So eines als Punktmatrix in meinem Becker Autoradio, das wäre es! Heutiges HiFi, so noch bezahlbar zu finden, wird leider auch immer mehr Bling Bling.

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    • Du sprichst mir aus dem Herzen. Dieses Blingbling heutzutage kann ich sowenig teilen wie das „Schtriiimen“ von Musik. Ich brauche etwas zum Anfassen, seien es LP, CD oder die gute alte Music Cassette. (natürlich alles mit „C“ geschrieben) 🙂

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  4. Ja, wer käme da nicht ins Schwärmen. Schöne Erinnerungen werden wach, danke für deinen Artikel! Und ich erinnere mich, wie ärgerlich es bei Direktaufnahme im Radio (ohne Übersteuerungsregler) war, wenn der Moderator ins Ende des Songs reinquatschte!

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